Soziologin über jüdische Einwanderung: "Will Deutschland keine Migranten?"

Früher emigrierten tausende Juden aus dem Osten nach Deutschland - 2007 kamen nur noch 14. Jemand wie Wladimir Kaminer hätte heute kaum Chancen, so die Soziologin Irene Runge

Könnte er heute noch kommen? Autor Wladimir Kaminer. Bild: dpa

taz: Frau Runge, bis 2003 kamen pro Jahr bis zu 20.000 Juden aus den GUS-Staaten. 2007 waren es nur noch 14. Warum ist das so?

Irene Runge: Das jüdische Zuwanderungsgesetz, das seit 2007 in Kraft ist, scheint mir falsch konzipiert. Man hätte gemeinsam klären müssen, ob und warum es weiterhin eine jüdische Einwanderung nach Deutschland, ins Land der früheren Verfolger und Mörder geben soll. 1990 wollten wir am runden Tisch das jüdische Leben in der DDR erhalten. Nach dem neuen Gesetz soll die Zuwanderung der Stärkung der jüdischen Religionsgemeinden dienen. Das ist als Gesetzesgrundlage nicht geeignet.

Wieso nicht?

Weil Religion kein Einwanderungsgrund sein kann. Nach dem neuem Gesetz müssten Einwanderungswillige aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion nachweisen, dass sie jüdisch aktiv sind - die Art der verlangten Aktivität bleibt nebulös. Eine jüdische Religionsgemeinde in Deutschland soll zudem eine künftige Aufnahme bestätigen. In den GUS-Staaten definiert sich Judentum aber als Nationalität oder Volkszugehörigkeit. Das Religiöse ist eine andere Seite. Kulturell feiert man die eigenen nationalen Feiertage, man kennt jiddische Ausdrücke usw. Jüdische Gemeinden in Deutschland nehmen Juden nur nach dem jüdischen Gesetz auf - man hat eine jüdische Mutter oder konvertiert. Viele Einwanderungswillige identifizieren sich als Juden, haben aber keine jüdische Mutter, sondern einen jüdischen Vater. Von den 220.000 Menschen, die auf dem jüdischen Ticket nach Deutschland kamen, sind nur 80.000 bei den jüdischen Gemeinden angemeldet.

Eine weitere Hürde ist laut Gesetz der Nachweis von Deutschkenntnissen. Ist das nicht sinnvoll?

Doch, das ist sehr sinnvoll. Neu ist aber auch, dass die nichtjüdischen Familienangehörigen zunächst nur ein befristetes Bleiberecht bekommen. Außerdem wird eine "positive Integrationsprognose" erwartet. Man sollte dazu gut qualifiziert sein und wissen, wie man seinen Lebensunterhalt ohne staatliche Alimentierung bestreiten will. Überlebende der NS-Verfolgung sind davon befreit.

Der bekannteste jüdische Kontingentflüchtling ist der Autor Wladimir Kaminer, der dem jüdischen Glauben distanziert gegenübersteht. Hätte er nach dem neuen Gesetz noch eine Chance, hierherzukommen?

Das weiß ich nicht. Hat er eine jüdische Mutter? Würde er angeben, sich in einer Gemeinde engagieren zu wollen? Er müsste wie alle anderen angeben, wie er sich selbst ernähren kann. Hätte er geschrieben, das will er als Bestsellerautor tun, würde sich das Bundesamt wahrscheinlich spreizen.

Warum kam von jüdischer Seite nicht rechtzeitig Kritik am Gesetzentwurf?

Ich habe vielfach dagegen angeschrieben. Die jüdischen Gemeinden und der Zentralrat waren mit dem Thema vielleicht überfordert. Es gibt Gemeinden, die hatten vor der Einwanderung zehn alte Mitglieder, alles Holocaustüberlebende. Ihre Themen kreisten um Religion, den Holocaust und Israel. Dann waren da auf einmal 600 Mitglieder - wer sollte da wen integrieren? Der Staat hat den jüdischen Gemeinden diese Aufgabe überlassen. Und plötzlich wurde im Gemeindeleben auf Russisch über Puschkin geredet. Für viele Altmitglieder war das einfach zu viel.

Wie kam es 1990 am runden Tisch der DDR zur Idee, Juden aus der Sowjetunion einwandern zu lassen?

Unter Perestroika und Glasnost schien sich der russische Antisemitismus zu erneuern. Es gab Hetzereien, man fürchtete Schlimmeres. Rabbiner Tsevi Weinman aus Jerusalem drängte uns damals, die DDR-Regierung zur Grenzöffnung aufzufordern. Die Volkskammer hat sich zur deutschen Schuld bekannt und die Einwanderung ermöglicht.

Sie betreuen seit langem im Jüdischen Kulturverein Berlin Zuwanderer. Was war deren Motivation, nach Deutschland zu kommen?

Anfangs war es Antisemitismus, das wirtschaftliche Chaos dort, man wollte sich und den Kindern eine bessere Zukunft bieten, auch Abenteuerlust. Die Religion spielte als Motiv eher keine Rolle - dafür gibt es Israel -, aber jüdische Kultur und Identität schon.

Öffnen sich die jüdischen Gemeinden den nichtjüdischen Familienangehörigen?

Manche Gemeinden beziehen sie in ihr kulturelles Leben ein, andere nicht. Ich kenne einen Fall, wo Cousins nicht gemeinsam ins Ferienlager fahren konnten, weil der eine die jüdische Mutter, der andere aber nur den jüdischen Vater hatte. Es gibt aber auch jüdisches Leben außerhalb der Gemeinden. Nach Berlin kommen immer mehr kreative junge, jüdische Amerikaner, Engländer, Argentinier und Israelis - auch mit deutschem Pass, als Enkel von Vertriebenen. Die sind eine Hoffnung.

INTERVIEW: MARINA MAI

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