Hintergrund "Türkische Schulen"

"Deutsch ist die Basis"

Erdogans Forderung in der Praxis: Schulen, an denen Türkisch unterrichtet wird, empfehlen, der deutschen Sprache Vorrang zu geben.

"Deutsch muss die Basis sein. Dann kann man Türkisch lernen." Bild: ap

BERLIN taz Was der türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte, ist an einigen Berliner Schulen bereits Realität: Kinder türkischer Herkunft erhalten Unterricht in ihrer Muttersprache. Doch auch an diesen Schulen gilt meist das Prinzip: Deutsch geht vor.

Das Kreuzberger Robert-Koch-Gymnasium etwa bietet Türkisch als zweite Fremdsprache an. Mit der Einführung dieses Angebots stieg die Anzahl von Schülern türkischer Herkunft. Doch Schüler deutscher Muttersprache gibt es kaum noch. "Wir kämpfen darum, dass unsere Schüler ordentlich Deutsch sprechen und schreiben", sagt deshalb Schulleiter Rainer Völkel. Die Beherrschung der Muttersprache sei ein gutes Fundament für das Erlernen weiterer Sprachen. "Aber Deutsch muss die Basis sein. Dann kann man Türkisch lernen." Zwar solle niemand seiner Identität beraubt werden. Doch die deutsche Schule bilde "für das Leben in Deutschland aus, nicht für das Leben in der Türkei".

Junge Türken integrieren sich immer besser in die Gesellschaft. Zu diesem Ergebnis gelangt eine am Dienstag veröffentlichte Langzeitstudie der Universität Würzburg.

Demnach sprechen 62 Prozent der türkischen Jugendlichen mit ihren Eltern nicht nur Türkisch, sondern auch Deutsch. Im Jahr 2005 habe dieser Anteil noch knapp 56 Prozent betragen. Deutlich mehr junge Türken als zuvor hielten es für wichtig, sich ebenfalls auf Deutsch gut verständigen zu können.

Auch der Anteil junger Türken, die sowohl türkische als auch deutsche Freunde hätten, sei von 57,2 Prozent im Jahr 2005 auf 62,9 Prozent gestiegen. Die Wissenschaftler hatten zwei Jahre lang insgesamt 1.099 junge Leute befragt. EPD

Türkischunterricht bietet auch die vor drei Jahren in Berlin-Spandau eröffnete private Oberschule. Träger ist ein Verein namens Tüdesb, der von türkischen Migranten gegründet wurde. 180 Schüler besuchen derzeit die Schule - nicht nur türkischer Herkunft, wie Horst-Helmut Köller, der Vorstandssekretär von Tüdesb, betont.

Die Eltern, die ein Schulgeld von 180 Euro im Monat bezahlen, kämen aus einfachen Verhältnissen ebenso wie aus der Mittelschicht. "Es sind oft Eltern, die ihre Kinder lieber nicht in Kreuzberg oder Neukölln in die Schulen schicken möchten", berichtet Köller. Viele wünschten aber, dass ihre Kinder Türkisch und Deutsch lernten. Türkisch wird deshalb als zweite Fremdsprache bis zum Abitur gelehrt. "Aber das ist Nebensache", so Köller. "Unsere Amtssprache ist Deutsch, wir leben in Deutschland, und die Schüler integrieren sich am besten, wenn sie die Landessprache einwandfrei beherrschen." Man kann deshalb auch Französisch als zweite Fremdsprache wählen und auf den Türkischunterricht ganz verzichten.

Die Aziz-Nesin-Schule in Kreuzberg, eine staatliche deutsch-türkische Europaschule, erteilt nicht nur Türkischunterricht. Hier werden Biologie, Erdkunde oder Geschichte in türkischer Sprache gelehrt - von der ersten Klasse bis zum Abitur. Die meisten der hier tätigen Lehrkräfte stammen aus der Türkei und wurden dort ausgebildet.

An Erdogans Worten sei schon etwas, meint Heidi Riehm, die stellvertretende Schulleiterin. "Wer seine eigene Muttersprache beherrscht, lernt eine zweite Sprache leichter." Aber die Bedingungen dafür müssten stimmen: "Das erfordert eine Lernsituation mit ausreichendem Personal und wissenschaftliche Begleitung." Dies sei in Berlin jedoch abgebaut worden. Es sei für die Kinder wichtig, zu sehen, dass ihre Muttersprache "geschätzt wird und erwünscht ist", sagt die Lehrerin. Vollauf zufrieden mit dem, was die Schüler bis zur sechsten Klasse erlernt haben, ist sie aber nicht. Im Deutschen ebenso wie im Türkischen. "Zweisprachige Erziehung dauert länger", meint Riehm. "Zunehmend sagen aber auch türkische Eltern, Deutsch sei ihnen wichtiger."

Von den drei Klassen der Europa-Grundschule bleibt deshalb an der den deutsch-türkischen Unterricht weiterführenden Oberschule meist nur noch eine übrig. "Erdogans Ansatz hat nichts mit dem zu tun, was wir uns hier unter Integration vorstellen", sagt deren Leiter Gerhard Rähme. Integration bedeute, die deutsche Gesellschaft mitgestalten zu können. "Dafür ist die deutsche Sprache unerlässlich." Wer sich auf seine Muttersprache oder ethnische Community zurückziehe, könne nicht mitgestalten. "Separation führt nicht zu Integration."

In Berlin werden Erdogans Vorschläge also wohl wenig Resonanz haben - bei Pädagogen ebenso wie bei türkischen Migranten. Selbst in der privaten Islamischen Grundschule, die von Erdogans islamischer Bewegung durchaus nahestehenden Migranten gegründet wurde, wird auf Deutsch unterrichtet. Der Türkischunterricht ist freiwillig.

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