Filmemacher über NoBudget-Filme: "Rette dein Leben!"

Wenn am Freitag das Kolloquium "Die digitale Herausforderung" in der Deutschen Kinemathek startet, ist der Pionier Michael Brynntrup dabei. Wie grenzenlos ist die digitale Freiheit wirklich?

"Viele Leute fotografieren sich im Spiegel mit Blitzlicht, das Licht überstrahlt ihr Gesicht." "Face it" fand man bei YouTube inappropriate". Bild: screenshot www.brynntrup.de

taz: Herr Brynntrup, wenn man zu Ihnen kommt, läuft schon an der Tür die Kamera mit. Ist denn alles Film?

Michael Brynntrup: Ich interessiere mich für Medienreflexion. Ich habe das Medium immer im Auge und manchmal auch im Bild. Irgendwann fing das mal an, dass Fernsehsender sich bei mir meldeten und kurze Reportagen mit mir drehten - seither filme ich zurück.

Wir machen hier ein Interview für ein gutes, altes Printmedium. Es geht um "Die digitale Herausforderung", auf der entsprechenden Tagung der Deutschen Kinemathek werden Sie über No-Budget-Filme sprechen. Das Medium dafür war, als Sie anfingen, Super 8.

Super 8 ist ein No-Budget-Medium. Man musste in den Achtzigerjahren nichts für die Kamera bezahlen, die lag bei den Eltern im Schrank. Film war billig, Video war noch nicht da. Das Problem war dann, einen Abspielort mit Ausstrahlungskraft zu finden. Das war auch ein Zeitgeistphänomen. Filme wurden in Nachtclubs gezeigt, Performance kam dazu, man hat Super 8 auch als Visuals bei Konzerten verwendet.

So kann man im Grunde sein Leben filmen, das Leben wird zu einem filmischen Kontinuum.

Gerade heute habe ich eine 750-GB-Festplatte bekommen, da steht auf der Packung: Save your life. Das reicht dann wohl für ein komplettes Leben. Rette dein Leben! Durch Speichern. Es ging uns aber durchaus um Kunst - wobei der Kunstbegriff reflektiert wurde: Persönliche Ausdrucksweise spielte eine Rolle, außerhalb der festgetretenen Pfade. Super 8 war ein Medium für Autodidakten.

Auch ein Medium der schwulen Subkultur?

Ich war sehr früh in Leicester, das war um 1984/1985, damals war "Jesus - Der Film" noch nicht einmal fertig, aber der Austausch der Szene mit New York und London war schon da. In dieser englischen Provinzstadt konnte man damals Derek Jarman treffen. Ich habe ihm meine frühen Filme gezeigt, er hat mich gefilmt - die Aufnahmen habe ich nie gesehen. Das stand nicht unter dem Motto: schwul oder queer. Das kam eher erst Ende der Achtziger, hatte viel mit Aids zu tun. Man kannte sich unter dem Aspekt, dass man lebende Bilder macht.

Es gibt eine Ontologie des filmischen Bilds als Abdruck der physischen Wirklichkeit für die Ewigkeit.

Dem Tod bei der Arbeit zuschauen - das wäre meine Devise. Man kann den Moment auch dann nicht festhalten, wenn man sich mit Hi-Tech und reproduzierenden Medien ausrüstet. Letztlich ist jeder Moment vergänglich.

Im digitalen Raum verschärft sich das Problem. Peter Kubelka spricht von "Schlaganfällen" der Technologie, wenn wieder einmal ein Format unlesbar wird.

Ich habe im Jahr 2000 eine CD-ROM mit dem Titel "Netcetera" gemacht. Meine erste Website war für 56k-Modems angelegt, die Seite hatte ungefähr 15 MB, das wollte ich auch offline haben und habe deswegen eine CD-ROM produziert, die viel mehr Speicherplatz hatte. Da hatte dann ein Introfilm gleich einmal 17 Minuten. Dazu gab es meinen Arbeitsraum als 3-D-Panorama, in dem man sich digital bewegen konnte. Diese CD-ROM funktioniert auf der neuen Generation der Mac-Rechner nicht mehr. Bum! Die muss ich noch einmal neu rechnen. Ich habe 800 Stück produziert, verkauft nicht so viel.

Gibt es einen Film von Ihnen, der nur im Kino richtig funktioniert?

"Achtung die Achtung". Zu sehen ist ein Freund von mir, der sich über die Jahre mehr und mehr tätowiert hat, bis hin zu einem Ganzkörpertattoo. Das ging weiter mit Piercings. Es gibt Szenen, die jedes Mal einen Aufschrei im Publikum verursachen. Er sticht sich zum Beispiel einen Nagel in die Brust. Das hat auch immer noch ein bisschen was mit Katholizismus zu tun. Auf der Website gibt es eine "Filmgalerie" zu "Achtung die Achtung", die aber auf eine weniger konfrontative Erfahrung hinausläuft.

Ist die Website selbst ein Werk?

Ursprünglich war die Notwendigkeit da, ein wenig Struktur in die fünfzig Filme zu bringen, die ich hatte. Aber auf 5 MB und nicht auf 750 GB. Ich habe das dann bald als Äußerung gesehen und nicht einfach als Katalog. Die Seite hat ein mediales Eigenleben bekommen.

Heute ist das Filmische allgegenwärtig - ist die Aufhebung der Unterschiede zum Amateur eher ein Gewinn oder ein Verlust?

Viele Videobilder entstehen ja ohne Kenntnis von Filmgeschichte, zumal der Experimentalfilmgeschichte. Bei Youtube werden 70.000 Filme pro Tag eingestellt. Da kann man sagen: Das ist der Horror. Oder: Da tut sich was.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Youtube?

Mein jüngster Film "Face It" zeigt Selbstporträts von Leuten aus schwulen Chatrooms. Viele Leute fotografieren sich im Spiegel mit Blitzlicht, das Licht überstrahlt ihr Gesicht. Mir fiel auf, dass es diese selbstinszenierten Bilder gibt. Ich habe sie dann gesammelt und sukzessive zu einem Film montiert. Diesen Film habe ich bei Youtube eingestellt, den wollten sie dort aber nicht haben. Nach einer halben Stunde war er weg. Die User-Gemeinde kann Flaggen setzen, um einzelne Beiträge als kontrovers zu markieren, wer das dann aber konkret entscheidet und löscht, entzieht sich unserer Kenntnis. Das war Teil des Themas des Films: "Face It! - Cast Your Self" - statt "broadcast yourself". Der Film spielt mit der Benutzeroberfläche von Youtube und mit der Tatsache, dass meine Inhalte dort als "inappropriate" erscheinen.

Das wäre dann also die digitale Herausforderung: Subjektivität im Netz einzubringen und es schaffen, damit drinnenzubleiben.

Es gibt eben Mechanismen, die dieser grenzenlosen Freiheit immer wieder Riegel vorschieben. Ich finde die digitale Freiheit gut, aber man muss immer reflektieren, wer über die Schaltstellen verfügt.

INTERVIEW BERT REBHANDL

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