Insekten-Künstler Jan Fabre im Louvre: Christus trifft Mistkäfer

Der Louvre hadert mit seinen Besuchern, die schauen nämlich nicht mehr richtig hin. Zum Wachrütteln setzen die Kuratoren auf das Potential von Provokations-Künstler Jan Fabre.

Selbstportrait als stöhnender Riesenwurm: Jan Fabre soll Louvre-Besucher wachrütteln. Bild: dpa

Regiert im Louvre jetzt die Hochstapelei? "Die zeitgenössische Kunst, die gar keine Kunst ist, versucht sich künstlerische Legitimität zu verschaffen", wetterte der Pariser Professor Jean-Louis Harouel kürzlich im Figaro.

Der Louvre, der wohl berühmteste Kunstpalast der Welt, befindet sich in einer Umbruchphase. Nicht nur, dass derzeit am Ableger "Louvre Abu Dhabi" gebaut wird, wobei sich der französische Staat das umstrittene Expansionsvorhaben von den Scheichs mit 700 Millionen Euro vergolden lässt. Das ehrwürdige Museum öffnet sich zudem auch seit 2004 ganz allmählich der zeitgenössischen Kunst. Im vergangenen Oktober durfte Anselm Kiefer ein Kunstwerk dauerhaft in einem Treppenhaus installieren. In diesem Frühjahr wurde der bekannte belgische Künstler und Regisseur Jan Fabre eingeladen, gleich einen ganzen Flügel des Gebäudes nach seinen Vorstellungen umzugestalten. In 28 Sälen hat er eigene Arbeiten unter die Meisterwerke von Bosch, van Eyck oder Rubens gemischt.

Fabres Intervention, die von konservativeren Kunstexperten so leidenschaftlich angefeindet wird, folgt einem museumspolitischen Zweck. Wenn man Worten der Louvre-Kuratorin Marie-Laure Bernadac trauen darf, so bewegen sich die Besucherströme durchs Museum wie auf einer Autobahn: An Michelangelos "Sklaven" vorbei, an der Nike von Samothrake rechts und dann immer weiter geradeaus bis zur Mona Lisa. Die übrigen Gemälde finden anscheinend nicht viel mehr Beachtung als eine Mustertapete. Mit der Fabre-Ausstellung will das Museum die Besucher in den weniger frequentierten Nordflügel locken. Die zeitgenössische Kunst soll zudem den Blick auf die alten Meister schärfen. Nicht ohne Stolz verweist man im Louvre auf das Provokationspotenzial von Fabres Intervention und empörte Besucher: Alles ist besser als Indifferenz.

Der Künstler hat offensichtlich nichts gegen die ihm zugedachte Rolle des Lockvogels einzuwenden und lässt den Ausstellungsparcours als Schocker beginnen. Mit Blut. Eine Zeichnung auf Papier zeigt knochige Hände und Sprengsel roter Farbe, die direkt aus der Künstlervene abgezwackt wurde. Nun hängt die Arbeit neben einem anderen bluttriefenden Sujet - einer Darstellung des Martyriums des heiligen Dionysius, der vom römischen Gouverneur von Paris einen Kopf kürzer gemacht wurde.

Über solch formal-inhaltliche Analogien funktioniert der Dialog zwischen neu und alt. Fabre demonstriert eine Haltung zwischen kalkulierter Rotzigkeit und Respekt vor den alten Meistern. "Der Mistkäfer" hat er eines seiner Werke genannt - eine gigantische Kugel aus blau und grün schimmernden Käferschalen, die von einer menschlichen Wirbelsäule gekrönt wird. Eine Referenz an den Globus Cruciger, nur dass hier der Erdball als Dungkugel eines monströsen Mistkäfers gedeutet wird. Eine Mistkäferunterart, der Heilige Pillendreher, galt den Ägyptern früher als Symbol für die Auferstehung: Ein Anknüpfungspunkt zur Abendmahlszene von Frans II Pourbus, die neben der Insektenkugel hängt.

Käfer und Christus - ist das blasphemisch? Wenn ja, dann scheint sich niemand darüber aufzuregen. Auch Jean-Louis Harouels Tiraden sind kaum nachvollziehbar, wenn man sieht, wie harmonisch sich Fabre in die Sammlung einfügt. Der Belgier behandelt die großen Themen Tod, Wiedergeburt, Leben als Karneval und scheut nicht die elaborierte Oberfläche oder die große, gelegentlich pathetische Geste. Die Kommunikation mit den alten Meistern funktioniert auch, weil Fabres Bildsprache ähnlich kodifiziert ist. Es erfordert schon gehobene Entschlüsselungskünste, um herauszubekommen, wie sich etwa Fabres Maske eines Pestdoktors mit einem Porträt des Kanzlers Nicholas Rolin von Jan van Eyck verbindet. Die Skulptur eines kleinen Jungen aus goldfarbenen Reißzwecken mit Zuckerwürfeln zwischen den Fäusten erklärt sich dagegen biografisch: "Als Jugendliche haben wir uns bei Schlägereien immer Zuckerwürfel zwischen die Finger gesteckt", sagt Fabre. "Damit die Wunden nicht so schnell heilen."

Mit solchen Sätzen untermauert Fabre seinen Ruf als wilder Mann. Doch auch wenn der Künstler gelegentlich Blut und Sperma in seinen Arbeiten verwendet oder sich als stöhnender Riesenwurm am Boden des Rubenssaals schlängelt: Die Wunden, die er im Louvre schlägt, heilen schnell. Weil ästhetisch doch alles beim Gewohnten bleibt. Mit seiner Einladung hat der Louvre ein Modell geschaffen, das sich für andere Sammlungen alter Kunst empfehlen könnte. Wählte man beim nächsten Mal noch einen Künstler aus, der stärker gegen die Sehgewohnheiten eines Massenpublikums verstößt, könnte es sogar richtig spannend werden.

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