Kunst-Boom in Peking: Der Eisberg namens China-Kunst

Auf dem internationalen Kunstmarkt steht China bereits an dritter Stelle - hinter den USA und England. Doch oft stecken Spekulanten hinter den Käufen.

Chinesische Gegenwartskunst erzielt derzeit hohe Preise. Bild: dpa

Als Cai Guo-Qiang 1988 im japanischen Exil seine "Schießpulver-Bilder" erfand, für die er Papier und Stoff dem mehr oder minder kontrollierten Verlauf von Explosionen aussetzte, konnte er wohl kaum ahnen, dass eines dieser Bilder 20 Jahre später unvorstellbare 5,7 Millionen Euro erzielen würde. Doch jüngst kam ein Werk des 51-Jährigen, dem das New Yorker Guggenheim Museum seit dem 22. Februar eine opulente "Mid-career"-Retrospektive widmet, auf diesen Rekorderlös. Guo-Qiang steht damit ganz oben auf der Spitze des Eisbergs namens chinesische Gegenwartskunst, der den Luxusliner namens internationaler Kunstmarkt gerammt und gehörig vom alten Kurs abgebracht hat.

Neue Zahlen der Informationsagentur "Art Market" von Mitte Februar belegen eindrucksvoll, wie sehr der Verkaufsboom junger chinesischer Kunst in den vergangenen Jahren die Vorherrschaft des Westens in Frage gestellt hat. Die Geschäftsstatistiker rangieren China im globalen Kunstmarkt jetzt hinter den USA und Großbritannien an der dritten Stelle, die zuvor Frankreich innehatte. 75 chinesische Werke haben in den vergangenen Monaten die Millionengrenze durchbrochen, 36 Chinesen sich 2007 unter den 100 weltweit teuersten Künstlern befunden - darunter der kometenhafte Zhang Xiogang, der mit seinen Kleinfamilien-Porträts, Siebdrucken des Tiananmen-Platzes und Soldatenfotos selbst den langjährigen Marktstar Jeff Koons überflügelte.

Vor allem Verkäufe in China selbst haben stark zu dieser Entwicklung beitragen. Der Statistik zufolge steigerten Auktionshäuser dort zwischen 2006 und 2007 ihre Geschäftstätigkeit um 78 Prozent. Der Gewinn des traditionsreichen britischen Auktionshauses Bonhams, das 2007 in China erstmals Auktionen mit Kunst, Schmuck und Uhren veranstaltete, übertraf die Erwartungen um 40 Prozent. Auch der Pariser Konzern Artcurial verkündete Ende 2007 seinen Einstieg in den chinesischen Markt, für den er sich mit dem privaten chinesischen Medienkonzern Sun Media zusammentut: Gemeinsam will man eine Kunstbuchhandlung, Ausstellungen, Vorträge und Auktionen betreiben.

Dieses neue Kunstinteresse in China selbst ist nicht weniger schillernd als der internationale Boom. Bis vor wenigen Jahren hatte man sich zu Hause für die eigene Szene kaum interessiert, erst ihr Erfolg im Westen brachte das Qualitätssiegel. Und natürlich setzte erst der wirtschaftliche Aufschwung jüngst so viel Kaufkraft frei, dass eine Kundenschicht entstehen konnte, wie man sie zuvor nur in Taiwan, Singapur, Hongkong und Südkorea fand. Urs Meile, einer der renommiertesten Galeristen für chinesische Gegenwartskunst mit Sitz in Luzern und Peking, zählte vor zwei Jahren nur fünf Prozent chinesische Interessenten, heute seien es deutlich mehr. "Wir unterscheiden zwischen Käufern und Sammlern, und der Großteil sind keine Sammler", betont Meile jedoch. "Die unerfahrenen Käufer suchen Kunst als Ausdruck ihrer neuen Individualität und ihres Lifestyles, aber sie haben wenig Hintergrundwissen."

Ein ansehnlicher Teil ist bereit, hohe Preise für minderwertige Kunst zu bieten. So lassen sich die Preissteigerungen von mehreren hundert Prozent in ein bis zwei Jahren erklären, die vielen neureichen Asiaten willkommen sind: Unter ihnen sind viele spekulative Käufer, die die Kunstwerke nach kurzer Zeit gewinnbringend wieder zu verkaufen hoffen. Für "Art Market" hat vor allem diese Spekulationsspirale dazu geführt, dass sich das gesamte Aussehen des internationalen Kunstauktionsgeschäfts innerhalb weniger Monate radikal verändert hat.

Tatsächlich müssen sich die traditionellen Händler gut wappnen und sich clevere umfassende Strategien einfallen lassen, um der Konkurrenz der zunehmend starken lokalen Auktionshäuser wie Beijing ChengXuan Auctions und Shanghais Hosane Auction zu begegnen. Diese agieren unbekümmert bis aggressiv teilweise direkt im Primärmarkt, bieten also Kunstwerke direkt aus den Künstlerateliers zum Erstverkauf an - ein Privileg, das im Westen den Galerien vorbehalten ist. Das Galerienwesen steckt in Peking jedoch noch in den Kinderschuhen. Zwar gibt es Urs Meile zufolge in Peking inzwischen mehr als 600 Galerien, aber sie widmen sich vor allem dem Kunsthandel. Das Konzept, dass ein Galerist einen Künstler langfristig aufbaut und pflegt, ist noch nicht so verbreitet.

Die Gefahr dieser Entwicklung liegt darin, dass renommierte Sammler oder Museen bei dem Tempo und den Preisen nicht mitziehen können. Wenn die Blase einmal platzt oder ein Großsammler wie Charles Saatchi Arbeiten rücksichtslos abstößt, gäbe es für die betroffenen Künstler kein Sicherheitsnetz; der Absturz führte direkt ins kulturelle Vergessen. Auch könnten sich die Märkte teilen und ein Kunstwerk in China viel teurer gehandelt werden als im internationalen Vergleich.

Ein Gegenmittel sind Messen wie die 2007 eröffnete "Shcontemporary" in Schanghai, auf der 130 internationale Galerien ihr Programm vorstellten: eine gute Gelegenheit, um den Maßstab für Preise und Qualität wieder herzustellen und das Auge der Kunden zu schulen. Zudem bildet sich langsam eine Schicht echter Sammler heraus, die den Markt stabilisieren könnte.

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