Keith Richards & Louis Vuitton: Lederhaut wirbt für Lederkoffer

Oh weia: Keith Richards macht Werbung für die Edel-Koffer von Louis Vuitton. Was ist aus dem Rebellentum der Beat-Generation geworden?

Die bürgerliche Kultur integriert ihre Widersprüche. Bild: ap

Unlängst stieß ich in einem Magazin auf ein ganzseitiges Foto von Keith Richards. Mit unfassbar vergreistem Gesicht, Stirnband, Lederjacke und Gitarre sitzt er da in einem äußerst eleganten Hotelzimmer und wirbt für Koffer von Louis Vuitton. Früher hätte er das Hotelzimmer zerlegt. Heute passt er irgendwie genau hinein. Genauso wie das Porzellanteekännchen sich zu seinem Totenkopfschal fügt.

Nicht nur der Kapitalismus, auch die bürgerliche Kultur integriert ihre Widersprüche. Aus den Eindringlingen in solche Räume sind deren Bewohner geworden. Ja, sogar deren ideale Bewohner. Denn längst erfüllt nicht mehr jener die kulturellen Räume, der die vorgegebenen Plätze einnimmt. Heute gilt vielmehr: Je souveräner man mit Zeichen und Lebensformen umgeht, je größer die Distanz dazu, desto passender. So sind jene, die am Mythos Rebellion teilhaben, heute eben die idealen Bewohner jener Räume, gegen die sie einst rebellierten. Nicht zufällig wirbt Richards auch für Koffer. War Reisen, Unterwegssein doch ein wesentliches Moment der Sixties. Gerade daran zeigt sich nun, welche Bedeutungsverschiebung hier stattgefunden hat.

Wenn unter dem Bild steht "New York. 3 Uhr morgens. Blues in C-Dur", spielt das trotz der exakten Orts- und Zeitangabe auf einer ganzen Emotionsklaviatur: Erst wenn man irgendwann und irgendwo ist, kann man sich voll erleben. Erst jenseits aller fixen Parameter beginnt das Leben. Hier wird ein Lebensgefühl aufgerufen, für das Reisen ein umfassender Aufbruch war. Der räumliche Aufbruch war auch ein politischer, kultureller. Natürlich war das damals schon nicht ganz neu. "Nach Rom gehen, um ein anderer zu werden", schreibt Goethe in der "Italienischen Reise". "On the road" aber hieß: Man ging weg - nicht um wohin zu gehen. Man ging fort - nicht um anzukommen. Man suchte Ungebundenheit und Spontaneität. Später wurden daraus Autofahrten mit dröhnender Musik, um Ungebundenheit und Spontaneität zumindest als Gefühl zu erleben. Reisen war Verweigerung der gesellschaftlichen Parameter von Raum und Zeit, das Lebensgefühl des Transitorischen. Man wollte sich in dem, was Deleuze "Deterritorialisierung" genannt hat, wohlfühlen.

Daran zeigt sich übrigens auch, wie sinnlos die Rede ist, die 60er-Jahre hätten nur jene Ideologisierung bereitgestellt, die der Kapitalismus zu seiner Modernisierung gebraucht hat - eine ideologisch verbrämte Einübung in flexiblen Kapitalismus gewissermaßen. Hier eine einfache Kausalität anzunehmen, verkennt, dass diese Flexibilisierung des Kapitalismus sehr verschieden besetzt, das heißt, sehr verschieden erlebt werden kann. So ist "on the road" mittlerweile die Erinnerung an ein Lebensgefühl, das dem heutigen Reisenden als romantische Dekoration dient. Es möbliert ihn mit Emotionen, die längst nicht mehr die seinen sind. Denn Unterwegssein heißt jetzt Mobilität. Bewegung ist damit zu einer ganz anderen Lebensform geworden, ja sogar zu einem gegensätzlichen Weltverhältnis.

War für die Beat-Generation alles, was jenseits von zu Hause war, Fremde, so heißt Mobilität heute (für einen soziologisch vergleichbaren Menschenschlag) nirgendwo fremd sein, überall "zu Hause" sein. Man bricht nicht mehr ins Nirgendwo auf, sondern kommt überall an. Dazu gibt es ein ganzes Segment an "city guides" für alle Arten von "travellers". Hier werden jene Geheimtipps verraten, die den fremden Ort begehbar machen. Zielsicher kann sich der Reisende in jeder Stadt bewegen, die auf die jeweils gewünschte Szenetopografie mit etwas Lokalkolorit reduziert wurde. Man erlebt die Deterritorialisierung also nicht mehr als Abenteuer. Es geht vielmehr darum, sich in ihr einzurichten. Eine neue Form von Reterritorialisierung, die bei Deleuze noch nicht vorkommt.

Dabei fehlt dieser sesshaften Mobilität ein entscheidendes Moment. Die Entwurzelung, die Überschreitung erzeugte nicht nur rauschhafte Freiheitsgefühle, sondern auch neue Identitäten. Mobilität hingegen, die auch heute nicht nur eine ökonomische Notwendigkeit ist, sondern als Lebensform inszeniert wird, bedeutet weder "nach Rom gehen, um ein anderer zu werden" noch irgendwohin gehen, um irgendjemand zu werden - sie bedeutet vielmehr: überall hingehen, um derselbe zu bleiben, nicht die Fremde zu suchen, sondern sich die Welt anzueignen. So macht eben Keith Richards Blues um 3 Uhr morgens nichts anderes als - Werbung für Koffer.

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