Japanischer Film über Sex im Alter: Deine Mutter ist auch eine Frau

"Liebestoll im Abendrot - Tasogare" ist ein schriller Klamauk, der kichernd und hüpfend den japanischen Sittenkodex ein Stückchen aus den Angeln hebt.

Bei so viel Herrenwitz würde Mario Barth vor Neid erblassen. Bild: Rapid Eye Movies

Funakichi ist das, was man guten Gewissens einen "dirty old man" nennen kann. Zwanghaft schaut der 65-Jährige jedem geschlechtsreifen Mädchen hinterher. Er trifft sich mit Sportsfreunden zum gemeinschaftlichen Spannen im Park, prahlt mit seinen Cunnilingus-Techniken oder zieht in viel zu bunten Hemden durch Striptease-Lokale. Im Supermarkt lauert er zwischen den Regalen, um Frauen, die sich ganz auf ihre Einkaufsliste konzentrieren, in einem günstigen Moment unter den Rock zu linsen. Wird Funakichi (Masuru Taga) vom Kaufhausangestellten zur Rede gestellt, legt er ein derart pennälerhaftes Grinsen auf, als sei sein Vergehen so albern und banal wie eine auf den Stuhl des Vordermanns geschmuggelte Heftzwecke.

Auf den ersten Blick scheint dieser Film also zu halten, was sein Titel "Liebestoll im Abendrot" schon androht. Eine kleingeistige, überdrehte Sex-Klamotte, die mit ihrer Zotenhaftigkeit sich selbst jede Erotik austreibt, als sei genau die in einem Film, der ansonsten alles zeigt, noch immer eine Ungeheuerlichkeit. Bis man langsam dahinterkommt, dass Regisseur Shinji Imaoka weit mehr im Sinn hat, als bloß dem überspannten Voyeurismus seines Protagonisten ein Herrenwitzchen nach dem anderen abzutrotzen. Denn hinter den regressiven Possen Funakichis verbirgt sich ein Narrentum, das für ein wohl auch in Japan heikles Thema wie Sex zwischen älteren Menschen im schmuddeligsten Sinne eine Lanze bricht. Und man darf annehmen, dass "Tasogare", wie die Sexkomödie im Original heißt, nicht zufällig in der gleichen Woche in den bundesdeutschen Kinos gestartet ist wie Andreas Dresens vergleichsweise schüchterne und romantische Liebesgeschichte "Wolke 9".

Die mutigste und emanzipierteste Szene von "Liebestoll im Abendrot" ist vielleicht jene, in der Funakichi seine todkranke Frau im Krankenhaus mit der Hand befriedigt. Ein eher mechanischer und vollkommen unromantischer Akt, der als letzte eheliche Dienstleistung von der Gattin unmissverständlich eingefordert wird. Triebabfuhr als ein Akt zwischen nüchternen Partnern, die die Jahrzehnte am Ende eher aus ökonomischen Interessen denn aus großen Gefühlen zusammengeschweißt hat. Die Kranke stöhnt noch einmal zufrieden auf, bedankt sich knapp und der zurück in die Junggesellenfreiheit Entlassene massiert sich freudig die Hände. Eine Szene, die trotz aller Nüchternheit eine schwer zu beschreibende Würde und rührende Lebensnähe bewahrt.

Das ist die schwierige Mischung, die Shinji Imaokas Markenzeichen geworden ist. Er zählt zu den berühmt-berüchtigten neueren Pinkfilm-Regisseuren Japans. Das bei uns weitgehend unbekannte Genre, das in den frühen 60er-Jahren aufkam, verbindet Softpornoelemente mit komplexeren Plots. Die Grundregel dieser kleinen, dreckigen Filme lauten: "4 Tage Drehzeit, alle 5 Minuten Sex, nicht länger als eine Stunde", wie uns der Pressetext aufklärt. Viele Regisseure, wie Kiyoshi Kurosawa ("Cure", Pulse") oder Masayuki Suo ("Shall we Dance?") nutzen die Pinkfilmszene als Sprungbrett für größere Karrieren. Die Verbindung aus zwischenmenschlichen Skurrilitäten und pragmatischem Sex ließ das Genre bald vom Geheimtipp zum Exportschlager werden.

Doch bei allen Frechheiten und Freizügigkeiten dieser Pinkfilme bleibt doch zumindest in "Tasogare" immer spürbar, was für widersprüchliche Kräfte Sexualität und Gesellschaft bleiben, auch wenn sie einander bedingen. Wie "gefährlich" und "verboten" doch immer noch die Spielarten sind, die sich um Klassenschranken und Altersgrenzen nicht scheren und sich im anarchischsten Fall nur um das eigene individuelle Glück kümmern. Und wenn Funakichi, inzwischen verwitwet, eine Jugendliebe wiedertrifft, muss die sich ausgerechnet gegen die Vorbehalte der eigenen Kindern zur Wehr setzen: "Deine Mutter ist nur eine Frau heute Nacht." Es sind also die Spießigkeit und ein verquerer Traditionalismus, die sich in die Zukunft fortpflanzen, und keine lustvolle Freibeuterei.

Vielleicht braucht "Tasogare" gerade seine ganze enervierende Groteske, seinen schrillen, gewöhnungsbedürftigen Klamauk, um hüpfend und kichernd den japanischen Sittenkodex ein Stückchen aus den Angeln zu heben. Seine Waghalsigkeit liegt keinesfalls darin, Sex als zwischenmenschliches Kleingeld zu inszenieren, sondern darin, das Alter, das Sterben und dazu eine unaufhörliche Lust, einen unstillbaren Mangel zu zeigen. Und das entfaltet in manchen Szenen eine schöne Melancholie, die sich wohltuend über alles Gekreische, Geprahle und Gekicher legt.

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