Gagamusik auf Youtube: Verschossen und verhoppelt

Ländliche Surrealistenlyrik und plüschige Dauerparties: Die Hiphopper MushiFlo & Scher ft. Ikko Frisch und Elektrofrickler Lützenkirchen präsentieren neue Musik.

Fellige Schlaflosigkeit: Lützenkirchen-Video zu "Drei Tage wach". Bild: screenshot youtube/lützenkirchen

Man nennt sie Novelty Songs. Novelty, weil sie etwas Neues zu verkünden haben, einen neuen Tanz, das Entstehen einer neuen Szene, das Aufkommen eines neuen Sprachspiels. Schnell und vergänglich tauchen sie auf, absolvieren im Eiltempo die übliche Hit-Entwicklung von Neugier über Begeisterung bis zum Genervtsein. Und seit es YouTube gibt, geht alles noch ein bisschen schneller als früher.

Oft, und das ist selten in Deutschland, wo Alltags- und Kunstsprache noch etwas stärker getrennt sind als anderswo, bezieht der Novelty Song seine Kraft daraus, einer Szene eine Stimme zu geben: je bekloppter, desto besser. Und genau darum geht es in den zwei lustigsten Novelty Songs seit langer Zeit, dem Electrotrack "Drei Tage Wach" von Lützenkirchen und dem Hiphopstück "Ficken Geld Drogen Nutten" von MushiFlo & Scher ft. Ikko Frisch, ein neuer und ein etwas älterer YouTube-Hit.

Lützenkirchens Stück ist dieser Tage beim Berliner Druffi-Minimal-Techno-Label Stil vor Talent erschienen und präsentiert in einem Stream of Nur-noch-halb-Consciousness die Sprachreste, die sich nach 72 Stunden Feierei noch im Hirn finden: "Volle Kanne Einwurf, 3 Tage wach./ Paniert und ding dong ding dong, 3 Tage wach./ Bunte Pille Fete, 3 Tage wach./ Puls wie ne Rakete, 3 Tage wach/ Punkt Punkt Komma klar, 3 Tage wach/ Du warst gestern auch schon da, 3 Tage wach." Im Video sieht man dazu zwei junge Männer, die im Ganzkörperhasenkostüm durch die Stadt laufen und Bier kaufen, durch die Wohnung tanzen, sich auf Spielplätzen rumschubsen, in Bushaltestellen rumsitzen, Jägermeister trinken. Der Hase ist dabei klassisch doppelt kodiert: zum einen als allgemein verständliches Zeichen für Albernheit und Zum-Kind-Werden, zum anderen als Szene-intern sofort verständliches Symbol für den Konsum stark mit Speed versetzten Ecstasys (wie der Duracell-Hase übrigens, dieses alte Raver-Idol, der auch noch auf eine Trommel schlägt, als alle anderen schon schlafen): Man fühlt sich äußerst plauschig und doch ziemlich aufgedreht und verhoppelt.

Ganz woanders: MushiFlo & Scher ft. Ikko Frisch, die ihr brillantes Video irgendwo in Norddeutschland auf dem Dorf aufgenommen haben. Drei testosterongesteuerte Pubertätsopfer - einer hat sich mit Baustellenabsperrband eine Maske gebunden und rappt: "Alda, guck ma mein Mercedes an/ guck ma, guck ma, ey ey./ Im Kofferraum, Alda, 10 Leichen von Babys./ Von Babys, von Nutten, von Omas und Scheiße./ Von unten und voll kleinen armen, so armen, armen, armen Kätzchen, ey./ Arme Kätzchen, hab ich kaputt geschossen weils/ is - son geiler, fetter, derber Track./ Alda, bin so fett, Alda zieh dir rein, zieh dir rein, wie derbe Alda, krass Alda./ Ey Alda, Bass, hörst du Bass, ey?/ Kommt aus mein Computer, nee, kommt aus mir, ey./ Hab ich selber erfunden, ey, vor 1.000 Jahrn./ Hab ich Bass erfunden, ey./ Musik hab ich auch erfunden. Yeah, yeah! "

Nicht nur, dass es MushiFlo in fünf Zeilen von der Gangsterrap-Parodie zur Geburt der Welt und einem neuen Mythos schafft. Bekanntlich lebt Gangsterrap ja von der Eskalation. MushiFlo schafft es, diese Logik der Übertreibung auszustellen und zum Ende zu führen, indem er sich brüstet, nach den "Babys", "Nutten", "Omas" und "Scheiße" auch die "armen Kätzchen" "kaputt geschossen" zu haben - um prompt zu vergessen, warum. Was aber egal ist, denn wir alle leben schließlich in einer Welt, die er geschaffen hat. Wunderbar. Kein Surrealist hat je bessere Lyrik geschrieben. TOBIAS RAPP

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