Wahlkampf für einen Tag ausgesetzt: Auftritt am Ground Zero

Gedenkfeiern zum 11. 9. in den USA und ein gemeinsamer Auftritt der Präsidentenanwärter Barack Obama und John McCain in New York.

Einen Tag vor der Gedenkfeier wird am Ground Zero noch emsig gebaut. Bild: dpa

BERLIN taz John McCain und Barack Obama haben sich für den siebenten Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center an diesem Donnerstag etwas Besonderes ausgedacht. Die beiden werden einträchtig in die Baugrube am Ground Zero hinabsteigen und still der Opfer des Terrors gedenken. Die erbitterte Schlacht um Wählerstimmen wird olympisch einen Tag lang ausgesetzt.

Die Geste folgt einem neuen Trend in der US-Politik. Nachdem George Bush zwei Legislaturperioden lang "die Leichensäcke des 11. September bis zum letzten Blutstropfen ausgewrungen" hat, wie die linke Village Voice schreibt, ist es anrüchig geworden, aus dem Datum politisches Kapital zu schlagen. Sowohl McCain als auch Obama wollen Amerika zeigen, dass sie anders sind als ihr Vorgänger und das tragische Datum vor sieben Jahren nicht als Gelegenheit verstehen, "alles, was sie sich je gewünscht haben, in die Fahne zu wickeln und dem amerikanischen Volk unterzujubeln", wie Paul Krugmann in der New York Times schreibt.

Die Zeit, in der US-Amerika sich aus Angst um seine Politiker scharte, ist allerdings ohnehin vorbei. Die Strategie der "Schock-Doktrin", wie Naomi Klein sie beschrieben hat, funktioniert nicht mehr. Es ist dem US-amerikanischen Wähler mittlerweile allzu durchschaubar geworden, dass Bush die Desorientierung nach 2001 skrupellos dazu genutzt hat, einen Krieg durchzusetzen, den er ohnehin wollte, die Öl-Lobby zufriedenzustellen, die Steuern für die Reichen zu senken und vieles mehr.

So ganz können es zumindest die Republikaner jedoch offenbar noch immer nicht lassen. Bei ihrem Parteitag liefen zur Einstimmung auf den letzten Abend noch einmal Videos von den einstürzenden Zwillingstürmen, und der damalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani, wurde als Kettenhund auf die Parteianhänger losgelassen. Obama, habe er den Eindruck, würde sich im Krieg gegen al-Quaida einfach geschlagen geben. Nicht so sein Kandidat.

Der gab sich dann in seiner eigenen Rede allerdings weit weniger hetzerisch. Die republikanische Partei fährt offenbar eine zweigleisige Taktik: Die konservativen Hardliner werden von anderen bedient wie von Giuliani oder etwa von der Abtreibungsgegnerin Sarah Palin, McCain selbst distanziert sich derweil so weit wie nur irgend möglich von George Bush.

McCains scheinbare Abkehr vom politischen Missbrauch des 11. September ist demnach mit Vorsicht zu genießen. Aber auch über Obama steht das Urteil in diesem Punkt noch aus. So muss man sich beispielsweise fragen, warum er am Donnerstag überhaupt am Ground Zero auftritt. Gänzlich scheint sich die symbolische Kraft des 11. September in den USA noch immer nicht abgenutzt zu haben, und selbst Obama kann der Versuchung nicht widerstehen.

Völlig fremd ist Obama das Arbeiten mit politischen Schockmethoden ohnehin nicht. Der Schock, den er instrumentalisiert, ist allerdings, wie Rick Perlstein schrieb, nicht mehr so sehr der 11. September als vielmehr die soziale Ungerechtigkeit in den USA und die Wirtschaftskrise und allgemein das, was Bush mit dem Land angerichtet hat.

Der leisetreterische Besuch in New York stellt in diesem Zusammenhang wohl so etwas wie eine Rückkehr an den Punkt dar, von dem aus die Dinge im Land aus dem Ruder gelaufen sind, mit dem impliziten Versprechen, von vorn anzufangen und es besser zu machen. Eines ist der Auftritt jedoch bestimmt nicht - ein unschuldiger Trauerbesuch.

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