Plädoyer für eine Neudefinition von Realität auf der EM: Das Pamela-Anderson-Prinzip

Die PR-Maschine des Sports macht die EM zur großen Show - die Medien machen mit. Über die Unmöglichkeit, Nähe herzustellen - und die Möglichkeit, das kreativ zu vertuschen.

Der DFB stellt im deutschen Pressezentrum sechs Kämmerchen bereit - für "Einzelinterviews". Bis zu zwölf Journalisten können rund 20 Minuten lang gemeinsam mit einem Spieler reden. Nachfragen ist fast unmöglich, eine vertrauensvolle Atmosphäre kommt nicht auf. DFB-Sprecher Stenger forderte zur Poolbildung auf. "Das erhöht auf jeden Fall die Chancen, ein Einzelinterview zu bekommen."

Fort Lauderdale, 1981. Gerd Müller sitzt neben Harry Valérien vom ZDF und einem Schweizer Sportreporter namens Serge Lang. Die Gruppeninterviews mit ausgewählten Vertretern der Weltpresse sind beendet, Kameras und Mikrofone ausgeschaltet. Dann passiert es. Abseits von Presseagenten und PR-Betreuer verwickeln Valérien und Lang den "Bomber der Nation" in ein privates Gespräch: Traumbedingungen für Journalisten. Die Unnatürlichkeit der Interviewsituation ist aufgebrochen.

Gerd Müller holt Luft, will etwas zu seinem Leben erklären, etwas Tiefes vielleicht. Aber er kann es nicht sagen. Kein Wort geht ihm über die Lippen. Müller wischt sich Tränen aus den Augen. Er vergräbt sein Gesicht. Valérien klopft ihm auf die Schulter, Lang holt ein Glas Wasser. Dann, als sich Müller etwas gefasst hat, spricht er die monumentalsten Worte seiner Karriere: "Alles was man im Leben sagt oder tut, ist doch eh scheißegal."

Serge Lang, der Starreporter der französischen Sportzeitung Equipe und der Schweizer Boulevardzeitung Blick, wurde Jahre später nie müde, uns Jungjournalisten von diesem tragisch-anarchistischen Moment dicht am privaten Abgrund des größten Torjägers aller Zeiten zu berichten. Wieso?

Serge Lang verkörperte perfekt den Journalisten, der zwischen den Fronten von PR und Printmedien agierte. Seine Artikel waren nur Anhängsel von einträglicheren Geschäften, die er unter dem Deckmantel des Journalismus betrieb. An Gruppengesprächen mit Sportstars beteiligte er sich längst nicht mehr. Mit irgendeinem Sponsor war Lang immer eng befreundet, und der ermöglichte ihm die Nähe zum Star. Später ließ er befreundete Journalisten an seinen Informationen teilhaben, und so kamen sie zu dem, was die Redaktionen von ihnen wollten: Sie bastelten ein exklusives Einzelinterview.

Es waren Bedingungen, wie man sie heute von den "Poolinterviews" anlässlich von Hollywood-Filmpräsentationen, Kriegen der US-Armee oder, wie jetzt, einem Fußball-Großereignis kennt. Mich hat es immer wahnsinnig viel Anstrengung gekostet, bei Gruppeninterviews, sogenannten Junkets, nicht schallend zu lachen. Oder vielleicht den Zeigefinger in die Kehle zu stecken. Wir Hollywood-Journalisten waren vergleichbar mit einer Rinderherde, eingepfercht in eine Hotelsuite, während sich die Stars und deren Berater mit kalkulierter Verschlossenheit hinter einer Wand aus Images verstecken, geschützt vom System Junket.

Im Gruppengespräch mit 12 Journalisten und einem Star war immer klar: Der Mensch hinter dem Star ist nicht zu haben, nicht für die Allgemeinheit. Wer als Pooljournalist in der Holding Suite sitzt, wo man mit dem Grinsen der PR-Bulldoggen bedacht, mit Pressematerial, Orangensaft und Lachsbrötchen zugeschüttet wird, der ist am Anfang einer schwierigen Gratwanderung. Wie verarbeitet man diese absurde Realität? Gibt es einen Gott, der uns hilft, wenn das Girl der Produktionsfirma ihre Herde in die Zellen schickt? Lets go, lets go - twenty minutes, ladies and gentlemen. Das Glaubenssystem Journalismus wird bei dieser Zeremonie erschüttert. Und wer in jenen Momenten keine Erschütterung spürt, sieht eh schon alles durch die rosarote Brille.

Einzig wirksames Mittel, um diesen Bedingungen standzuhalten: Kreativität. Bis der Stoff sich so fantastisch liest, dass den Interviewten beim Gegenlesen sogar Tränen der Freude überkommen. ("Sean war so was von fasziniert von Ihrem Interview, Mister Kummer", ließ mir der Presseagent von Sean Penn im Sommer 1996 ausrichten, nachdem er mein fast komplett inszeniertes Interview für das Zeit Magazin gegengelesen hatte - das tatsächliche Gruppengespräch mit 12 Journalisten hatte kaum etwas hergegeben.)

Unterschiedliche Geister mit unterschiedlichen Fragen werden für 20 Minuten in einen Raum gesteckt. Was hat das Ergebnis mit Journalismus zu tun? Claude, ein Starreporter der Hochglanzpostille Paris Match, fragt Sofia Coppola im Four Season in Beverly Hills, wieso sie glaube, die Lüge sei romantisch und die Wahrheit wie ein Roman. Dann bittet er sie um ein Autogramm. Auf den Unterarm bitte. Hat jemand einen roten Filzstift? Fünf Minuten Redezeit gingen drauf. Na und? Der Wahnsinn ist eh besser als die Wahrheit.

Bei einem Pamela-Anderson-Interview begann die Fragerunde links von Pamelas Stuhl. Ein hypererregter holländischer Nachrichtenagentur-Journalist stellte die wichtigste Frage, die Holland seit dem Bau der Deiche bewegte: "Ich habe gehört, Sie kommen demnächst nach Holland, Miss Anderson. Stimmt das?" -"Ja, ich glaube, ich komme nach Amsterdam. Das ist meine Lieblingsstadt!" Genau so muss ein Interview beginnen! Wann, wie und wo kommen Sie? Und wie fühlt es sich an, wenn Sie kommen, Miss Anderson?

Ich war bereit, fast alles zu tun, um aus einer hoffnungslosen Situation etwas wirklich Großes zu erschaffen. Aber es widerstrebte mir, den PR-Bulldoggen in den Arsch zu kriechen, nur um statt mit 12 Leuten nur mit 6 Journalisten ein Einzelinterview zu inszenieren. Was für ein fantastischer Pakt sollte das sein? Presse-Junkets erschienen mir immer mehr wie fantastische Ereignisse: Die Realität implodiert. Wirklichkeit und Unwirklichkeit verschmelzen zu einem ziemlich gefährlichen Gemisch.

Für eine neue Generation von Journalisten mag aber selbst dieses tragischste aller Presserituale heute nicht mehr wie eine Hinrichtung erscheinen - als das es mir damals in Hollywood erschien. Vielleicht denken Jungautoren bei diesen Medienspielchen bloß noch darüber nach, wie man den Kuhhandel "Journalismus" für eine satirische Story nutzen oder mit einem absurden Spin belegen kann. Das Dokumentieren und Beschreiben der Begegnung mit Presseagenten und das ganze Drumherum bei Interviews ist ja mittlerweile in der deutschen Presselandschaft längst Standard, um sich aus einer hoffnungslosen Situation irgendwie redlich und ohne Schuldgefühle herauszumogeln - vielleicht auch um zu beweisen, dass da wirklich alles mit rechten Dingen zugeht.

Und damit wären wir beim Kern der Sache: Wie täuscht man Exklusivität vor - unter realen Bedingungen, während Pressekonferenzen, Gruppeninterviews, wo Perspektiven einstürzen, die Grenzen der Wahrnehmung verschwimmen und nichts von dem, was der Reporter sieht und hört, bloß deswegen schon real ist?

Ein Blick zurück lohnt sich: Was sogenannte Gonzo- oder New-Journalists besser verstanden als sogenannte Qualitätsjournalisten, war, die korrumpierten Bedingungen des Interview-Alltags für den Autor und den Interviewten glamourös zu vertuschen. Wie es sich in einer vom Schein (und Poolinterviews) beherrschten Medienwelt gehörte, verwandelte sich die Show zum bestimmenden Gegenmittel. Der Illusionismus, die herablassende Coolness, die moralisierende Ironie, die Fiktion.

Dafür wurden New Journalists natürlich von den weniger kreativen und vorsichtigeren Kollegen gehasst (und, in meinem Fall, verjagt). Dabei ist das Stilmittel noch heute das gleiche - wie man erst kürzlich in einer Spiegel-Reportage eines ehemaligen Tempo-Kollegen über die Sängerin Amy Winehouse nachlesen konnte. Glänzend wird dort die Unmöglichkeit, Nähe zum Objekt herzustellen, mit sprachlich-dramaturgischen Mitteln ersetzt und vertuscht: Zum Verbündeten des Spiegel-Reporters auf dem Weg zur Wahrheit wird ein Paparazzi - was letztlich ein wunderbarer Akt der Fiktionalisierung ist, weil er eine amorphe Wirklichkeit vorstrukturiert und somit die scheinbar eindeutige Unterscheidung von Fakt und Fiktion untergräbt: eine Neudefinition von Realität also. Meine Welt.

Mittlerweile entsteht fast jede Exklusivgeschichte in Hollywood mit Hilfe von Paparazzi, gut vernetzten Starfotografen oder windigen PR-Fritzen - den neuen Verbündeten des Qualitätsjournalisten.

Es gibt so viele Fragen rund um das Überleben der Printmedien. Kürzlich wurden mir solche Fragen von einem Publizistik-Professor gestellt, der mich für ein Interviewbuch zum Thema "Zukunft der Printmedien" gewinnen wollte. Es waren fantastische Fragen, Fragen des Überlebens: Wann beginnt der Betrug der Redaktionskollegen und des Publikums? Ist nicht jeder Akt der sprachlich-dramaturgischen Gestaltung letztlich auch ein Akt der Fiktionalisierung? Können Journalisten nur überleben, wenn sie eine scheinbar eindeutige Unterscheidung von Fakt und Fiktion untergraben? Darauf wusste ich nicht viel zu sagen. Außer: dass es vielleicht für Interviewer nur Rettung im New Journalism gibt, der mit der Faszination des Fiktiven spielt.

Aber welcher Grad der von Ihnen, Herr Kummer, angewandten Konstruktivität könnte denn heute als Grundlage einer journalistischen Ethik taugen? Sollte man angesichts des PR-Journalismus und des "Spindoctoring" die von ihnen praktizierte Erfahrung der Intersubjektivität mainstreammäßig anerkennen?

Eine grandiose Wahnsinnsfrage. Meine Rettung!

Doch die wichtigste Frage stellte mir der gute Publizistik-Professor nicht: Warum sind eigentlich so viele deutsche Journalisten solche Kollaborateure? Was unterscheidet das Glaubenssystem von Qualitätsjournalisten eigentlich noch von der Hofberichterstattung von Werbejournalisten?

Eine Neudefinition von Realität im Journalismus scheint mir naheliegend. Mehr nicht.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben