Neue Fotografie-Bände: Eintauchen in ein Milieu

Zwei neue Fotobände schaffen Übersicht über die Fotografie der Gegenwart und die rheinische Kunstszene.

Joaquín Romero Frías: Marcel Broodthaers 1971 in Düsseldorf. Bild: fotos schreiben kunstgeschichte

Uta Grosenick und Thomas Seelig haben mit "Photo Art. Fotografie im 21. Jahrhundert" ein hilfreiches Nachschlagewerk zur gegenwärtigen Foto- und Kunstszene vorgelegt. Von A bis Z werden die Protagonisten mit drei Bildseiten und einem kurzen Kuratorentext kompetent vorgestellt. Ein umfangreiches Glossar zu Begriffen der zeitgenössischen Fotografie schließt den knapp 520 Seiten starken Band ab, an dem wenig auszusetzen ist.

Einzig die alphabetische Abfolge der Künstler irritiert, da es primär um einen "Überblick über die vielfältigen Darstellungsformen der zeitgenössischen Fotografie" geht. Wäre es da nicht interessanter und aufschlussreicher gewesen, verwandte Positionen nebeneinanderzustellen, um Vergleiche zu ermöglichen, um Trends oder globale Verwandtschaften auszumachen? Denn auch das macht das Kompendium deutlich: Alle Kontinente, Asien ebenso wie Afrika, stellen Vertreter einer innovativen zeitgenössischen Fotografie.

Ganz dem 20. Jahrhundert und der künstlerischen Innovation in seiner zweiten Hälfte verpflichtet ist dagegen das Archiv künstlerischer Fotografie der rheinischen Kunstszene (Afork). Ein flüchtiges Durchblättern des von Renate Buschmann und Stephan von Wiese herausgegebenen Bands "Fotos schreiben Kunstgeschichte" genügt allerdings, um zu sehen, dass eine ganz wesentliche Innovation in ihm nicht durchschlägt: das verstärkte Auftreten von Künstlerinnen. Diese Entwicklung ist mit der Beteiligung von immerhin einem Drittel Frauen erst in der Fotokunst des 21. Jahrhunderts unübersehbar. Die rheinische Kunstszene dagegen könnte auf den ersten Blick auch als Männergesangsverein durchgehen. Jedenfalls was die Protagonisten vor der Kamera angeht. Doch um die geht es nur bedingt. Denn das Anliegen des Archivs künstlerischer Fotografie ist es keineswegs, einfach historische Dokumente zu sammeln, in denen wichtige kunsthistorische Momente vor dem Vergessen bewahrt sind, gehe es etwa um erste Auftritte von John Cage, um Fluxus, ZERO oder Joseph Beuys und die Kunstakademie Düsseldorf zwischen 1961 und 1972. Ansatzpunkt ist vielmehr, "originale fotografische Werke" zu sammeln, wie Beat Wismer, Generaldirektor der Stiftung museum kunst palast, in seiner Einführung schreibt, "die eigenen künstlerischen Charakter haben". Tatsächlich handelt das Archiv, das derzeit mit einer Ausstellung im museum kunst palast und auf 400 Katalogseiten vorgestellt wird, von Bildern wie von deren Produzenten.

Einen Namen wie Benjamin Katz kennt jeder. Doch nun lernt man auch Manfred Leve, Willi Kemp, Hildegard Weber, Maren Heyne, Lothar Wolleh, Bernd Jansen, Erika Kiffl und viele andere mehr kennen. In ihren Bildern erfährt man nicht nur, unter welchen Umständen ein Werk zustande kam, wie eine künstlerische Aktion ablief und wie die Zuschauer darauf reagierten. Man meint geradezu in die Zeit und das Milieu einzutauchen. Das mag am Kunstcharakter der Aufnahmen selbst liegen. Es liegt aber auch daran, dass der Band, voll gestopft mit noch nie publizierten Bildern, einfach Neuland erschließt.

Uta Grosenick, Thomas Seelig (Hg.): "PHOTO ART. Fotografie im 21. Jahrhundert". Dumont, Köln 2007, 519 Seiten mit 592 Farb- und 101 Schwarzweiß-Abb., Flexcover, 39,90 Euro Renate Buschmann, Stephan von Wiese (Hg.): "Fotos schreiben Kunstgeschichte". Dumont, Köln 2008, 408 Seiten, 500 Duplex-Abb., broschiert, 39,90 Euro

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