Interview Homi K. Bhabha über US-Wahlkampf: "Familienkitsch gehört zum System"

Jede Gesellschaft hat ihre Mythen, die sie sich von keiner Realität beschädigen lässt, sagt der US-Professor Homi K. Bhabha. In den USA ist es Aufgabe der Elite, das Bild von der "happy family" zu inszenieren.

Die glückliche Famile ist ein "Muss" im US-Wahlkampf. Bild: ap

taz: Für deutsche Standards ist die kitschige Kleinfamilieninszenierung der Obamas im US-Wahlkampf, vorsichtig formuliert, befremdlich. Was erzählt sie Ihnen?

Homi K. Bhabha: Mich befremdet das Szenario mit all den Luftballons, Farben und Fahnen auch. Es ist ja irgendwie wie Weihnachten. Aber wir sollten versuchen, Folgendes zu verstehen: Barack Obama sagte bei dem letzten Parteitag der Demokraten, dass der Grund der aktuellen Krisen und der gescheiterten Präsidentschaft von George W. Bush im Wesentlichen darin bestehe, dass es dem Land an einer wirklichen Führung mangele. Führungskompetenz und Individualität, das sind die zentralen Parameter in diesem Wahlkampf, und sie waren es auch in der politischen Vergangenheit der USA.

Und dazu bedarf es all dieser Pathetik?

Ja. Veranstaltungen wie der Konvent in Denver sind ja dazu da, uns zu verwirren. Wir sollen nicht mehr unterscheiden können zwischen Strategie und dem, was von Herzen kommt. Ein weiterer gar nicht zu überschätzender Punkt ist: Obamas Markenzeichen ist die Überwindung von Gegensätzen. Er, der erste schwarze Präsidentschaftskandidat, steht, wenn Sie so wollen, für eine religiös grundierte, transzendente, also alle vereinende Führerschaft. Deswegen spricht er auch so viel von Visionen und Träumen.

Finden Sie das gut?

Nein, ich denke, er sollte McCain schärfer angreifen und das bislang im Wahlkampf unterbelichtete Thema Ökonomie verstärkt auf seine Agenda setzen.

In seiner Rede hat er genau das doch versucht.

Richtig. Ich fand auch, dass die Rede darum bemüht war, auf diese Kritik zu reagieren. Trotzdem geht Obama mit seinem Ansatz, dass der Führer die Wunden der Gesellschaft zu heilen habe und daher die Gegensätze versöhnen sollte, ein großes Risiko ein.

Inwiefern?

Weil die USA eine stark segregierte Gesellschaft sind. Obama läuft Gefahr, mit seinen Einheitsvisionen Ansprüche zu wecken, die er im Falle seines Sieges nicht einlösen kann.

Die Inszenierung eines ungebrochenen Familienglücks steht also für das Ziel, aus den USA eine große, glückliche Familie zu machen?

Nein. Im politischen Leben der USA ist es die Aufgabe der Familie, die persönliche Stärke und Unabhängigkeit des Kandidaten zu bezeugen. Und Sie dürfen auch nicht vergessen: In den USA wird Demokratie, werden "the people" traditionell im Bild der glücklichen Familie repräsentiert.

Wohingegen in Deutschland die Familie das Gegenstück zur Öffentlichkeit bildet.

Interessant. Aber nicht nur die USA, jede Gesellschaft hat ihre öffentlichen Mythen und hält an ihnen fest, auch wenn die Realität ganz anders aussieht. In Deutschland lebt der Mythos von der deutschen Rechtschaffenheit ja auch trotz der Korruptionsvorfälle bei Siemens fort.

All die Familienskandale von Clinton bis hin zu den Zwillingen von George W. Bush haben diesem Familienmythos nichts anhaben können?

Im Gegenteil. Menschen unterscheiden immer zwischen Alltagserfahrungen und dem, was sie von ihren Führern repräsentiert sehen wollen. Die Skandale, ebenso wie der Krieg im Irak oder Abu Ghraib haben den Wunsch nach heiler Welt und vorbildlichen USA eher verstärkt als geschwächt. Der amerikanische Traum ist wichtiger denn je. Oder besser: Es ist wichtiger denn je, dass er makellos bleibt.

Die kollektive Psyche der Amerikaner wäre demnach abhängig vom Kitsch?

Nicht nur die der Amerikaner. Aber dass die Relevanz von sogenannten Familienwerten in den vergangenen Jahren enorm zugenommen hat, ist ein Beleg unter vielen für dieses Bedürfnis seitens der Mehrheit der Bevölkerung. Das eigentliche Problem liegt aber in dem Konzept von Führerschaft allgemein: Der Anspruch, dass der Präsident Supermann und normaler Mann in einem zu sein hat, führt zu diesen widersprüchlichen Inszenierungen.

Man besinnt sich auf die Familie, um die gegenwärtigen Krisen auszublenden?

Meiner Ansicht nach geht es hier prinzipiell um Verantwortung, allem voran um soziale Verantwortung. Was ich gutheiße. Doch wenn man die gesellschaftliche Verantwortung auf die Verantwortung gegenüber der Familie herunterbricht, reduziert man die Idee von sozialer Verantwortung enorm.

Und diese Engführung erklärt, warum Chelsea Clinton ebenso wie Obamas Töchter und natürlich Michelle Obama immer mit von der Partie sein müssen?

Natürlich. Wenn Familienwerte der Ausweis für die soziale Kompetenz im großen gesellschaftlichen Maßstab sind, dann muss Michelle Obama auf die Bühne kommen und von ihrem Leben erzählen.

Wie fanden Sie Ihren Auftritt?

Er war extrem gut kalkuliert; sie hat ihre Sache gut gemacht.

Michelle Obama leitete ihre Rede mit folgender Floskel ein: "Ich spreche zu Ihnen als Tochter, als Ehefrau, als Mutter und als Schwester." Es fehlt der Satz: "Ich spreche zu Ihnen als Frau." Hat sie sich dem Diktat der Öffentlichkeit gebeugt, die sich eine artige Hausfrau als First Lady wünscht?

Na ja. In vielen ihrer vorhergehenden Äußerungen hat Michelle Obama sich ja bereits als junge Frau präsentiert, die für sich selbst steht und spricht. Die sagt, was sie denkt.

Aber von dieser Michelle war in Denver nichts zu sehen.

Doch. Selbst in dieser Inszenierung hat sie es geschafft, für sich selbst zu stehen. Wissen Sie, bei den Clintons hat sich Hillary häufig als Gegenpart zu Bill geoutet. Daher galt es jetzt den Eindruck zu vermeiden, dass wieder eine nichtgewählte Person die politischen Geschäfte mitführen wird, also mitregieren will. Insofern musste sich Michelle Obama als eine Person inszenieren, deren Ambition darin besteht, für ihre Familie zu sorgen. Deswegen hat sie von ihrem Bruder, ihrer Mutter …

und viel von ihrem bereits verstorbenen Vater erzählt.

Richtig, auch von ihrem Vater, der so begeistert von ihr war, usw., usw. Das Wichtige ist aber doch, dass sie sich als das Zentrum eines familiären Netzwerks positioniert hat.

Das ist eine sehr traditionelle Weise, weibliche Stärke zu demonstrieren.

Sicher. Aber man sollte das nicht einfach so abtun. Das Entscheidende war doch, dass Michelle sicherstellen musste, dass sie keine Ambitionen auf das Präsidentschaftsamt hat. Unter der Bedingung blieb ihr nur der Rückzug in den privaten Bereich. Und hier hat sie klar gezeigt, dass sie die zentrale Person ist, die den Überblick hat, an die sich alle wenden und die die ganze Maschinerie am Laufen hält.

Viele Kommentatoren mutmaßten, dass Michelle auf ihren Schmuck verzichtet hat, um die Arbeiterklasse für sich zu gewinnen. Ist ihr das gelungen?

Also, Michelle sah doch einfach sehr elegant aus. Und woher will man denn wissen, dass "die" Arbeiterschaft etwas gegen Schmuck hat? Ich bitte Sie. Vielleicht lassen sich Menschen mit wenig Geld ja von jemandem mit viel Schmuck leichter beeindrucken, vielleicht auch nicht. Diese Argumentation überzeugt mich überhaupt nicht.

INTERVIEW: INES KAPPERT

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