Imperiale Konflikte nach 1945: Diplomatie und Abschreckung

Die andere Seite rätseln lassen, wo die Grenze zwischen Bluff und Vabanquespiel verlief, so funktionierte die Logik des kalten Kriegs.

Über das "schreckliche Gefühl, dass wir kurz vor einem Krieg stehen" schrieb Harry Truman 1948 in seinem Tagebuch. Bild: dpa

"Jede historische Situation ist einzigartig, obwohl einige einzigartiger sind als andere", schreibt Vojtech Mastny in seinem Beitrag. Gemeint ist, dass im Kalten Krieg alle Beteiligten vor einer historisch beispiellosen Herausforderung standen - nämlich Mittel und Wege des Umgangs mit der "absoluten Waffe" finden zu müssen, einer Waffe, die zwar das militärische Drohpotential ins Unermessliche steigerte, aber den Krieg als Mittel der Politik entwertete, weil die Vernichtung des Feindes nur um den Preis der eigenen Auslöschung zu erreichen gewesen wäre. Dass ihre bloße Existenz den Akteuren in Ost wie West Zurückhaltung auferlegte und zu Rücksichten zwang, die man unter anderen Umständen möglicherweise nicht genommen hätte, ist kaum zu bezweifeln.

Bernd Greiner, geb. 1952, ist Professor am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg. Seit 1994 leitet er den Arbeitsbereich "Theorie und Geschichte der Gewalt" am Hamburger Institut für Sozialforschung.

In der Reihe "Studien zum Kalten Krieg" ist erschienen: "Heiße Kriege im Kalten Krieg", herausgegeben von Bernd Greiner, Christian Th. Müller, Dierk Walter. Hamburger Edition, 2006. Bernd Greiner veröffentlichte zuletzt: "Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam", Hamburger Edition, 2007.

Ende September erscheint:

Bernd Greiner, Christian Th. Müller, Dierk Walter (Hg.): "Krisen im Kalten Krieg", Hamburger Edition. Gebunden, 540 Seiten, 35,00 Euro

Anders als in "vornuklearen Zeiten", in denen die Kombination von Rüstungswettläufen und zwischenstaatlichen Konflikten fast regelmäßig im Krieg mündeten, blieb der Welt nach 1945 das Äußerste erspart. Doch kann die Rede vom "stabilen Frieden" auf der nördlichen Halbkugel trotz landläufigen Repetierens nicht überzeugen. Sie erklärt weder die Risikobereitschaft der Supermächte zur Zeit des Kalten Krieges noch beantwortet sie die Frage, warum ausgerechnet in dieser Zeit Krisen wiederholt in kriegsträchtiger Weise eskalierten. Jeremi Suri verweist deshalb mit gutem Grund auf die Kehrseite des Problems: dass die Präsenz von Massenvernichtungswaffen nicht allein als Einschränkung der Macht, sondern in gleichem Maße als Gelegenheit zur Ausweitung und Projektion von Macht begriffen wurde.

Er markiert damit den archimedischen Punkt im Zentrum der Krisen des Kalten Krieges: Beide Seiten hatten es auf eine Schärfung der stumpfen Waffe angelegt und trachteten danach, aus dem militärisch Wertlosen politischen Mehrwert zu schlagen. So meldeten die USA und die UdSSR, wie Jeremi Suri betont, geopolitische Ansprüche an und gingen Verpflichtungen ein, die sie sich als konventionell gerüstete Mächte schwerlich hätten leisten können.

Zu beobachten ist der selbst verordnete Aufstieg in eine politisch "höhere Gewichtsklasse", ablesbar an der propagandistischen Karriere des Adjektivs "vital". Selten kam die Rede über vermeintlich "lebenswichtige Regionen" jenseits der eigenen Grenzen derart häufig und penetrant zum Zuge wie im Kalten Krieg. Auf diese Weise wurden nicht nur zusätzliche Reibungspunkte geschaffen. Beide Seiten hatten sich überdies den Zwang zur kontinuierlichen Beglaubigung ihres Status auferlegt und neigten zur übermäßigen Investition symbolischen Kapitals. "Overload the enemy", wie es in der Sprache der Administration Eisenhower hieß.

Das Ergebnis war, dass ein aus allen historischen Epochen bekanntes Problem über die Maßen aufgebläht wurde: Glaubwürdigkeit. Als unzuverlässig, bei der Verfolgung seiner Interessen unentschieden oder gar schwach wahrgenommen zu werden, galt mehr denn je als inakzeptabel. Wort zu halten, das Gesicht nicht zu verlieren, gegenüber Freunden stets verlässlich und gegenüber Feinden gleichermaßen unmissverständlich aufzutreten - im Kalten Krieg geriet der Kampf um die wichtigste psychologische Ressource der Macht zu einem psychologischen Abnutzungskrieg.

Folglich weisen Krisen des Kalten Krieges stets über ihren konkreten Ort und Anlass hinaus. Sie wurden nicht allein als lokal und zeitlich begrenzte Konflikte wahrgenommen, sondern über den Tag hinaus im Koordinatensystem einer globalisierten Auseinandersetzung verortet. Wer es einmal an Durchsetzungsfähigkeit und Führungsstärke vermissen ließ, so die in Ost wie West dominante Haltung, verschaffte der Gegenseite einen in die Zukunft weisenden Positionsvorteil und lud zu Provokationen andernorts ein.

Beispiel Korea: Im Grunde hätte der Krieg nach der Wiederherstellung des territorialen Status quo ante im Frühjahr 1951 beendet werden können. Warum dennoch zwei Jahre weiter gekämpft wurde, ist mit dem aberwitzigen Konflikt über die Repatriierung von Kriegsgefangenen nicht hinreichend zu erklären. Plausibler scheint, dass der VR China und Stalin an einem Exempel für künftige Konflikte in der Dritten Welt gelegen war. Und dass die Regierung Truman im Vertrauen auf die einschüchternde Kraft ihres Atomwaffenpotentials glaubte, den Preis der Abschreckung vor weiteren Aggressionen in die Höhe treiben zu müssen.

Knapp 20 Jahre später hallte das Echo dieser Politik noch deutlich nach. Zwar verzichtete Richard Nixon im April 1969 darauf, Nordkorea den Abschuss eines US-Aufklärungsflugzeuges mit gleicher Münze heimzuzahlen. Aber das von Henry Kissinger so genannte "verknüpfte Denken" galt, wie Mitchell B. Lerner belegt, gleichwohl als Richtschnur. Der Präsident: "Kissinger und ich waren weiterhin der Auffassung, dass Vergeltungsschläge wichtig seien. Sie wären ein Signal dafür, dass die Vereinigten Staaten zum ersten Mal seit Jahren wieder Selbstvertrauen haben. Sie würden unsere Verbündeten moralisch stärken und unseren Feinden zu denken geben."

Unabhängig davon, wo Krisen inszeniert wurden, und egal, welche Mittel zum Einsatz kamen, das Dilemma des Nuklearzeitalters blieb stets das gleiche. Atomwaffen konnten allenfalls politischen Gewinn abwerfen, wenn die Angst vor der Bombe nicht als Verängstigung in Erscheinung trat, wenn man den Gegner herausforderte und über die eigenen Absichten im Unklaren ließ. So wollte John Foster Dulles sein viel zitiertes Diktum über Staatskunst im Nuklearzeitalter verstanden wissen: Wenn nötig, sich dem Abgrund nähern, ohne zum Äußersten entschlossen zu sein, aber die andere Seite rätseln lassen, wo die Grenze zwischen Bluff und Vabanquespiel verlief. "Eines Tages, sagte er, könnte der Zeitpunkt kommen, wo er das größtmögliche Risiko würde eingehen müssen, um ,davon zu überzeugen, dass Entgegenkommen nichts mit Demütigung zu tun habe. Er muss uns in Aktion sehen.'" Dieses von John F. Kennedy überlieferte Zitat könnte man ausweislich seines Auftretens in den Jahren 1956 bis 1962 auch Nikita Chruschtschow zuschreiben. Oder dem Duo Breschnew/Mao, wenn wir den Ausführungen Sergej Radchenkos folgen. Selbst zu Zeiten der Entspannung hatte das Kalkül mit dem Unkalkulierbaren, die Rationalisierung des Irrationalen, einen festen Platz im Inventar der Außenpolitik - Oliver Werner und Mitchell B. Lerner weisen darauf hin. Ein Staat, so Richard Nixon und Henry Kissinger, der aus Angst vor atomarer Selbstvernichtung darauf verzichtet, bei der Verfolgung seiner Interessen militärischen Druck geltend zu machen, verdammt sich langfristig zur politischen Ohnmacht. Handlungsfähig bleibt er nur, wenn Dritte sich seiner Zurückhaltung nicht sicher sein können. Wer indes bereit ist, den "Madman" zu spielen, Verrücktes zu tun und den Anschein zu erwecken, dass die Dinge außer Kontrolle geraten könnten, findet zum Kern des Politischen zurück: nicht sich selbst, sondern andere abzuschrecken.

Ohnehin zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass die Krisen an der mitteleuropäischen Zentralfront des Kalten Krieges mit größerer Umsicht gehandhabt wurden, als es die aufgeladenen Redeschlachten der Zeit vermuten lassen. Stalin hatte es 1948 nicht auf eine bedingungslose Konfrontation in Berlin angelegt. Andernfalls hätte er nicht nur die Zufahrtswege, sondern auch die Luftkorridore blockiert. In anderen Worten: Die Luftbrücke funktionierte, weil Stalin sie funktionieren ließ; Harry Truman konnte sein Wort verpfänden und bedingungslose Sicherheitsgarantien abgeben, weil der Diktator im Kreml auf den letztendlichen Test US-amerikanischer Glaubwürdigkeit verzichtete und sich stattdessen von Anfang bis Ende "exit options", Ausstiegsoptionen, offenhielt. Indem die USA ebenfalls darauf verzichteten, ihr Gegenüber in eine ausweglose Enge zu treiben, leisteten sie einen nicht minder wichtigen Beitrag zur Eindämmung des Risikos. Dieser Linie folgte auch Chruschtschow. Wiewohl alles andere als konfliktscheu, blieb er doch berechenbar und betrieb seit 1958 eine auf die Auslotung seiner Möglichkeiten gerichtete Politik der Nadelstiche. Und hielt die Führung der DDR, die aus einer Zuspitzung der Situation glaubte innenpolitischen Gewinn ziehen zu können, erfolgreich im Zaum.

Obgleich die Hintergründe und Anlässe ganz anderer Art waren, lassen sich ähnliche Politikmuster in den Jahren 1953, 1956, 1968 und 1980/81 ausmachen. Allen Befürchtungen zum Trotz, dass die Unruhen in der DDR auf das eigene Land übergreifen und dem nach Stalins Tod aufflackernden Widerstand in Zwangsarbeiterlagern über Sibirien hinaus neue Nahrung geben könnten, blieb Moskau im Juni 1953 lange Zeit im Hintergrund und griff erst ein, als die ostdeutschen Organe vollends die Kontrolle verloren hatten. Offensichtlich gründete das wochenlange Zuwarten nicht zuletzt in der Absicht, die deutsche Frage offenzuhalten und keinen kontraproduktiven Konflikt mit den Westmächten zu riskieren (Mark Kramer). Gut drei Jahre später, am 30. Oktober 1956, verwarf das Politbüro einstimmig eine militärische Intervention in Ungarn. Um die verbesserten Beziehungen zum Westen nicht aufs Spiel zu setzen, erwog man gar einen "semiautonomen Status" für Ungarn samt einem "begrenzten Pluralismus". Dass der Beschluss binnen 24 Stunden revidiert wurde, führt Charles Gati hauptsächlich auf die Gewaltexzesse auf dem Platz der Republik und den Umstand zurück, dass die in jeder Hinsicht überforderte Regierung Nagy ihre Möglichkeiten zu inneren Reformen nicht zu nutzen verstand.

Auch hinsichtlich der CSSR und Polens kann von einer ausschließlich auf die Repression des Widerstandes fixierten und bedenkenlos das internationale Umfeld ignorierenden Politik keine Rede sein. In Polen war das Gegenteil der Fall. Wie bei allen osteuropäischen Unruhen in den Jahrzehnten zuvor wollte Moskau den einheimischen Eliten die Gelegenheit zur Reform geben und stimmte der Gründung freier, von der KP unabhängiger Gewerkschaften samt der Anerkennung des Streikrechts ausdrücklich zu. Um die wegen der Invasion in Afghanistan ohnehin angespannte Lage nicht noch weiter anzuheizen, verwarf das Politbüro Anfang Dezember 1981 die Überlegungen für eine militärische Intervention. Insofern entbehrt General Jaruzelskis Behauptung, mit der Verhängung des Kriegsrechts einer unmittelbar bevorstehenden Eskalation zuvorgekommen zu sein, jeder Grundlage. Inwiefern im Kreml auch die Überlegung eine Rolle spielte, dem Westen keine zusätzlichen Argumente für die geplante Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Westeuropa und eine neue Runde des Wettrüstens an die Hand zu geben, ist eine nahe liegende, ausweislich der verfügbaren Quellen aber nicht zu beantwortende Frage. Ein beiderseitiges Bemühen um Risikokontrolle und berechenbares Krisenverhalten lässt sich auch und gerade außerhalb Europas beobachten. Entgegen dem Rat gewichtiger Mitglieder seines Krisenstabes entschloss sich John F. Kennedy im Oktober 1962 nicht zu einer Invasion Kubas und verwarf auch die mit Nachdruck eingeforderte Bombardierung der sowjetischen Raketenstellungen. Mit der Seeblockade wollte er für sich selbst Zeit gewinnen und überdies Chruschtschow Zeit zum Rückzug geben. Wie lange Kennedy dem internen Druck hätte widerstehen können oder ob er tatsächlich bereit gewesen wäre, für eine diplomatische Lösung einen hohen politischen Preis zu zahlen, ist ausweislich der Sitzungsprotokolle des "Executive Committee" eine zu Recht noch immer umstrittene Frage. Entscheidend war indes, dass Chruschtschow seinen Spielraum nutzte und auf Deeskalation bedachte Signale aussandte. Statt es auf eine Konfrontation an der Blockadelinie ankommen zu lassen, traten die sowjetischen Frachter umgehend die Heimreise an; statt es den USA gleichzutun und große Teile der Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft zu versetzen, beließ es Chruschtschow bei erkennbar symbolischen Maßnahmen (Joshua C. Andy). Vor allem aber bewahrte er sich den Freiraum zu eigenständigen, von amerikanischen Vorgaben unabhängigen Entscheidungen und ging den entscheidenden Schritt zur Lösung der Krise. Wie Aleksandr Fursenko und Timothy Naftali in ihrer jüngst vorgelegten Biographie belegen, hatte Chruschtschow angeordnet, von der Forderung nach einem Abzug US-amerikanischer Mittelstreckenraketen aus der Türkei Abstand zu nehmen und Washington umgehend über dieses Nachgeben in Kenntnis zu setzen, noch ehe ihm Kennedy auf geheimen Kanälen eine US-amerikanische Kompromissbereitschaft in dieser Frage signalisierte.

Dass die Kubakrise dennoch zu Recht als die gefährlichste und unberechenbarste Konfrontation des Kalten Krieges bezeichnet wird, ist der Eigendynamik der damaligen Ereignisse geschuldet. Genauer gesagt dem Umstand, dass beide Seiten ungeachtet des expliziten Bemühens um Deeskalation phasenweise die Kontrolle über den Gang der Dinge verloren hatten oder Entscheidungen trafen, ohne sich der Reichweite und möglichen Konsequenzen ihrer Beschlüsse bewusst zu sein. Obwohl Moskau ausdrücklich verfügt hatte, US-amerikanische Aufklärungsflugzeuge unbehelligt zu lassen, wurde auf dem Siedepunkt der Krise eine U-2 abgeschossen - auf Befehl eines dazu nicht befugten Generalmajors und mit Billigung eines ebenfalls nicht autorisierten Offiziers (Joshua C. Andy).

Eigenmächtigkeiten oder Kommunikationsprobleme waren wahrscheinlich auch für den folgenreichsten Zwischenfall auf hoher See verantwortlich. In jedem Fall erhielt keines der vor Kuba tauchenden sowjetischen U-Boote den Befehl, den Blockadering zu respektieren und rechtzeitig abzudrehen. Und niemand hatte die Richtlinien für den Gefechtsfall widerrufen, denen zufolge die Kommandanten befugt waren, zum Zwecke der Selbstverteidigung sich aller mitgeführten Waffensysteme zu bedienen, darunter auch atomar bestückte Torpedos. Just in dieser Situation änderte Verteidigungsminister Robert McNamara auf eigene Faust ein in internationalen Gewässern übliches Procedere: Die sowjetischen U-Boote sollten nicht mit Sonarsignalen zum Auftauchen aufgefordert werden, sondern mittels kleinkalibriger Wasserbomben. Als das "C-19"-U-Boot von US-amerikanischen Kreuzern auf diese Weise gestellt wurde, glaubte die Besatzung zunächst an eine in kriegerischer Absicht geführte Attacke. Alles Weitere hing einzig und allein von der Entscheidung des Kommandanten ab. Dass Nikolai Schumkow sich nicht zum Beschuss des vermeintlichen Angreifers hinreißen ließ, sondern einen beschleunigten Tauchgang befahl, rettete die Situation - und mit ihr auch die Krisenstäbe in Moskau und Washington, die von alledem nicht die mindeste Vorstellung hatten.

Mag das Risiko der unbeabsichtigten Eskalation aufgrund dieses Zwischenfalls und einer Vielzahl anderer Faktoren während der Kubakrise besonders hoch gewesen sein, mit einer einmaligen Verknüpfung unvorhergesehener Umstände hat man es keineswegs zu tun. Auch andernorts wurden die Akteure wiederholt düpiert - sei es durch Geheimdienste, die auf eigene Rechnung zu operieren gewohnt waren und sich keine Restriktionen verordnen ließen, sei es durch Untergebene, die Anordnungen falsch verstanden oder fehlerhaft umsetzten, sei es infolge technischen Versagens bei der Nachrichtenübermittlung oder schlicht deshalb, weil die Inflexibilität bürokratischer Routine dem Bemühen im Wege stand, auf ungewöhnliche Umstände mit ungewohnten Mitteln zu reagieren.

Wohl auch deshalb schrieb Harry Truman 1948 in seinem Tagebuch von dem "schrecklichen Gefühl, dass wir kurz vor einem Krieg stehen", glaubte der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, Omar Bradley, während des Koreakrieges, dass "der Weltkrieg stündlich ausbrechen könnte", fragte sich Robert McNamara am Abend des 27. Oktober 1962, ob er jemals wieder einen Samstag erleben würde.

Wie noch in den letzten Jahren des Kalten Krieges deutlich wurde, konnten Überreaktionen auch durch zeittypische Fehlperzeptionen ausgelöst werden - abzulesen an Juri Andropows Vorkehrungen gegen einen atomaren Erstschlag der USA und der Nervosität, die auf sowjetischer Seite während der NATO-Übung "Able Archer" im Herbst 1983 um sich griff. Die nach wie vor geführte Kontroverse um das Eskalationspotential von "Able Archer" verweist auf ein grundsätzliches Desiderat der Forschung zu Krisen im Kalten Krieg: künftige Studien auch und gerade anhand der Fragestellung zu konzipieren, wie es zu unerwarteten und unerwünschten Verwerfungen hinter dem Rücken der Handelnden kommen konnte und welche Risiken damit verbunden waren. Zu welchem Ergebnis derartige Arbeiten auch immer kommen mögen, ein Dementi des von Jeremi Suri gezogenen Fazits steht nicht zu erwarten: "Wir hatten Glück im Kalten Krieg."

Dies ist das gekürzte Vorwort des Buches "Krisen im Kalten Krieg. Bilanz und Ausblick" (Hg. v. Bernd Greiner, Christian Th. Müller und Dierk Walter), das Ende September in der Hamburger Edition erscheint. Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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