Eine Asphaltstraße für die Anhänger der Taliban: Aufbauhilfe in Afghanistan

Im umkämpften Süden Afghanistans will die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit will die Bauern fördern. Doch zuvor muss sie deren Misstrauen überwinden

Eine Holzmurmelbahn für Karsais Sohn, eine Asphaltstraße für die Bauern. Bild: dpa

TARIN KOWT taz Im Garten des 67-jährigen Ezaat Ullah summen die Bienen über duftenden Blumenstauden. Der Bauer serviert eisgekühlten Fruchtsaft und Limonade in der Dose. "Wir brauchen die Straße", sagt er. "Das ist gut für unsere Wirtschaft." Jenseits der haushohen Mauer, die das Haus mit seinem weitläufigem Garten umgibt, steigt eine Staubwolke auf. Zwei Motorräder knattern über die Staubpiste. Ein Lastwagen rumpelt langsam über die Flussbrücke, die das Dorf des Patriarchen von Tarin Kowt trennt, einer Provinzhauptstadt im umkämpften Süden Afghanistans.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat Afghanistan die weitere Unterstützung Deutschlands bei Aufbau und Reform von Armee und Polizei zugesichert. Die Sicherheitslage in Afghanistan habe sich im vergangenen Jahr verschlechtert und die Aggressivität der im Süden des Landes aktiven aufständischen Kräfte sei größer geworden, sagte Steinmeier am Samstag in einer von Deutschland aufgebauten Logistik-Schule für die afghanische Armee in Kabul. Der Sprecher der Nato in Afghanistan, Mark Laity, bestätigte den Eindruck Steinmeiers.

"Wir sind derzeit mitten in der Kampfsaison", sagte Laity. Täglich würden in Afghanistan zwischen 40 und 50 Vorfälle mit sehr unterschiedlicher Intensität registriert. Dies reiche von vereinzelten Schüssen auf eine Isaf-Kolonne bis zu schwerwiegenden Sprengstoffangriffen. 90 Prozent der Vorfälle konzentrierten sich dabei auf den Süden und Osten des Landes. DPA

In der entgegengesetzten Richtung führt die Strecke zwischen brachliegenden Feldern Richtung Norden. Im Frühjahr blüht hier der Schlafmohn. Zwölf Kilometer entfernt beginnt das Baluchi-Tal, gesäumt von zerklüfteten, kargen Bergen, in die sich Einheiten der radikalislamischen Talibanmilizen zurückziehen, wenn sie sich von Kämpfen mit den Nato-Truppen in den Nachbarprovinzen Helmand und Kandahar ausruhen wollen.

"1.000 motorisierte Fahrzeuge", das ergab eine Verkehrszählung der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit International Service (GTZ IS), fahren täglich am Haus von Ezaat Ullah vorbei, davon 500 Motorräder. Für dieses Verkehrsaufkommen genügte die Staubpiste vollkommen. Aber die GTZ wird im Oktober mit der Asphaltierung der Strecke beginnen, die bis in den entlegenen Ort Chora führt. 34 Millionen Euro soll sie einschließlich begleitender Maßnahmen kosten. Die Mittel stammen aus einem Topf der holländischen Regierung, die in Uruzgan im Rahmen der Internationalen Sicherheitstruppe (Isaf) etwas mehr als 1.000 Soldaten stationiert hat.

Es war nicht schwer, Ezaat Ullah von dem Projekt zu überzeugen. Stolz erzählt er, dass vor vielen Jahren Hamid Karsai, der heutige Präsident Afghanistans, einmal in seinem Haus zu Gast war. "Wir gehören zum Durrani-Stamm des früheren Königs", betont Ezaat Ullah seine Loyalität zur Regierung in Kabul. Aber zwölf Kilometer weiter nördlich herrschen im Baluchi-Tal andere Verhältnisse. Die dort lebenden Paschtunen gehören zum Stamm der Ghilzai.

Das allein erklärt schon, warum viele der dort lebenden Bauern mit den Taliban sympathisieren. Deren Führer Mullah Mohammed Omar gehört zu gleichen Stammesgruppe. Seit die Talibanmilizen 2001 aus Kabul vertrieben wurden, stehen die Ghilzai deshalb politisch unter Generalverdacht.

Nun soll die 34 Millionen Euro teure Straße dazu beitragen, die Probleme, die Politik und Militäroperationen während der vergangenen sieben Jahre geschaffen haben, zumindest etwas zu mildern. Pariarch Ezaat Ullah: "Die Straße wird die Anbindung an unsere Absatzmärkte verbessern. Die Bauern im Baluchi-Tal haben es dann einfacher, ihre Produkte hierher nach Tarin Kowt zu bringen. Mit der Asphaltstraße geht das billiger und schneller."

Notwendig ist zudem, die Bauern im Tal von dem Projekt und den guten Absichten der Regierung in Kabul sowie den holländischen Truppen zu überzeugen. Das Ziel ist, nur lokale Bewohner beim Straßenbau einzusetzen und so zusätzliches Einkommen zu schaffen.

"Wir werden versuchen, von Dorf zu Dorf zu gehen, mit den Ältesten zu reden und sie zu überzeugen." sagt der 67-jährige Gert Both aus Brühl bei Köln. Das lange weiße Haar des früheren Beraters der Bundeswehr steht in allen Himmelsrichtungen unter seinem roten Käppchen hervor. Er trägt ein beiges Shalwar Kameez, die typische Kleidung der lokalen Bevölkerung. Seine GTZ-Truppe hat sich samt einem Sicherheitsberater aus Südafrika in einem Haus im Stadtkern von Tarin Kowt eingerichtet.

Hinter der mit Stacheldraht gesicherten Mauer des Hauses ist ein paar hundert Meter entfernt ein neues hellgelbes Gebäude zu sehen, an dessen Wasserturm die großen Buchstaben "NDS" prangen. Es sind die Initialen des gefürchteten Khat, des afghanischen Geheimdienstes. Gegenüber der GTZ liegt das Büro des Roten Halbmonds. Ein junger, 23-jähriger Mann aus dem an der Straße zum Baluchi-Tal gelegenen Dorf Saramargah erkundigt sich dort gerade nach dem Schicksal eines Freundes, der vor sechs Monaten verhaftet wurde. "Die ausländischen Truppen müssen weg", sagt der junge Mann, bevor er in sein Dorf zurückkehrt. Er gehört zu den Talibanmilizen, sagt ein Vertreter des Roten Halbmonds.

Freund und Feind sind oft schwer zu trennen auf den Straßen von Tarin Kowt. Aber das Team von Gert Both entschied sich bewusst für ein Büro in der Stadt - samt aller Risiken, die daraus entstehen können. "Wir arbeiten unabhängig von den holländischen Truppen", sagt der Rechtsanwalt, der vor sieben Jahren mit der Bundeswehr nach Afghanistan kam und zum Unmut seiner Familie in Deutschland den Ruhestand nun im Krisengebiet am Hindukusch verbringt.

Ob das genügt, um das Misstrauen der Ghilzai-Paschtunen im Baluchi-Tal zu überwinden, weiß er nicht. Noch haben die Talibanmilizen das Team der GTZ in Ruhe gelassen. Aber angesichts der möglichen Risiken heuerte der Deutsche schon mal eine afghanische Sicherheitsfirma an. Und die gehört dem Sohn eines früheren Gouverneurs - eines Mannes, der mit seiner Politik das Fundament für die Spaltung der Paschtunen in talibanfreundliche Ghilzai und regierungstreue Durrani legte. Da wird Gert Both noch viel Überzeugungsarbeit bei den Bauern leisten müssen.

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