Künstlerboykott zum 60. Geburtstag Israels: Sand im Getriebe der Staatskultur

Im kommenden Mai soll mit viel Pomp 60 Jahre Israel gefeiert werden. Doch die Künstler im Land drohen mit Boykott, sollte der Kulturetat weiter gekürzt werden.

Olmert zeigt sich gesprächsbereit, den Kulturetat aufzustocken Bild: dpa

Man braucht nicht nur fähige Gewerkschaften und ordentliche Öffentlichkeitsarbeit für einen erfolgreichen Streik. Für effizienten Druck ist auch das passende Timing entscheidend. Insofern dürfte für die israelischen Künstler jetzt der optimale Zeitpunkt zum Streiken gekommen sein. Denn im kommenden Mai begeht Israel seinen 60. Geburtstag. Der Unabhängigkeitstag wird stets groß gefeiert, und um eine pompöse Party auf die Beine zu stellen, ist das Land auf all seine "künstlerischen Ressourcen" angewiesen, wie es im bürokratischen Jargon heißt.

Doch die Künstler drohen mit Protest. Sie wehren sich damit gegen die Kürzung des staatlichen Kulturetats für das Jahr 2008 und gegen die schlechte finanzielle Situation der Kulturszene im Allgemeinen. Die größte Künstlergewerkschaft des Landes, das "Forum der Kulturinstitute", hat verkündet, dass ihre Mitglieder an den Vorbereitungen der Feier nicht teilnehmen werden und wenn nötig auch die Party selbst boykottieren. Zum Forum zählen 150 Mitgliedsinstitute, die von Tanz, über Theater bis hin zur Musik in allen möglichen Sparten angesiedelt sind. Normalerweise entwickeln sie für die Feierlichkeiten ein aufwändiges Showprogramm, das auf zahlreichen Bühnen im ganzen Land vom Nachmittag bis spät in die Nacht präsentiert wird, begleitet von viel Tamtam und Feuerwerk. Nun wurde seitens der Künstler mit dem Ausfallen der Shows gedroht.

Das Pochen der Künstler auf mehr Geld darf man ihnen nicht als Gier auslegen. Ihre finanzielle Situation ist vom Idealzustand weit entfernt. Die Unesco empfiehlt, zumindest ein Prozent des Gesamtetats eines Landes für Kultur aufzuwenden. In Israel können die Künstler mit keinerlei festem Budget rechnen, jedes Jahr müssen sie es sich in Verhandlungen neu erkämpfen, beziehungsweise erbetteln. Laut Itamar Gorewitsch, dem Vorsitzenden des Forums, standen dem Kulturbetrieb im letzten Jahr gerade einmal 0,12 Prozent des Staatshaushaltes zur Verfügung. Was wenig ist, wenn man die Menge und Vielfalt der in Israel produzierten Kunst bedenkt. "Das Forum verfolgt drei Ziele", sagt Gorewitsch. "Erstens wollen wir die Kürzungen des Budgets rückgängig machen, zweitens ein festes Budget für die Jahre von 2008 bis 2010 vereinbaren." Das dritte Ziel sei die Verabschiedung eines Gesetzes, das dem Kultursektor 0,5 Prozent des jährlichen Staatshaushaltes sichert. "Wir hoffen, dass es 2009 in Kraft tritt", so Gorewitsch.

Der Ministerpräsident Ehud Olmert und der ehemalige Kulturminister Meir Schitrit hatten den Kulturschaffenden im Jahr 2006 eine schrittweise Erhöhung des Kulturbudgets zugesagt. 2008 sollten nach diesem Plan 455 Millionen Schekel (80 Millionen Euro) in die Kultur investiert werden, doch stattdessen war neuerdings nur noch von lediglich 393 Millionen Schekel (70 Millionen Euro) die Rede. Bereits im Dezember haben die Künstler gegen diese Kürzung demonstriert, den Höhepunkt erreichten die Demonstrationen vor zwei Wochen vor dem Golda Center in Tel Aviv. Dort bilden Museum, Bibliothek und Theater eine kulturelle Insel inmitten der Stadt. Alle 150 Mitgliedsinstitute der Künstlergewerkschaft nahmen teil. Tänzer, Sänger und Schauspieler schwenkten Schilder und forderten "Geld für Kultur anstatt für Feiern" und spitzten dramatisch zu: "Kunst oder Tod". Danach spielte ein Orchester Joseph Haydns Abschiedssymphonie, in deren Fortlauf Musiker nach und nach von der Bühne verschwinden.

Haydn hatte diese Symphonie ursprünglich als Protest gegen die schlechte Behandlung komponiert, die er und seine Mitmusiker bei ihrem Auftraggeber, dem Fürsten Nikolaus Esterházy, erfuhren. Die aktuellen Kürzungen im israelischen Kulturbudget würden zunächst einmal kleinere Einrichtungen in den Außenbezirken Tel Avivs treffen. Sie verfügen nicht über das nötige finanzielle Kapital, um eigene, unabhängige Produktionen zu stemmen und sind ohnehin schon von den etablierten Institutionen abhängig, die sich im Stadtzentrum von Tel Aviv befinden - wie der Oper oder den großen Theatern. Auch für Einrichtungen im Norden und Süden des Landes würde weniger Geld schlichtweg das Aus bedeuten, während die Preise für Kulturangebote in der Hauptstadt drastisch steigen müssten.

Darüber hinaus geht es in diesem Streit aber nicht nur um Geld, sondern auch um die Inhalte, die dem israelischen Publikum noch geboten werden. Künstler in Israel werden gewöhnlich mit eher linken Positionen in Verbindung gebracht. Das wird ihnen oft ausgelegt als eine Haltung gegen das Militär und gegen das Land. Deshalb stehen sie oft als Außenseiter da. Während Themen wie die nationale Sicherheit immer eine starke Unterstützerbasis finden, stößt die Kultur nicht gerade auf großes gesellschaftliches Interesse. Der Stellenwert von Kultur ist in Israel weitaus geringer.

Doch die Drohungen der Künstler scheinen sich inzwischen als fruchtbar zu erweisen. Mittlerweile hat Ministerpräsident Olmert in den Streit ums Budget eingegriffen. Der ursprünglich für 2008 versprochene Kulturetat wird mit Olmerts Zutun nun wohl doch bereitgestellt. Damit hat der Künstlerverband immerhin ihr erstes Ziel erreicht. Wie es nun weitergehen soll, wird das Forum in den nächsten Tagen beraten. Die Künstler betonen, sie wollten nicht mehr nach der Pfeife der Regierung tanzen. Wird Israel im Mai also seine bunte, große Unabhängigkeitsfeier bekommen, oder nicht? Wie auch immer es ausgeht, sollte man an dieser Stelle noch erwähnen: Die allererste Geburtstagsfeier des Landes 1948 war eine ziemlich unorganisierte Veranstaltung. Eine echte Spontanparty.

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