FOS-Ausstellung in Bremen: Der Hammer der Erkenntnis

Dänische Zwangsvorstellung: Die erste Einzelausstellung des dänischen Künstlers FOS in Deutschland ist bunt, geräuschvoll, familienfreundlich.

FOS, Memory Theatre Twig! Rice Sculpture von 2008, Max Wigram Gallery, London Bild: joachim fliegner

Es ist alles so bunt hier: Zeltplanen hat der Künstler mit dem Namen FOS über Gerüste gespannt, neongelb und himmelblau und orange. Sie bilden einen Parcours durch die Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK). Der versperrt - nur betäubt von so viel Farbigkeit, von hallendem Hämmern und gelegentlichem Dröhnen, bemerkt man das nicht gleich - alle Alternativwege: "Memory Theatre Twig!" heißt die erste Einzel-Ausstellung des Dänen in Deutschland und die erste Ausstellung der neuen GAK-Direktorin Janneke de Vries in Bremen.

Man kann FOS "Memory Theatre" als eine begehbare Großinstallation verstehen oder sich in die Betrachtung seiner Einzelobjekte versenken. Immer aber wird man es - wie hat FOS es noch ausgedrückt? - als "family friendly exhibition" empfinden.

Das überrascht, gerade in der GAK. Deren Existenz lässt sich als 28-jährige Geschichte der Neuentdeckungen - und des mangelnden Publikumsinteresses darstellen. Es sind heute große Namen wie Peter Doig oder Tracey Enim, die hier unter Leitung von Eva Schmidt erstmals in Deutschland präsentiert wurden, als Ruhm und Preis noch nicht ins Unermessliche gestiegen waren. Ihre Nachfolgerin Gabriele Mackert hatte diese Tradition dann beispielsweise mit der ersten Einzelausstellung Alice Creischers fortgeschrieben - lange bevor die als Teilnehmerin der documenta 2007 feststand.

Auch FOS, in Kopenhagens Galeristenszene umschwärmt, darf man den internationalen Durchbruch zutrauen. Seine Arbeit allerdings zeichnet aus, auch naivsten Blicken zugänglich zu bleiben: Da ist zum Beispiel jene lebensgroße, auf dem Boden kauernde, angekettete Menschenpuppe. Einen Holzhammer hält sie im rechten Arm, den eine altertümliche Mechanik in einem eleganten Plexiglasgestell anhebt. Um ihn dann fallen zu lassen: Rumms rasselt er auf den Boden, der Schall wird abgenommen, vervielfältigt, mit Hall versehen. Kindliche Besucher haben ihre helle Freude, währende andere beklommen bemerken: Es bleibt ja doch eine versklavte Gestalt. FOS hat sie Papageno genannt, nach dem scheinfreien Vogelfänger, der in der Zauberflöte das Glockenspiel schlägt.

Es gibt trashige Plastik und geometrische Drucke, konkrete Skulpturen, grelle Farben - und doch, es passt alles zusammen, irgendwie. Er untersuche, "what happens when things get collected", erläutert FOS selbst. Und er greift dafür auf ein ebenso hermetisches wie ambitioniertes Renaissancekonzept zurück: das Memory Theatre, das auf einen mnemotechnischen Holzbau Giulio Camillo Delminios (1480-1544) verweist. In dessen Teatro della Memoria sollte der Betrachter ein Panorama "körperhafter Zeichen" durchwandeln, deren Anblick ihn "sogleich alles begreifen" ließe. Und alles heißt: alles. Das gesamte Weltwissen. Das fand der französische König François I. erstrebenswert. Er bestellte die Wunderapparatur.

Camillo reiste 1543 an, werkelte drauflos, verbaute Material im Wert von 1.500 Dukaten, erhielt 500 als Bezahlung - und brach die Arbeit ab. Camillo starb, das Teatro verfiel, beide wurden vergessen - Künstlerpech. Oder auch Glück: Vor allem Medienkünster haben Camillos von der Kulturhistorikerin Francis A. Yates ausgegrabene Idee in den 1980ern begeistert aufgenommen: Ein gewisser Robert Edgar findet sich in einschlägigen Kompendien wegen seines 1985 auf Apple-2 programmierten Memory Theatre wieder, 1997 ließ die Ungarin Agnes Hegedüs ein virtuelles Memory Theatre im ZKM in Karlsruhe interaktiv ausloten, und auch Bill Viola hat einst basale Kenntnisse der Neurowissenschaft und archaische Symbolik zu einem begehbaren Theatre of Memory gefügt: Ein Geistmodell mit flackernden Glühbirnen und einem Baum in der Mitte.

Der quasi sakrale Nachvollzug von Renaissanceweisheit liegt FOS jedoch denkbar fern. Schon sein Titel distanziert sich ja von Camillos Pose: FOS gibt nicht vor, über mehr als einen Zweig - twig - des Weltwissens zu gebieten. Doch, seine Übersetzung des Konzepts in die Gegenwart nimmt dessen Urheber ernst - aber als frühneuzeitlichen Spinner mit Hang zu Größenwahn und Übergewicht. Der Camillo zweifellos war.

Damit versetzt er aus Gegensatzpaaren geformte Wahrnehmungsraster in irritierende Schwingung. Wo er sie nicht zum Einsturz bringt, wie jenes von angewandter und absoluter Kunst: FOS arbeitet auch als Designer. Und er hat der GAK ein funktionales neues Foyer gestaltet. Zu dessen Mobiliar gehören Tische. Deren wie ein geometrisches Puzzle in Blauabstufungen wirkenden Oberflächen finden sich in der Ausstellung wieder: mal in ausfransenden Parkettfußböden, die das Territorium einzelner Objektserien abstecken. Mal, ins Dreidimensionale gewendet, als hängende Skulptur. Sie erinnert an ein Möbiusband, ihre Außenflächen sind mit Reiskörnern bestreut, die sich, mitunter, von den Holzplättchen lösen.

Dilettantismus? So sieht es fast aus. Aber den Verdacht dementiert ja die gestalterische Könnerschaft der Designobjekte - und die Deutungsoption: Dass sich das Einzelne aus der vorgegebenen Ordnung löst, dass diese auf eine - wie auch immer sanfte - Art nur durch Gewalt aufrechtzuerhalten ist, ist zentrales Thema der Ausstellung: Ordnung bedeutet Unterwerfung. Es ist das, was der Besucher in dem Moment versteht, in dem er bemerkt, dass er "Memory Theatre Twig" nur so und nicht anders hat durchwandeln können. Auf diesem einen Weg. Stets begleitet - oder verfolgt - von Papagenos hallendem Hämmern. Bis ins Freie.

Memory Theatre Twig!, Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK), Bremen, Teerhof 21. Bis 10. August 2008

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