Geschäft mit Internet-Adressen

Domainklau vom Domainanbieter

Network Solutions gehört zu den größten Verkäufern von Internet-Adressen auf der Welt. Kritiker vermuten ein falsches Spiel für mehr Gewinn.

Preistreiber im Domain-Geschäft. Bild: Screenshot: NetworkSolutions

Wer derzeit beim großen US-Domain-Anbieter Network Solutions (Netsol) nach einer noch nicht vergebenen ".com"-Internet-Adresse sucht, kann eine böse Überraschung erleben. Selbst wenn man eine freie Domain dann doch nicht bei der Firma erwirbt und den Einkauf abbricht, ist die gewünschte Web-Anschrift nur Minuten später plötzlich weg - registriert auf das Unternehmen Netsol selbst. Für den Interessenten hat das die unangenehme Folge, dass die Firma seine Lieblingsadresse quasi in Geiselhaft nimmt. Zwar macht das Unternehmen dem Nutzer sofort das Angebot, die Domain gleich wieder von ihm zu kaufen. Doch ist der Preis mit 35 Dollar pro Jahr bei ".com"-Anschriften eher hoch, wird gleich von mehreren Netsol-Konkurrenten deutlich unterboten.

Erklärt wird die merkwürdige Taktik von dem Konzern ausgerechnet mit dem Argument, man schiebe so Betrug mit Domains einen Riegel vor. Dabei bezieht sich Netsol auf das so genannte "Front Running". Diese virtuelle "Vorstürmen" basiert auf der Tatsache, dass Verkäufer von Internet-Adressen auf ".com", ".net" und einigen anderen Endungen eine Registrierung mehrere Tage kostenlos durchführen können. Das hat zur Folge, dass Suchdaten nach noch nicht vergebenen Adressen in den letzten zwei Jahren unter einigen eher windigen Domainhändlern als "heiße Ware" gelten. Einige Betreiber von Diensten zum Auffinden von Domains verkaufen diese, auf dass die Adressen von den erwähnten Geschäftemachern registriert und dann nur gegen Aufpreis an den ursprünglichen Interessenten verkauft werden können. Der Spuk endet dann meistens nach wenigen Tagen, wenn die Domain freigegeben werden muss, weil dann das "Tasting", wie die kostenlose Registrierungsphase genannt wird, offiziell endet.

Warum das von Netsol selbst durchgeführte "Front Running" nun besser für die Kunden ist, konnte die Firma nicht recht erklären. Man wolle vor allem seine eigene Kundschaft schützen, hieß es von einem Sprecher. Doch auch bei Netsol verschwindet der Registrierungsspuk genauso wie anderswo erst nach einigen Tagen, wenn die "Tasting"- Phase beendet ist. Dann kann man mit etwas Glück seine Domain doch noch zum günstigsten Preis erwerben - sollte nicht jemand anderes zwischenzeitlich zugeschlagen haben.

Das Geschäft mit Internet-Adressen ist seit Jahren schon ein schmutziges Business: Firmen bekämpfen sich mit allen Tricks, um die besten Online-Anschriften zu ergattern, so genannte "Fehlerdomains" führen Nutzer in die Irre und ein wilder "Aftermarket" versucht, möglichst jede Domain erst zu registrieren, um dann per Auktion die höchsten Preise zu erzielen. Der Grund für diesen Wildwest-Zustand ist einfach: Es geht um hohe Summen, eigentlich kostengünstige Internet-Adressen lassen sich durch dubiose Anbieter zur wundersamen Geldvermehrung einsetzen. Die Zeche zahlt dabei der Nutzer: Durch Spam- und Schädlings-verseuchte Werbeseiten ohne jegliche Inhalte wird seine Online-Erfahrung getrübt, während schnell überall registrierte Domains zur Einschränkung des Wettbewerbs um die besten Namen führen.

Mit der kritikwürdigen Netsol-Taktik hatten wenigstens die User zwischenzeitlich ihren Spaß. Nachdem zahlreiche Blogs und Domainexperten das Vorgehen kritisiert hatten, versammelten sich auf News-Angeboten wie "Reddit" Nutzer, um das Unternehmen zum automatischen Registrieren der verrücktesten Adressen zu bewegen. Da nahm die Firma dann unbewusst Domains wie "network-solutions-supports- al-qaeda.com" oder "networksolutionssucksass.com" in ihr Portfolio auf - komplett mit entsprechenden Websites, auf denen stand, die Adressen seien bei der Firma registriert und könnten über sie erworben werden.

Inzwischen wurde immerhin diese Zwischenseite entfernt - es erscheint nur noch der Hinweis, das diese Websites "im Bau" seien. Netsol erwägt unterdessen, seinen kontroversen Ansatz zu ändern. "Wir verfeinern unsere Schutzmechanismen", hieß es zunächst nur. Firmenchef Champ Mitchell sagte später gegenüber dem IT- Nachrichtendienst "IDG", man habe mit der Maßnahmen niemals vorgehabt, "ein Riesengeld" zu machen. Den Ansatz habe die Firma entwickelt, um dem "Tasting"-Problem beizukommen, das anderswo vorherrsche. Warum das Unternehmen einfach ähnliche Taktiken verwendet, konnte Mitchell jedoch nicht wirklich begründen. Immerhin: Bald soll nun ein Hinweis auf der Such-Website auftauchen, dass Netsol aufgefundene Adressen für vier Tage "zur Sicherheit vorhält".

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