Ein Literaturnobelpreisträger greift an: Günter Grass beschimpft CDU

Günter Grass wirbt für die SPD und schimpft auf Koch & Co. Aber haben die Sozis das nötig? Können sie den Schriftsteller nicht stoppen?

Gefühle statt Argumente: Günter Grass beim SPD-Treffen. Bild: reuters

Es war, so schildert es ein Teilnehmer dieser Versammlung, erhebend, ermutigend, das "Gemüt auf geile Umdrehungen" bringend. Die Person, welche die sozialdemokratischen Bundestagsfraktion zu ihrer Neujahrsklausur letzten Freitag in gute Laune versetzte, war Günter Grass. Und was er den Seinen zu sagen hatte, entsprach so ganz dem allgemeinplatzhaften Potpourri, in dem aktuell die demokratisch-sozialistische Seele so gern herumrührt. Es war fast einerlei, was der Schriftsteller äußerte - es ging jedenfalls gegen die Union im Allgemeinen und gegen Hessens Ministerpräsident Roland Koch im Einzelnen -, wichtig war nur, dass er etwas bewirkte, was als Aufrüttelung hat wahrgenommen werden können. Grass teilte gar mit, Koch bediene sich der "Sprache der NPD". Besonders frenetisch aber soll applaudiert worden sein, als Grass den wahlkämpfenden Koch wie auch Oskar Lafontaine Demagogen nannte.

Und das muss doch wundern, denn Grass selbst ist ja auch kein Spezialist für Ausgewogenes, Feinsinniges: Weshalb also sei Koch nun ein Demagoge - und weshalb glaubt er, in dieser Hinsicht nicht im Glashaus zu sitzen? Ist nicht gerade von ihm archivkundig, Dinge vereinfacht zu haben? Hat er nicht im Laufe des Lebens Dinge behauptet, die differenzierter Prüfung nicht standhalten? Dass der amerikanische Geheimdienst CIA eine "terroristische Vereinigung" sei? Und war es nicht reiner Holzschnitt, die Springer-Presse ob ihrer Marktstellung als Gefährderin der "Meinungsfreiheit" zu bezeichnen? Hat denn Grass je unter Meinungsäußerungsverbot gelitten? Eben.

Dabei verhält es sich umgekehrt, eventuell. Koch muss, im Verständnis Grass, demagogisch sein, jenseits alles Akzeptablen, denn das ist ja alles, was das NPD-Siegel bekommt - er wahlkämpft und will gewinnen; Lafontaine macht das auch, also behauptet er seit seinem Abschied von der SPD Not und Elend allüberall; die Grünen sind so gesehen auch demagogisch, wenn sie ökologisch stets das Schlimmste fürchten, den Weltuntergang, wenigstens aber das Artensterben in der (irgendeiner) Nachbarschaft - auch sie buhlen nur um Gehör; die Liberalen hingegen wähnen einen Gesamtgerichtsvollzieher vor Deutschlands Tür, hört das Land nicht endlich auf die FDP, um es aus der Schuldenfalle zu ziehen. Demagogisch? Unfug.

Grass aber, dem literaturnobelpreishaftesten Wortschwalleur der Autorenszene, muss von Demagogie sprechen, weil er mit diesem Wort Herzen erreicht, waidwunde der sozialdemokratischen Szene eben stark deshalb, weil diese doch seit Merkels Kanzlerinnenschaft sich prekär eingezwängt sehen zwischen Union und Linkspartei. Außerdem jedoch wird von Intellektuellen wie Grass doch erwartet, dass sie warnen und mahnen und alarmieren, dass es nur so schmerzt. Verfolgungs- und Verelendungswahn wollen bedient werden, und Grass kann das seit Jahrzehnten prächtig.

Die Frage ist nur: Warum braucht eine traditionsstarke Partei wie die SPD hohepriesterliche Worte eines umstrittenen Schriftstellers? Weshalb überhaupt hat das Publikum eine Kultur des Alarmierens und Warnens, Fingerzeigens und Protestierens nötig, zumal durch Personen, die sich dazu berufen fühlen? Seit Émile Zolas Pamphlet unter dem Titel "Jaccuse!" - Ich klage an - gegen den französischen Staat Ende des 19. Jahrhundert verstehen es Intellektuelle öffentlich für dieses und jenes einzutreten. Hierzulande ist dieses Verhalten bekannt seit der grassierenden Einführung von Unterschriftenlisten - beziehungsweise offener Briefe Anfang der Siebzigerjahre.

Immer dienen diese Gesten des, sagen wir, Pamphletierens der Ermunterung der Adressaten. Im Falle von Günter Grass Neujahrsbotschaft vor den SPD-ParlamentarierInnen zudem der Versicherung und Bekräftigung gemeinsamer Gefühle und Einstellungen. Was Grass also vielleicht sagen wollte: Lasst euch nicht von einem hessischen Wahlkämpfer wie Roland Koch einnorden, habt keine Angst vor einem Überläufer wie Oskar Lafontaine. Offen muss, so gesehen, nur die Frage bleiben, warum die Sozialdemokratie das nicht auch ohne einen wie Günter Grass weiß.

Traut diese Partei nicht mehr der Kraft ihrer Argumente, falls sie denn welche hat?

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