Südafrika will Flüchtlingslager räumen: "Die müssen weg, wie die Juden"

Südafrikas Regierung will die Flüchtlingslager für afrikanische Migranten, die im Mai bei Pogromen vertrieben wurden, notfalls gewaltsam räumen. Die Flüchtlinge leben in Angst.

Somalische Flüchtling demonstrieren in Kapstadt gegen fremdenfeindliche Gewalt. Die Flüchtlinge wollen, dass die UN die südafrikanischen Lager übernimmt. Bild: Reuters

BOKSBURG/SÜDAFRIKA taz "Was hier heute passiert? Wir feuern unsere Schusswaffen ab, Gummigeschosse fliegen, und sie werden abhauen", grinst der Polizist und beißt in sein Brötchen. Seine Kollegen stehen feixend am Dienstfahrzeug, der Kofferraum dient als Picknicktisch. Gegenüber ist es eigenartig ruhig im Nothilfelager Boksburg am Johannesburger Flughafen, wo 500 Menschen in Zelten leben. Die Migranten harren in Ungewissheit hinter dem Zaun. Einige waschen ihre Wäsche, andere verkaufen Handy-Einheiten. Hab und Gut haben sie nicht gepackt, obwohl bis zum gestrigen Freitag die Notunterkünfte für die im Mai von Einheimischen angegriffenen Ausländer in Südafrika abgebaut werden sollten und danach die gewaltsame Räumung beginnen sollte.

Ein für gestern erwartetes Urteil des Verfassungsgerichts über einen Eilantrag gegen die Räumung bringt den Flüchtlingen Hoffnung, dass sie vorerst in den Zelten bleiben können. Sie warten. Die Polizisten, ein Schwarzer und vier Weiße, warten ebenfalls, aber vor dem Zaun. "Die sollen da hingehen, wo sie herkommen", schimpfen sie übereinstimmend. "Die kriegen Unterkunft und Essen umsonst, was ist mit unseren Leuten?" Sie können die Räumung kaum abwarten. "Es ist wie mit Hitler und den Juden, sie müssen weg", flachst einer der Weißen. Seine Kollegen lachen und stimmen zu.

Genau diese ausländerfeindliche Haltung hatte vor drei Monaten brutale Angriffe auf afrikanische Migranten in zahlreichen Townships von Südafrika ausgelöst. Die Angreifer waren schwarze Südafrikaner, die ihre Frustration über die Armut und soziale Unterversorgung an ihren ausländischen Nachbarn ausließen. Dabei flüchteten zehntausende Menschen und mehr als 60 kamen ums Leben. Die Polizei reagierte langsam; die Regierung richtete schließlich Notlager für 50.000 Menschen ein. 8.000 davon waren zuletzt noch in sechs Lagern; sie sollen nun in die Gemeinden zurück, aus denen sie verjagt wurden.

"Ich habe Angst, dass die mich dann umbringen", sagt Methuseli Ndlovu. Der 44-Jährige ist seit 22 Jahren in Südafrika, sein südafrikanischer Personalausweis ist aber verbrannt, als seine Hütte im Township Hlomisa nachts in Flammen aufging. In seine ursprüngliche Heimat Simbabwe will er auch nicht: "Ich kann doch nicht zurück zu Mugabe gehen!", sagt er und schüttelt entrüstet den Kopf. Er übersetzt auf Zulu für den jungen Nelson Musika, der vor neun Jahren aus Mosambik nach Südafrika kam und sich als Bauarbeiter durchschlug, bis auch seine Unterkunft zerstört wurde. Der spricht kaum Englisch, und Zulu ist verwandt mit seiner Muttersprache Shangaan. "Raus mit den Shangaani", riefen die Angreifer im Mai, als sie ihn aus seiner Hütte jagten, und auch er lebt seither in den weißen UN-Rundzelten. Seine Familie in Mosambik wartet auf Unterstützung. Die Verwirrung ist groß bei den Vertriebenen. Nur 30 aus diesem Lager wollen in ihre Heimat zurück. Die Regierung hatte Transporthilfe zugesagt, doch bisher geschah nichts.

Manche Flüchtlinge haben schon vor dem Stichtag versucht, eine neue Unterkunft zu suchen. "Doch für viele, besonders wenn sie erst seit kurzer Zeit hier sind, ist es schwer, ohne Geld und Kontakte eine neue Bleibe zu finden", sagt Puleng Sibisi vom Hilfswerk Oxfam. Hilfsorganisationen bezweifeln, dass die Reintegration der Migranten ausreichend vorbereitet worden ist. In einigen Gemeinden gab es Drohungen, die Rückkehrer "zu töten". Selbst ein vom Parlament eingesetztes Untersuchungsteam hält die angesetzte Räumung für verfrüht.

Das "Konsortium für Flüchtlinge und Migranten in Südafrika" klagte deswegen mit der "Wits Law Clinic" der Universtität Witwatersrand um Aufschub, damit die Auflösung der Lager mit vernünftiger Integration verbunden wird. Die Klage liegt nun beim Obersten Gericht.

"Wir haben genug getan", sagt Thabo Masebe, Sprecher der Provinz Gauteng um Johannesburg. "Die Bedingungen in den Gemeinden sind sicher." Es gebe einen Plan, falls "einige übrig bleiben, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen". Viele fürchten aber die Abschiebung, obwohl sie im Lager registriert wurden und die Regierung ihnen im Mai sechs Monate Aufenthalt gewährte, wenn sie illegal in Südafrika lebten. Doch ihre Asylanträge wurden vielfach abgelehnt.

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