Leipziger Buchmessen-Preis für Clemens Meyer: Der Überall-Zugleich-Mann

Der Leipziger Lokalmatador Clemens Meyer hat den Preis der diesjährigen Buchmesse gewonnen - und vor Freude erst mal sein Bier verschüttet.

Authentischer Biertrinker auf Häppchen-Veranstaltung: Clemens Meyer. Bild: dpa

Der Schriftsteller Clemens Meyer war schon den ganzen Tag über ein ständiger Bezugspunkt und Gesprächsstoff gewesen. In den Gängen der Messehallen traf man auf Kollegen, die einen fragten, ob man "mit zum Meyer" komme; der las gerade im Berliner Zimmer, dem als abgegrenzten Raum gestalteten Leseort. Gefühlte 30 Sekunden später (in Wahrheit vielleicht eineinhalb Stunden) sah man den Meyer dann in der Interviewlounge des MDR sitzen und seine Leidenschaft fürs Boxen erläutern. Bald darauf kriegte man Nachricht, Meyer habe auf der Lesepiazza der Kleinverlage sehr lustig und ein bisschen verschämt eine Geschichte aus der subjektiven Perspektive einer Prostituierten vorgetragen. Der Mann muss eine Zeit lang überall zugleich gewesen sein.

Und um 16.30 Uhr am Donnerstag stieß dieser Clemens Meyer einen großen Schrei aus, reckte erst seinen rechten Arm mit einer Bierflasche darin in die Luft, sprang dann aus der Mitte der Zuschauerreihen auf, musste sich zunächst etwas verschüttetes Bier aus dem Auge wischen, darauf noch schnell einen Schluck nehmen, um sich schließlich seinen Weg durch die Stuhlreihen zu bahnen und auf die Bühne zu eilen. Das war der Moment, als verkündet wurde, dass Clemens Meyer den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse zuerkannt bekommen hat. Ein bisschen wirkte es so, als wolle er sich selbst als mögliches Vorbild einer seiner nächsten Figuren anbieten. Bier, aus dem Rahmen fallendes Verhalten und große Gefühle gehören ja durchaus in sein Repertoire.

Ansonsten lief die Zeremonie der Preisverleihung konzentriert und diszipliniert ab - kurze Vorstellung der Nominierten, Verkündung des Preisträgers, Übergabe, Laudatio, nächste Kategorie. Aber auch die anderen beiden Preisträger lieferten rührende Momente. Irina Liebmann, in der Kategorie Sachbuch für ihr Vaterbuch "Wäre es schön? Es wäre schön" ausgezeichnet, erzählte in ihrer kleinen Dankesrede, dass sie hier in Leipzig noch in einem der legendären Seminare von Hans Mayer gesessen habe. Und auch Fritz Vogelgsang, ausgezeichnet für seine jahrzehntelange Übersetzungsarbeit an Joanot Martorells 500 Jahre altem "Roman vom Weißen Ritter", fühlte sich über diese unverhoffte Anerkennung sichtlich bestätigt und beglückt. Zeit-Literaturchef Ulrich Greiner hatte als Jurychef vorab gesagt, dass es bei solchen Preisen nicht um die Medien gehe, nicht um die Kritiker, die Buchmesse, den Betrieb, sondern einzig und allein um die Autoren. In der Tat sind diese drei verschiedenen Reaktionen auf den Preis das, was von dieser Zeremonie im Gedächtnis haften bleiben wird. Und der Preis an den Lokalmatador Meyer geht natürlich in Ordnung. Irgendwie freut man sich ja immer, wenn bei so einer Sekt-und-Häppchen-Veranstaltung ein authentischer Biertrinker ausgezeichnet wird. Obwohl es nun nicht die Sensation ist, die es gewesen wäre, wenn er den Preis vor zwei Jahren für seinen Debütroman bekommen hätte.

Auch die Besuchergruppe aus Japan und Südkorea war erkennbar erfreut. Zwei Tage zuvor hatte sie sich noch, organisiert vom Goethe-Institut, in Berlin bei einem Buchverlag, der taz und dem Literarischen Colloquium einen Einblick in die deutsche Literaturszene verschafft. Nun traf man sich also überraschend in Leipzig wieder. Das mediale Gesumme in den Messehallen und die ganze Aufregung um die Literatur beeindrucke sie, wie sie lächelnd versicherten. Und der Modus der Preisverleihung leuchtete ihnen sofort ein. Fünf Kandidaten pro Kategorie werden nominiert, einer von ihnen wird ausgezeichnet und darf dann das Zehnfache von seinem Buch verkaufen. Dieses Modell scheint weltweit von großer Evidenz zu sein. DIRK KNIPPHALS

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