Goethe-Institut-Programmleiter Wackwitz: "New York feiert Auferstehung"

Stephan Wackwitz ist seit kurzem Programm-Leiter des Goethe-Instituts in der New Yorker Kulturszene - und hat prompt ein Wunder erlebt: das neue, depressionslose New York.

"Wer hier keinen Kontakt kriegt, muss Autist sein" Bild: dpa

Geboren: 20. Januar 1952 in Stuttgart, Vater eines

Sohnes.

Karriere: Nach sieben Jahren als Leiter des Goethe-Instituts in Krakau und einem zweijährigen Intermezzo in Bratislava in gleicher Funktion arbeitet er seit Sommer 2007 als Leiter der Programmarbeit des Goethe-Instituts in New York, verantwortlich für das kulturelle Engagement in den USA, Kanada, Mexiko und Kuba.

Seiner Initiative ist die Eröffnung einer Dependance des Goethe-Instituts, sonst beheimatet in New York an feinster Upper-East-Adresse am Central Park, in der Lower East Side an der Ludlow Street zu verdanken.

Jüngste Veröffentlichung als Schriftsteller: "Osterweiterung" (S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2008), ein Essayband über das "Terrain vague", magische, unbebaute Landschaften Osteuropas.

taz: Herr Wackwitz, Sie haben viele Jahre in Osteuropa gelebt. Seit einem halben Jahr sind Sie in New York. Was ist Ihnen dort am stärksten aufgefallen?

Stephan Wackwitz: Dass die Ähnlichkeiten zwischen Krakau und Bratislava einerseits und New York andererseits so groß sind. In Brooklyn hört man zum Beispiel in bestimmten Gegenden soviel Polnisch auf der Straße wie in Krakau. Bei Ausflügen nach Harlem war mein Eindruck, dass sich diese Gegend, die schwer am Boden lag, aus einer langen Depression, ja Exklusion berappelt.

Woran erkennen Sie das?

An Äußerlichkeiten vor allem. An einer gewissen Flamboyanz der Bewohner, die plötzlich Geld haben und sich nun so anziehen, wie sie denken, dass sich Leute anziehen, wenn sie Geld haben.

Wie sieht das aus?

Bunt. Und sexy. Zum Teil auch ein bisschen, immer eine Spur too much, also das Gegenteil des alten Geldes. In Harlem fällt auch auf, dass ganze Straßenzüge halb renoviert und zugleich noch halb verfallen sind. Man weiß immer nicht, ob man gerade im himmlischen Jerusalem zu Besuch ist oder bei der Hure Babylon, die verfällt.

Wo liegt denn die Ähnlichkeit mit Städten in Osteuropa?

Hier und dort werden ungewöhnliche Geschäftsideen geboren: Imbisse, in denen es auch einen Schlüsseldienst gibt. Oder eine Bäckerei, in der in einer Ecke auch Kosmetik angeboten wird. Das sind merkwürdig hybride Formen einer Übergangsgesellschaft. Ähnlich sind sich Harlem und das Krakau der Nachwendezeit auch darin, dass sich ganze Straßen in Basare verwandeln. Als langjähriger Mitbürger des Ostens fühlte ich mich hier auf meine Art heimisch.

Worin liegt der Aufschwung von früheren No-go-Areas begründet?

Dass die Polizei sehr hart durchgegriffen hat. Vor allem hat sie den Crackhandel unterbunden.

Ist New York nicht steril geworden, wie europäische Besucher sagen?

Nach meinen ersten Monaten würde ich sagen: Nein. Ich kann mir schon vorstellen, dass bestimmte Gegenden jetzt nicht mehr so billig sind, die Preise für Immobilien sind einfach sehr hoch. Aber das, was in dem Wort steril mitschwingt, eine gewisse Leblosigkeit, kann ich nicht erkennen.

Wie hat man Sie in den ersten Tagen in New York behandelt?

Verblüffenderweise keine Sekunde als Fremden. Ich habe das Gefühl, hier vollkommen selbstverständlich aufgenommen zu werden. Vom Frisör über die Dame an der Drogeriekasse bis zu dem Chinesen, wo ich meinen Wein kaufe.

Sie leben auf der wohlhabenden Upper East Side, weit weg von der Szene im Village.

Wohlhabend? Ja. Aber die Upper East Side ist inzwischen viel billiger als die Lower East Side. Die Viertel, die mal ganz unten waren, sind jetzt die teuersten. Dort wollen die Leute hin, da sind die Bars, da stimmt die Adresse. Leute bezahlen gutes Geld für den richtigen ZIP-Code, wie die Postleitzahl hier heißt. Ich habe einen hundsmiserablen ZIP-Code, dafür bekomme ich eine tolle Wohnung für bezahlbares Geld.

Aber die armen Leute mussten aus der Lower East Side weg.

Ja, das ist so. Nach wie vor leben aber in New York Menschen mit wenig Geld. Und auch die Mittelklasse lebt nicht so gut wie die, sagen wir, in Oldenburg. Eher beengt. Es riecht nach gegrilltem Hund. Dauernd sind Partys im Nachbarhaus … New York ist laut und geht auf die Nerven, wenn man nicht aufpasst.

Nirgendwo so recht Raum?

Nein, und keine Edeltannen im Vorgarten. Der Deutsche an sich ist sehr verwöhnt, was Wohnraum anbetrifft, vor allem in Berlin. Deshalb gehen die Leute auch so oft aus: Zuhause ist es zu eng.

Eine Frage an den deutschen Kulturfunktionär: Sind US-Amerikaner oberflächlich?

Nonsens. Das Kulturleben ist von einer unbeschreiblichen Gründlichkeit. Ich habe bisher kaum jemanden getroffen, der mich nicht zuvor exzessiv gegoogelt hätte - und genau weiß, wen er da vor sich hat. Die Leute sind unglaublich informiert, lesen unentwegt dicke Bücher und rennen ins Konzert.

Aber doch nur die kulturelle Elite?

Kann sein, aber gerade der wird ja immer vorgeworfen, so oberflächlich zu sein. Stimmt aber überhaupt nicht. Man kann hier auch hervorragend essen, in ganz kleinen chinesischen oder italienischen Imbissbuden, für n Appel und n Ei. Und es gibt kaum so volle und so enzyklopädische Museen wie in den USA.

Kaum zu glauben.

Aber wahr. New York ist keine Stadt für Depressionen, sondern für Manien, für Hysterie. Es gibt so viel zu tun, dass der Körper in doppelter Geschwindigkeit läuft. Es ist sehr laut, es ist sehr schnell, man muss mithalten. Das ist für depressive Menschen kein gutes Umfeld.

New York - eine Kurstadt?

New York hilft Schwermütigen, das würde ich sagen. Die Leute arbeiten hier einfach wie die Pferde. Das ist unbeschreiblich, was die Leute in den Restaurants und Läden leisten. Die haben keine Zeit für Depressionen.

Und werden dafür übel ausgebeutet, nicht wahr?

Klar, vor allem aber sind sie zu beschäftigt, um alles Mögliche andere zu machen, was Leute tun, die nicht busy sind. Seit Rudy Giuliani Bürgermeister war, bleibt nicht viel Zeit für Depressive.

Wo bleibt da Platz für Solidarität und Beziehungen?

Dass es den nicht gäbe, ist reine Gräuelpropaganda! Wer hier keinen Kontakt kriegt, muss Autist sein. Man macht ja auf einer Party alle nervös, wenn man fünf Minuten allein in sein Glas hineintrübelt. Das lässt der New Yorker nicht auf sich sitzen: Mauerblümchen lässt er nicht allein.

Klingt eher aufdringlich.

Nein, die Leute lassen einen ja auch in Ruhe, wenn man das signalisiert. Man hat nicht dauernd Leute am Hals, die einen stalken. Aber in Deutschland habe ich als eher schüchterner Mensch immer das Gefühl, dass ich einen Triumph gelandet habe, wenn ich mal endlich jemanden spreche, den ich noch nicht kenne.

Und in New York?

Geht man auf jemanden zu und sagt: "How are you doin?" Hier wird nicht übelgenommen, wenn man jemanden anquatscht. In meiner Jugend hieß es immer: Das macht man nicht! Wenn man aus dem kontaktgestörten Milieu meiner Jugend kommt, dann scheint einem das oberflächlich.

In Deutschland bedeutet ein sehr langes Gespräch schon Freundschaft, oder?

Ja, das kann auch in New York passieren, aber es muss nicht. Zunächst gilt: Die Leute wollen, dass man sich wohl fühlt. Unentwegt wird einem geholfen.

Gegen Geld, oder?

Nein, natürlich nicht nur gegen Geld. Andererseits - was ist gegen Geld schon zu sagen?

Hatten Sie Bilder zu New York im Kopf, ehe Sie aus Bratislava kamen?

Viele, sehr viele. Und obwohl ich wusste, dass New York nicht die Hölle ist wie in "Fegefeuer der Eitelkeiten" beschrieben, waren sie präsent. Neulich war ich mit dem Fahrrad in der Bronx unterwegs und hatte plötzlich einen Platten. Plötzlich war da die Angst: Um Gottes willen, ich bin in der South Bronx … Das war die Situation, aus der in Tom Wolfes Roman die Katastrophe entsteht …

… einmal die falsche Abfahrt genommen.

Also frag ich, noch sehr ängstlich, jemanden: Gibts hier einen Fahrradladen? Sagt der, jaja, zweite Straße links, und da wartete ein furchterregend aussehender Mann, so Typ alter Hippie oder n Hiphopper, jedenfalls für mich stark subkulturell kodiert. Innerhalb von fünf Minuten hatte er mir einen neuen Schlauch und neuen Mantel aufgezogen. Und noch Ratschläge gegeben, wie ich am besten in meine Gegend zurückkomme.

Für Sie ein Wunder?

Nein, höchstens eine Verwunderung über mich selbst und über die schrecklichen Bilder, die in mir wach waren. Aber es gibt ein Wunder in New York, und das hat mit mir nichts zu tun.

Sondern?

Dass die New Yorker genießen, sich einfach ohne Hintergedanken in allen Gegenden aufhalten können. Meine Freundin fährt nachts mit dem Fahrrad in der Gegend rum. Da passiert nichts. Ich nehme das als eine Art Auferstehung wahr, die New York feiert.

Nach dem 11. September?

Dieses Datum hat mit diesem Wunder nichts zu tun. Das war schon mit klassischer Polizeiarbeit erreicht. Die Leute hatten einfach die Schnauze voll von den unsicheren Verhältnissen in den Straßen.

"Zero Tolerance" hieß das Konzept, null Toleranz - und es ist umstritten.

Jeder Liberale, mit dem man spricht, schüttelt sich vor Ekel über Rudy Guiliani, aber wahr ist doch, dass unsichere Verhältnisse immer erst den kleinen Leuten schaden. Die Reichen organisieren sich Sicherheit nötigenfalls selbst. Den kleinen Leuten wurde beim Einkaufen das Geld abgenommen, die fühlten sich behelligt. Die Kritik an der polizeilichen Arbeit nenne ich Feld-Wald-und-Wiesen-Liberalismus. Und dem kann ich nicht folgen.

Sie haben in Ihrem jüngsten Buch Osteuropa als "Terrain vague" skizziert, als unbebautes Gelände. Wie würden Sie New York nennen?

Als das Gegenteil. Als eine unbeschreibliche Konzentration an Energie. Die überall reinströmt. In Osteuropa fehlt es an dieser Energie, auch, weil es keine Einwanderer gibt, die ständig alles auf den Kopf stellen wollen. Mich wundert nicht, dass New York für Osteuropäer die ersehnte Metropole schlechthin ist. Hier ist immer Heimat.

INTERVIEW: JAN FEDDERSEN

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