Roma in Deutschland

Jenseits der Müllhalde

Viele Roma leben in Deutschland nur auf Zeit, gelten offiziell als "geduldet", einerseits. Andererseits sollen sie sich gefälligst integrieren und ihre Kinder zur Schule schicken.

Junge Roma (hier in Bulgarien) - Man behandelt sie, auch in Deutschland, oft wie den letzten Dreck. Bild: reuters

"77 plus 13?" - "42!" "66!" "64!" Einige Schüler stehen aufgeregt auf den Tischen, andere auf den Stühlen. Wer eine richtige Antwort gibt, darf eine Stufe herabsteigen. Vom Tisch auf den Stuhl, von dort auf den Boden.

"Einige waren schon bruchstückhaft in anderen Schulen, einige haben hier die erste Alphabetisierung gemacht", sagt Sybille Haag, die Lehrerin. 30 Roma-Kinder im Alter zwischen vier und vierzehn Jahren sind in zwei Altersgruppen eingeteilt. Der Unterricht findet auf einer Anlage abseits des Kölner Westbahnhofs statt. Das Gelände ist umzäunt. Draußen am Metalltor hängt ein Schild mit der Aufschrift: "Amaro Kher". In der Sprache der Roma heißt das: unser Haus. Das sind drei Baracken in Hufeisenform angeordnet. Unter einem Vordach aus Plexiglas steht eine Tischtennisplatte, drüben hängt eine rostige Schaukel über dem sandigen Vorplatz.

Die Kriege im früheren Jugoslawien, die Gewalt und Erfahrungen von Ausgrenzung auch in den übrigen Balkanländern haben einen massiven Zustrom von Roma nach Mitteleuropa bewirkt.

Allein in Köln leben 3.500 Roma-Flüchtlinge mit ungesichertem Aufenthaltsstatus, zwei Drittel sind Kinder und Jugendliche.

Mit dem EU-Beitritt Rumäniens hat sich der Zustrom von Roma noch einmal deutlich erhöht.

"Wir haben hier Kinder, die gelten für die Kölner Polizei als Intensivtäter, das heißt, sie begehen Taschendiebstähle. Bei anderen Kindern ist es so, dass die älteren Geschwister auffällig sind", meint Marlene Tyrakowski, die Leiterin von Amaro Kher. Vor drei Jahren hat der Rat der Stadt Köln eingesehen, dass das so nicht weitergeht. Nun soll Amaro Kher helfen, die Kinder von der Straße zu kriegen.

Marlene Tyrakowski schaut aus dem Fenster ihres engen Büros auf den Vorplatz: "Kinder, die neu hierherkommen, sind in ihrem Körperausdruck sehr verhalten. Sie machen das, was auch ihre Eltern machen: die Arme verschränken, sich abgrenzen und erst mal schauen, was passiert."

Alle drei Monate müssen die geduldeten Roma-Familien zum Ausländeramt, um ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlängern. Die Angst vor der Abschiebung sorgt bei den Roma, die hier sind, für einen ständigen psychischen Druck, und dieser Druck überträgt sich auf die Kinder.

"Das geht teilweise seit dreißig, vierzig Jahren, und diese Illusion, alle drei Monate ein Bleiberecht und dann geht ihr irgendwann, ist völliger Stuss", sagt Peter Stankowsky, Kinderarzt. Er ist Anfang sechzig, wirkt aber wesentlich jünger; einer, der noch was bewegen will. Er hat sich bei Amaro Kher in einem Seitenflügel ein kleines Sprechzimmer eingerichtet. Zweimal in der Woche schaut er nach den Kindern. Das Zimmer ist karg möbliert. Eine Liege steht an der Wand. Gegenüber ein kleines Regal mit medizinischer Fachliteratur. "Ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass die Seele eines Kindes gekränkt ist, weil es in so schlechten Bedingungen lebt, und dass viele Roma-Familien eine ganz verkommene Art haben, untereinander und mit Kindern umzugehen, weil sie ihr Leben lang auf der Müllhalde verbracht haben."

Schulpause bei Amaro Kher. Die kleineren Kinder sitzen vor der Baracke auf einer Bank. Ein sechsjähriges Mädchen im hellblauen Kleid stützt beide Ellbogen auf den Tisch. Es erzählt spontan in gebrochenem Deutsch vom Streit mit einem großen Jungen. Peter Stankowsky beobachtet sie aus dem Sprechzimmer heraus. "Die einen werden unglaublich aggressiv und spielen kleine Machos, andere verkriechen sich in sich selber. Ein Mädchen hat hirnorganische Anfälle bekommen. Es hat seine ganze Not und Aggressivität in unkontrollierte Körperzuckungen gepackt, die aussahen wie epileptische Anfälle. Ein kleines Mädchen hat jeden Tag Bauchweh. Der Bauch dieses Kindes hat nichts, was man behandeln müsste, sondern dieses Kind ist einfach deprimiert, und es kann das nicht schlucken, was es schlucken muss im Leben."

Was es zu schlucken gibt, sieht man in der Vorgebirgsstraße. Sie führt aus der Kölner Südstadt heraus. Hinter dem Volksgarten steht ein grauer, dreigeschossiger Gebäudekomplex für rund 30 Familien. Vor dem Eingang parkt ein Kleinbus der Polizei. Die Stadt Köln unterhält im Erdgeschoss ein Büro, um Neuankömmlinge zu registrieren. Die Polizei nimmt Fingerabdrücke zur Identifikation. Man will vermeiden, dass Roma mehrfach Unterstützung beantragen, in verschiedenen Städten. Der asphaltierte Innenhof ist abgezäunt, Kinder laufen hin und her. Durch die geöffneten Fenster schaut man auf lange, kahle Flure. Zu beiden Seiten liegen die Wohnungen. Familien mit vier bis sechs Personen leben in einem Raum. Eine Hilfsorganisation sorgt für Möbel. Die Matratzen werden morgens aufeinandergestapelt. Kinder finden hier keine Ruhe. Ein etwa 14-jähriger Junge läuft vor dem Gebäude nervös hin und her. Er stülpt sich das T-Shirt über den Kopf, wie es Fußballer tun, wenn sie eine Chance vergeben haben. Er schreit dazu.

Marlene Tyrakowski hat einen Rom angestellt, der die Kinder jeden Morgen mit einem Kleinbus zur Schule bringt.

Auch Peter Stankowsky fährt regelmäßig zu den Wohnheimen: "Die Kleine mit den Bauchschmerzen steht im Nachthemd schon auf der Straße, weil sie unbedingt mit in die Schule möchte. Die Kinder müssen das selbst regeln, und mit acht, neun Jahren machen sie das auch. Die Kooperationsbereitschaft der Eltern ist minimal."

Im Seitenflügel werden die jüngeren Kinder betreut. Zwei Lehrerinnen sitzen mit ihnen an kleinen Tischen und sortieren Bausteine nach Farben. Orhan Sarowski kommt hinzu. Er ist 28 Jahre alt, auch er ein Rom. Er studiert Germanistik. Seine Eltern haben seinerzeit viel Wert auf die Bildung ihres Sohns gelegt. Obwohl die Familie vor einigen Jahren nach Mazedonien zurückkehren musste, schaffte er es, einen Studienplatz in Düsseldorf zu bekommen. Zweimal pro Woche fungiert er nun als sogenannter Mediator. Die Lehrer können die sprachlichen Probleme manchmal nicht allein lösen. Und dass man Roma-Kinder ohne die Hilfe von Roma nur schwer in eine Schule integrieren kann, ist eine Erfahrung, die man bundesweit macht.

Zvonko Salijevic ist Mediator eines Projekts im Berliner Stadtteil Neukölln. Er ist Mitte 30 und in Serbien geboren. Seine großen Augen strahlen Zuversicht aus, und die braucht er auch. Mit der Langmut eines gutmenschelnden Sozialarbeiters käme er hier nicht weit. "Kiez mobil" heißt die Einrichtung in einem Hinterhof am Kottbusser Damm, ein Projekt für Jugendliche, die an normalen Schulen gescheitert sind, darunter viele Roma. "Ich habs nicht geschafft, weil ich zweimal sitzen geblieben bin, und dann kann man nicht mehr weiterkommen, das heißt also: Game over."

So viel zu Perspektiven. Zwei Kids im Alter von etwa 16 Jahren sitzen lässig auf dem Sofa des Aufenthaltsraums. Auch sie sind Roma. Sie sind spät dran. Sie wollten sich eigentlich auf die theoretische Prüfung für den Mofa-Führerschein vorbereiten. Zu beiden Seiten des Flures sind zwei Unterrichtsräume, in denen die Jugendlichen nachholen, was sie in den Jahren zuvor versäumt haben. In der Pause steht eine Gruppe im Innenhof zum Rauchen beisammen. Milo tut sich hervor. Er ist ein Energiebündel. "Ich hab Scheiße gebaut in der Schule. Und dann hab ich von Freunden gehört, hier kann man erweiterten Hauptschulabschluss machen."

Hinter einem der Unterrichtsräume hat man eine kleine Halle hinzugemietet, eine Mechanikerwerkstatt. Ein Motorroller ist aufgebockt. Unter dem Fenster steht eine Werkbank mit Schraubstöcken, drüben eine Kreissäge. Man will den Kids Fertigkeiten der Kfz-Mechanik vermitteln. Ob sie damit später Berufschancen haben, steht dahin. Aber darum geht es zunächst auch gar nicht. Hauptsache, die Kids tun was.

Peter Stankowsky fragt sich, wieso die Kinder nicht überhaupt bleiben können: "Nehmen wir mal die Diskussion um abnehmende Bevölkerungszahlen in Nordrhein-Westfalen, weil es zu wenig Kinder gibt: In den Heimen gammeln Kinder rum, die liebend gern unsere Schulen bevölkern und hier bleiben würden, und die werden davon ausgeschlossen. Ich könnte auf Anhieb dem Ministerpräsidenten 300 Kinder nennen, die alle einen deutschen Pass möchten und alle gerne dann auch seine Wähler würden."

In dem kleinen Klassenraum sortieren die Kinder weiter Bausteine nach Farben. Im Wasser brauchen sie zuerst Schwimmflügel und am Fahrrad Stützräder. Das unterscheidet sie grundsätzlich nicht von anderen Kindern.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de