Radau-Rave: Der Boah!-Effekt

Nach jahrelangen Lektionen in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie hat sich 2007 auf den Tanzflächen der Radau durchgesetzt - Jungs, die Krach mit Computern machen.

Plattenteller können zu Hause bleiben: Radau-Rave kommt aus dem Rechner. Bild: dpa

Was ist die Steigerungsform von Rock? So absurd es auch klingen mag, wird derzeit ein ziemlich in die Jahre gekommener Begriff bemüht, um einer neuen Mode musikalischer Dreistigkeit beizukommen: die Steigerung von Rock ist Rave. Noch vor kurzem hatte kaum jemand elektronische Musik noch als frische und junge Integrationsbewegung auf dem Zettel. Doch im vergangenen Jahr war der neuen Begeisterung an digital fabriziertem Radau kaum zu entkommen. Das Schlagwort vom "New Rave" wurde dabei bereits vor über einem Jahr als ziemlich inhaltsleere Hype-Hülse in England geprägt. 2007 folgte auch auf dem Kontinent eine Reihe von krachig-ravigen Debütalben, für die der Begriff wie gemacht schien. Erst das Buzzword, dann die Musik dazu - eine bemerkenswerte Umkehrung der Verhältnisse.

Das Pseudonym eines Berliner Protagonisten des Phänomens sagt, was Sache ist: Boys Noize. 2007 handelte von Jungs, die mit ihren Computern richtig Krach machen wollen. Das stimmt von den Band-erprobten Briten von Simian Mobile Disco bis zu Mark E. Smith, der mit Mouse On Mars als Von Südenfed herumbratzte. Und es stimmt für die Pariser Labelfamilie Ed Banger mit dem Duo Justice als Aushängeschild. Der Name spricht eine eindeutige Sprache: Er darf als etwas doofer Wortwitz gelten, der auf französisch-charmante Englisch-Unzulänglichkeiten wie auf Heavy Metal verweist. Seit Rave der neue Rock ist, darf man auf den Tanzflächen wieder headbangen.

Zwei weitere Protagonisten des Radaujahrs aus Hamburg nennen sich Digitalism. Die Indie-Techno-Knaller ihres Debütalbums "Idealism" haben dabei mit einer puristischen Ideologie des Digitalen nicht das Geringste zu tun. Bei ihren Konzerten stehen Schlagzeug und Mikrofon auf der Bühne, es röhren die Gitarren. Trotzdem könnte der Name kaum passender gewählt sein. Ohne die Lektionen in Selbstdarstellung, die uns in der digitalen Sphäre des Netzes verordnet wurden, wäre der durchschlagende Erfolg dieser Musik nicht zu erklären - gerade angesichts der Tatsache, dass es dieselbe Elektro-Rock-Fusion vor wenigen Jahren als "Electroclash" schon einmal gab.

Das Programm, Punk und Rock als elektronische Partymusik aufzubrezeln, funktioniert wieder genauso. Es wird von Digitalism, Ed Banger und Konsorten bloß noch unverblümter betrieben, besser für den Dancefloor optimiert und vor allem: ungemein effektiv. Hier gibt es keinen Platz für Verschlurfen oder lässiges Grooven. Präzision und derbste Klarheit sind gefragt, es wird immerzu das absolute Maximum gefordert: totale Jetztmusik. Vorausgedacht wird höchstens bis zum nächsten Break - und das kommt verlässlich nach weiteren vier Takten.

Eine wesentliche Neuerung zu Electroclash gibt es aber zu vermelden: Das Starmodell ist ein grundlegend anderes. Das Versprechen "Auch du könntest der Star sein!" ist nicht mehr durch eine Fassade aus Glamour codiert. Normalos stellen sich explizit als Normalos auf die Bühne, meist in der Ausprägung: zwei schlaksige Jungs in bunt bedruckten T-Shirts, ein klein bisschen crazy zurechtgemacht. An Inszenierung reicht aus, den Kamm zu meiden und sich eventuell eine zu große Brille auf die Nase zu setzen. Der Radau-Rave ist kein Karneval der Verpeilten, sondern eine Maskerade der Wochenend-Normalität. Der normale digitale Mainstream in Ausgehlaune. Der Video-Clip zu Justice Hitsingle "D.A.N.C.E." lieferte das perfekte Bild für dieses beliebig lesbare Modell: Zwei gesichtslose Jungskörper laufen als Projektionsfläche für Slogans und bunte Bilder in Richtung Kamera. Der Star als endlos neu zu beschreibende Leinwand.

Dieser Offenheit und Anschlussfähigkeit zum Trotz, liegt es eigentlich in der Natur der Dinge, dass sich eine Musik der permanenten Höhepunkte schnell totlaufen muss. Electroclash wurde innerhalb kürzester Zeit zum Buh-Wort. Nun aber stimmen endlich auch die Rahmenbedingungen für die neue Krassheit. Verkürzte Aufmerksamkeitsspannen und ein generelles Zuviel an Input wurden im Radaujahr 2007 mit permanenter Reizüberflutung gekontert. Die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets formt so nicht länger nur Inhalte, sondern kulturelle Praktiken vom Musikkonsum über Mode bis hin zu Riten und einzelnen Gesten auf der Tanzfläche. So aufregend sich das im ersten Moment anfühlt, es kann doch ganz banal mit dem Gähn-Wort vom Web 2.0 erklärt werden. Die Radaubrüder machen Musik wie das Foto eines MySpace-Profils: bunt, grell, durchsetzungsfähig. Mehr schrill ist gleich mehr Friends.

Außerdem knallen Songs von Justice oder Digitalism selbst noch, wenn man sie über Laptop-Lautsprecher hört. Während beim nach wie vor Hype-mächtigen Minimal Techno oder gar im Dubstep ohne riesige Bassboxen nicht viel mehr als Schaben und Scheppern aus den Boxen plumpst, gibt es bei der Radauelektronik immer die volle Ladung. Die tiefen Frequenzen sind vernachlässigbar, laut wird es in den Mitten, wo derbe Verzerrung regiert. Jeder noch so kurze Schnipsel dieser Musik fordert ein lautes "Boah!" ein.

Natürlich ist so ein Boah-Effekt das Beste, was der Popkultur passieren kann. So verwundert die Einhelligkeit nicht, mit der das Phänomen in den Clubs ebenso abgefeiert wurde wie vom Popfeuilleton. Allein die selbstbewusste Anmaßung dieser Boah-Ästhetik rüttelte den digitalen Mainstream kollektiv wach. Sie schaffte einen überraschend breiten Konsens, in den man sich nur allzu bereitwillig einreihte - zumindest für die erste halbe Stunde Radau-Rave. Wer danach das Dauerfeuerwerk der Höhepunkte satt hatte, wurde zumindest daran erinnert, sich wieder neue Strategien und Nischen zu erobern.

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