Zum bornierten Hochkulturkonsum: In höheren Sphären

Musikerziehung: Wie platt sind Anne-Sophie Mutter und Daniel Barenboim? Eine Antwort auf Leserreaktionen.

Eher kultur-konservativ: Anne-Sophie Mutter Bild: dpa

Ein Tipp gegen Langeweile: Erlernen Sie doch das Spielen auf einem klassischen Musikinstrument! Das fordert, fördert, macht Freude und gibt ein gutes Gefühl. Oder, andere Möglichkeit, schreiben Sie öffentlich einen flapsigen Satz über frühkindliche Musikerziehung. Dann ist auch etwas los in Ihrem Leben.

Ich ließ neulich auf der Medienseite dieser Zeitung die Bemerkung fallen, ein bestimmter Bericht der ARD-Kulturmagazins "titel, thesen, temperamente" über frühkindliche Musikerziehung sei "noch platter" gewesen als die nachfolgende Sendung von und mit Matthias Matussek. Seitdem trudeln recht interessante Lesermeinungen ein - zwar noch lange keine Jens-Jessen-Videoblog-Welle, aber immerhin. Der zugegeben total undifferenzierte Satz scheint das Empörungspotenzial einer Reihe von LeserInnen getroffen zu haben.

Lassen wir die Beschimpfungen mal beiseite. Beziehungsweise lassen wir sie gleich beiseite. Auf die in den Zuschriften angestellte Vermutung, ich würde wohl zum Frühstück Sixpacks trinken und Porno-Rap hören, möchte ich schon entgegnen, dass die ihr zugrunde liegende These nicht stimmt: Keineswegs outet sich als Proll, wer etwas gegen den aktuellen Umgang mit Hochkultur äußert. Vielmehr outet sich als ziemlich borniert, wer seinen Hochkulturkonsum immer noch mit aggressiven Abwertungsgesten gegen eine vermeintliche Unterschicht flankiert. Und von den längst vielfältigen Verschränkungen von E- und U-Kultur - prollige "Classic-Events" mit "Moldau" und "Carmina Burana" einerseits, Bushido-Interview im Wirtschaftsteil (!) der SZ andererseits - hat er nichts mitbekommen.

Bedenkenswert ist ein anderer Punkt der Reaktionen: Die Frage, was ich denn "ausgerechnet" gegen Anne-Sophie Mutter und Daniel Barenboim habe, die beide im "ttt"-Beitrag als Kronzeugen für die Wichtigkeit früher Musikerziehung auftraten. Dahinter steckt offenbar die Annahme, dass jedes Eintreten für kulturelle Erziehung prinzipiell gut und wichtig sei - genau da habe ich Zweifel. Anne-Sophie Mutter vertrat die kulturkonservative These, früher habe um die musikalische Kultur alles gestimmt und heute würde alles verflachen. Daniel Barenboim deutete die Überzeugung an, mit Erziehung zur Musik ließe sich die Welt retten und heilen (als hätte es nie ein Erschrecken darüber gegeben, dass hochkulturelle Ambitionen sogar mit der Beteiligung am Holocaust zusammengingen!). Beide vermittelten die Ansicht, durch die Beschäftigung mit klassischer Musik würde man für sich oder seine Kinder Kontakt zu höheren Sphären erwerben - keine Ahnung, wo man sich erhofft, die zu finden.

Musikerziehung ist eine wichtige Sache. Niemand kann etwas dagegen haben, die Freude an der Musik zu fördern. Aber man hilft ihr nicht weiter, wenn man die üblichen Behauptungen "Früher war alles besser" und "Böse Menschen haben keine Lieder" noch und nöcher nachplappert. Der "ttt"-Beitrag war deshalb "platt", weil er über diese beiden Sprüche nicht herauskam. Zudem hat, wer Musik liebt, es gar nicht nötig, sich auf solche kulturkonservativen Rahmenerzählungen zu beziehen. Vielleicht kann man sich wenigstens darauf einigen. DIRK KNIPPHALS

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