Yves-Saint-Laurent-Ausstellung: Marokko, mon amour!

Die Pariser Ausstellung "Une passion marocaine" ist eine Hommage an die Kleiderkultur von Yves Saint Laurents nordafrikanischer Wahlheimat.

Als Yves Saint Laurent und sein Partner Pierre Bergé 1966 zum ersten Mal nach Marokko reisten, tauchten sie in die Hochburg des internationalen Jetsets um Talitha Getty, Loulou de la Fressange und Mick Jagger ein. Ihr Traumorient, der bereits französische Denker wie André Gide oder Roland Barthes wegen der Schönheit der arabischen Menschen fasziniert hatte, betörte den jungen Saint Laurent vor allem durch das freie Hippieleben.

Während die gute Pariser Gesellschaft noch einem strengen Verhaltens- und Kleidungskodex folgte, zelebrierte man in Marrakesch den hedonistischen Lebensstil der Londoner Upperclass. Dass dieser Ort, weit über die erste Faszination hinaus, eine derart zentrale Rolle in ihrem Leben spielen würde, hätten sie, so Bergé, damals nicht geahnt.

Tatsächlich aber hat Marokko nicht nur das Leben des damals 31-jährigen Couturiers für immer verändert, sondern auch seine Mode und seine Vision der Frau eindringlich geprägt. Das bezeugt er 1983 in einem Interview mit Paris Match: "Auch wenn ich an die Farben und das Licht Nordafrikas gewöhnt war, habe ich erst später, als ich Marokko kennenlernte, erkannt, dass meine Farbigkeit die der Dschellaba und des Kaftans ist. Den Wagemut, den ich seitdem an den Tag lege, verdanke ich der Schamlosigkeit der Mischungen und dem Feuer der Erfindungskraft dieses Landes. Diese Kultur ist meine eigene geworden, jedoch habe ich mich nicht damit zufriedengegeben, sie zu importieren. Ich habe sie annektiert, adaptiert und verändert."

Die noch vor seinem Tod am 1. Juni in der Pariser Fondation Pierre Bergé - Yves Saint Laurent eröffnete Ausstellung "Une passion marocaine", führt mit 36 traditionellen Gewändern und seltenen Schmuckstücken in genau diese beeindruckende Kultur ein. Und so sprießt im 16. Arrondissement, auf der Rive Droite, gleich gegenüber den YSL-Haute-Couture-Ateliers, in der atmosphärischen Rekonstruktion des legendären Jardin Majorelle ein exotischer Lustgarten aus Kaftanen, pinken Bougainvilleas, aprikotfarbenem Samt und goldenen Stickereien. Um die reine Schönheit des marokkanischen Gewandes wirken zu lassen, hat der große Maître sich und sein eigenes Werk zurückgenommen.

Nur am Eingang der Show finden sich zwei farbenprächtige, blumig bestickte Couture-Kreationen der Marke Yves Saint Laurent aus dem Jahr 1989. Die restliche Ausstellung führt vom extravaganten Kaftan aus Fes für die modebewusste Frau um 1800 über den schlicht und einfarbig gehaltenen Kaftan für den Mann hin zu den wertvollen Gewändern der Hochzeitszeremonien. Das T-förmige Gewand wurde Mitte des 17. Jahrhunderts aus Bagdad nach Nordafrika importiert, wo es zum Kult wurde. Seltene Stoffe und raffinierte handgearbeitete Stickereien aus goldenem Seidenfaden machen jeden Kaftan zu einem einzigartigen Kunstwerk.

Die Parallele in Yves Saint Laurents Schaffen liegt in genau diesem Aspekt. Seine Farben, Seidenstoffe und Applikationen wollen Individualität: "Ich bin kein Diktator, ich bin froh, wenn die Frau in meinen Kollektionen etwas findet, wodurch sie ihre Identität ausdrücken kann." Für den Schriftsteller Tahar Ben Jelloun erfüllt der Kaftan genau diese Funktion. Er nennt es "die stumme Sprache des Kaftans". Auch wenn Yves Saint Laurents Sprache weniger stumm und leise ist, der mysteriös-sinnliche Stolz, den die Frau in seinen Kleidern ausstrahlt, bleibt im Grunde der gleiche. Mit seinen Kleidern hat er die Schönheit des Kaftans, die bereits der französische Maler Delacroix im 18. Jahrhundert mit seinen Gemälden importierte, im 20. Jahrhundert weltweit verbreitet.

Um die kulturgeschichtliche Führung des Monsieur Saint Laurent durch seine Wahlheimat perfekt zu machen, darf der Bezug zum Marokko von heute selbstverständlich nicht fehlen. Nicht grundlos vergleicht der Kurator der Ausstellung, Christoph Martin, den Luxusanspruch des Kaftans mit dem der Haute Couture. Denn Ersterer erlebt heute, ähnlich wie Letztere, ein modernisiertes Revival.

Bestes Beispiel hierfür sind ausgewählte Kleider und Westen der jungen marokkanischen Designerin Tamy Tazi, die dem traditionellen Kaftan eine neue Silhouette schenkt. Dass die Umgestaltung des Kleides bei Tazi, genau wie damals bei Saint Laurent, mit einer Neupositionierung der Frau in der marokkanischen Gesellschaft verbunden ist, macht das Bild dann perfekt. Bei so viel Schönheit und Geschichte verzeiht man am Ende auch gerne das leicht kitschige Plätschern des Brunnens.

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