Bei 34 Grad sind die Gräuel weit weg: Die Retter der St.-Pauli-Palme

Nur Stammgäste kommen noch an die Strände Kenias. Mehr als einen Monat nach Beginn der politischen Krise im Land stehen die Hotels an der Küste größtenteils leer.

Leere Pool-Anlage des Hotels Flamingo Beach im Januar 2008 Bild: dpa

In der Palme steckt die Deutschlandflagge. Daneben, wie immer, weht die schwarze Fahne mit dem Totenkopf. „FC St. Pauli“ steht darunter. Von ihrem Stammplatz aus, den Ingeborg aus Rendsburg, Harry aus Krefeld und Erika und Gerd aus Hamburg (Namen geändert) einmal im Jahr für vier Wochen einnehmen, kann man die Wellen im Indischen Ozean türkis glänzen sehen. Die Palme knistert im Wind, der warm und weich vom Meer her weht. „Herrlich“, seufzt Erika. Genau wie ihre Freunde kommt sie schon seit mehr als zehn Jahren hierher, nach Diani Beach, Kenias tropischer Traumstrand südlich von Mombasa. Von den brutalen Morden mehr als 500 Kilometer westlich von hier, den ethnischen Verfolgungen und heftigen Kämpfen haben die Stammgäste des Diani Sea Resort sich nicht abhalten lassen. Zum Glück für den deutschen Hotelier, denn sonst wäre es hier wohl ganz leer: Außer den Dauergästen kommen derzeit keine Touristen nach Kenia. Die Auslastung der Hotels an der Küste liegt jetzt zur Hochsaison zwischen fünf und zwanzig Prozent.

Dabei ist es in Diani Beach derzeit vermutlich so sicher, wie es immer war. Selbst in Mombasa hat es seit den umstrittenen Wahlen Ende Dezember nur ein paar Demonstrationen gegeben, in den Armenvierteln gab es kleinere Kämpfe. In Diani Beach brannten nachts ein paar Kioske am Straßenrand. Der Grund: Sie gehörten Kikuyu, der Ethnie, zu der auch der umstrittene Präsident Mwai Kibaki gehört. Aber verletzt wurde dabei niemand. Die Gräuel, von denen man hier am Strand nur im Fernsehen erfährt, erscheinen bei 34 Grad und Sonnenschein unendlich weit weg.

Kein Wunder: In den weitläufigen Hotelanlagen haben auch früher nur die wenigsten Besucher etwas vom echten Kenia mitbekommen. Die meisten ließen sich von Massaitänzen, Bootstouren und der All-inclusive-Bar das wohlige Bild aus den knallbunten Ferienkatalogen bestätigen.

Die vier Rentner an der St.-Pauli-Palme haben wie alle hier einen festen Tagesablauf: Um 6.30 Uhr wird im riesigen Pool geschwommen, dann Frühstück und Treffen unter der Palme. Die braungebrannten weißhaarigen Herrschaften tragen den ganzen Tag über Shorts oder Badeanzug und schwarze Sonnenbrille. Die St.-Pauli-Käppis liegen auf dem Tisch. Ingeborg macht ihrem Ärger Luft. „In Deutschland wird das alles so schwarzgemalt, die machen damit alles kaputt. Dabei brauchen die hier doch uns und unser Geld.“ Ein bisschen komisch sei es schon, wirft Harry ein. „Irgendwie leer, es ist ja kaum jemand da, man muss nicht mal morgens früh die Liegen mit dem Badetuch besetzen.“ Fast ist es Erika und Gerd ein bisschen peinlich, dass sie noch drei Wochen vor Abreise ihren seit Herbst geplanten Kenia-Urlaub storniert haben. „Aber dann haben wir hier angerufen, und als wir erfahren haben, dass es am Strand ruhig ist, haben wir doch wieder gebucht.“ „Der Service ist natürlich toll“, freut sich Ingeborg. „Im letzten Jahr mussten wir für ein Getränk ganz schön lange anstehen.“ Zustimmendes Nicken. In diesem Jahr geht alles ganz schnell, schließlich ist sonst niemand da. Ingeborg strahlt: „Das ist wie im Paradies.“ Und stockt dann doch. „Für uns.“ Die vier Rentner kennen schließlich jeden der Angestellten beim Vornamen. Mehr als 50 mussten schon gehen. „Wir haben uns schon von einigen verabschieden müssen, ganz schrecklich war das, denen standen die Tränen in den Augen.“ Diese Tränen hat auch Harald Kampa gesehen, der Hotelier, ein stiller Schwabe. Doch er konnte nicht anders, sagt er. Vermutlich wird er noch mehr seiner 410 Angestellten entlassen müssen, obwohl es an der Küste nirgendwo sonst Arbeit gibt, außer im Tourismus. „Wenn es ganz schlimm kommt, muss ich ab März die Gäste meiner beiden Hotels zusammenlegen und ein Haus ganz schließen.“ Im leeren Frühstückssaal, den der gelernte Bauingenieur Kampa vor 18 Jahren selbst entworfen hat, hallen die Worte nach.

Fast zwei Monate nach den Wahlen in Kenia sind die Unruhen angespannter Ruhe gewichen. Die Hoffnungen sind groß, dass der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan als Vermittler ein kleines Wunder vollbringt. Anfang der Woche schien die Opposition bereit, auf ihre Forderung nach dem Rücktritt des umstrittenen Präsidenten Mwai Kibaki zu verzichten. Doch die stattdessen geforderte Regierungsbeteiligung lehnte Kibakis Mannschaft ab. Sollten die Gespräche ergebnislos bleiben, befürchten viele neue Ausschreitungen. Seit Ende Dezember sind mehr als 1.000 Kenianer ums Leben gekommen, mehr als 350.000 sind auf der Flucht. Im Westen des Landes werden Städte von Banden regiert, Hauptverkehrswege in die ostafrikanischen Nachbarländer blockiert, Lastwagen geplündert. Selbst mit einer politischen Einigung scheint ein friedliches Zusammenleben der gegeneinander aufgehetzten Ethnien kaum möglich.

Nach Kenia hat es ihn verschlagen, weil seine Schwiegereltern nach 20 Jahren im Hotelbusiness an der Küste aufhören wollten. Auch Kampa plant schon den Absprung, er hat im vergangenen Jahr ein Nachbargrundstück gekauft, wo er einen Anbau errichten wollte - nach eigenen Plänen, versteht sich. Doch ob er seinem 36-jährigen Sohn jetzt noch zumuten will, den Betrieb so bald zu übernehmen, weiß er nicht.

„Die vergangenen zwei Jahre waren super für den Tourismus in Kenia“, erinnert er sich, als sei das in einer ganz anderen Ära gewesen. „Die Belegungszahlen waren gut, und wir haben alles renoviert.“ Eine Million Euro hat Kampa in die Erneuerung seiner Hotelanlage gesteckt, das entspricht ziemlich genau den Einbußen, die er für dieses Jahr befürchtet. „Normalerweise hätten wir jetzt 260, 280 Gäste, das wäre eine Auslastung von gut 80 Prozent - im Augenblick haben wir ein Viertel davon, und es sieht nicht so aus, als ob sich die Situation bald verbessern würde.“ Frühestens im Juli, so glaubt Kampa, könnten wieder mehr Gäste kommen - wenn die Neckermanns, TUIs und LTUs Kenia nicht langsam ganz satthaben. „1997 hatten wir direkt vor der Haustür schwere Gefechte, sechs Wochen lang“, erinnert sich der schwäbische Unternehmer an eine frühere Krise. Selbst da kam kein Tourist zu Schaden - doch es dauerte zehn Jahre, bis Kenia wieder zu alter Größe in Sachen Tourismus zurückgefunden hatte. Hotelbesitzer wie Kampa hatten auch deshalb investiert, weil sie mit ihrem Standard dringend den Anschluss an Hotels in konkurrierenden Ländern bekommen mussten. Jetzt, befürchtet Kampa, geht alles wieder von vorne los. „Nur unsere treuen Stammgäste retten uns derzeit. Die wettern über die Bild-Schlagzeilen und machen hier jetzt erst recht Urlaub.“

So unwahrscheinlich es klingt, Kampa hat es vergleichsweise gut: Deutsche Charterunternehmen fliegen immer noch nach Mombasa. Wer von italienischen oder britischen Touristen lebt, hat sein Hotel oft schon zugemacht: Flieger aus Großbritannien kommen gar nicht mehr, aus Italien kommt einer statt der üblichen fünf. Auch Verzweiflungsangebote gibt es: „all inclusive für 40 Euro die Nacht“. Mit Dumpingpreisen versuchen einige Hoteliers, die Krise irgendwie zu überstehen.

Die Gästezahlen sind gegenüber dem Vorjahr um 90 Prozent gefallen. Statt der erwarteten 210 Millionen Euro Umsatz im ersten Quartal erwartet der Tourismusverband noch knapp ein Drittel davon - wenn überhaupt. Aufs ganze Jahr hochgerechnet könnten die Einbußen sich zu einer Milliarde Euro addieren. 20.000 Angestellte stehen schon jetzt auf der Straße, Tendenz stark steigend. Fast eine halbe Million mehr Arbeitslose werden wegen der Krise in Kenia kurzfristig erwartet, die meisten davon im Tourismus. Informelle Arbeitsplätze sind da nicht mitgerechnet.

Zu denen zählt Jennifer, die am Strand von Diani auf Kundschaft warten, die nur noch so selten kommt. Ihre bunten Kikoy-Tücher wehen im Wind, nicht weit von der St.-Pauli-Fahne entfernt. Eine junge Urlauberin, der die rundliche Mutter schon ihre halbe Kollektion auf den Leib gepresst hat, will tatsächlich etwas kaufen. Ein grünes Tuch für zehn Euro, so Jennifers Startpreis. Am Schluss gibt sie das Tuch für drei Euro ab - unter dem Einkaufspreis, sagt sie. „Aber das ist das erste Mal seit Tagen, dass ich wieder Bargeld in der Tasche habe, davon kann ich meinen Kindern wieder etwas zu essen kaufen.“

In die Schule gehen sie derzeit nicht, obwohl die meisten Schulen hier an der Küste geöffnet haben. Anderswo sind die Lehrer vor den Ausschreitungen geflohen. Doch Jennifer hat dennoch Angst, dass ihren Kindern etwas passieren könnte, die sich fern der relativen Sicherheit zu Hause bei nahen Verwandten aufhalten. Außerdem ist die Grundschule zwar offiziell kostenlos, in Wirklichkeit schlagen Schuluniformen und Bücher heftig zu Buche. „Das kann ich mir derzeit einfach nicht leisten.“

Während Jennifer sich auf dem Weg zum Markt macht, lässt sie die Tücher unbewacht im Wind flattern. Immerhin: Auch Diebe finden diese Tage nur noch selten nach Diani Beach.

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