Kulturpolitik: Der Kampf um Goethe

Die auswärtige Kulturpolitik war lange ein Berliner Stiefkind. Jetzt lieben alle die Goethe-Institute. Was ist nur los?

Steinmeier - Freund auswärtiger Kulturpolitik. Hier mit ungenannter ghanaischer Künstlerin in Accra. Bild: dpa

Ein flotter Spruch in angespannter Lage, so etwas wirkt zu Beginn einer Begrüßungsrede immer souverän. Frank-Walter Steinmeier hatte so einen Spruch am Dienstagabend drauf. "Wie in einem Radialsystem habe ich mich in den letzten Tagen auch gefühlt", sagte der Bundesaußenminister und Kanzlerkandidat.

Radialsystem, so heißt ein Veranstaltungsort in Berlin - eine als innovativ durchgehende Mischung aus Alt- und Neubau mit ziemlich hohem Hippnessfaktor und einer schönen großen Terrasse direkt an der Spree. Hier fand der Kulturabend im Rahmen der Botschafterkonferenz 2008 statt (vom nichtöffentlichen Teil nur so viel: einige hundert Würden- und Anzugträger vom Diplomatischen Korps, davon viele aufgekratzt im Jetlag, da sie aus der ganzen Welt in die Hauptstadt geeilt waren - das hat schon was!). Steinmeier nutzte nicht nur bei seiner lockeren Anspielung auf die politischen Turbulenzen der letzten Tage die Gelegenheit, sich stets als Herr der Lage zu präsentieren.

Punkte, die mit Blick auf den ja wohl bald beginnenden Wahlkampf kulturpolitisch interessant sind, gab es auch. So nahm den Hauptteil von Steinmeiers Begrüßungsansprache eine ausführliche Eloge auf das Goethe-Institut ein. Der Minister erwähnte die Institutsneugründungen in Afrika, die Erfolge bei dem ehrgeizigen Ziel, die Zahl der deutschen Schulen im Ausland von 500 auf 1.000 zu verdoppeln. Er nannte die auswärtige Kulturpolitik eine "Herzensangelegenheit". Brachte eine Floskel wie die, dass man "Brücken des Verständnisses aus den Säulen der Kultur bauen kann". Sagte aber auch geradlinige Sätze wie diesen: "Da ist in den vergangenen drei Jahren was gelungen." Kurz, vor den versammelten deutschen Diplomaten stellte er die Entwicklungen bei Goethe als vorbildlich heraus.

Die anwesenden Vertreter des Goethe-Instituts nahmen es erfreut auf. Zugleich hatten sie aber auch ein wenig Mühe, dieses Füllhorn an Wertschätzung, das in dieser Woche von politischer Seite über sie hereingebrochen ist, gedanklich zu verarbeiten. Die Kanzlerin persönlich hatte bereits am Montag bei einem Besuch der Goethe-Zentrale in München zum Ausdruck gebracht, dass auch sie die auswärtige Kulturarbeit mit ihren Austauschprogrammen und Deutsch-Lernangeboten in hohem Maße schätzt (taz vom 9. 9. 2008). Im Zusammenhang mit dieser Initiative Angela Merkels sind die warmen Worte Steinmeiers während der Begrüßungsansprache zu lesen. Ohne die Kanzlerin zu erwähnen, wollte er jetzt damit kontern, dass niemand anders als er und sein Außenministerium den Boom bei Goethe ermöglicht haben - mit Aufmerksamkeitszuwendungen und, auch nicht unwichtig, überdurchschnittlichen Etatanhebungen.

Dieser, nennen wir es ruhig so, Kampf um Goethe - und dann auch noch auf allerhöchster politischer Ebene ausgetragen! - ist ziemlich ungewöhnlich und auch ziemlich neu. Noch der Außenminister Joschka Fischer hat sich für auswärtige Kulturpolitik nicht die Bohne interessiert; vielleicht war sie ihm als Alpha-Minister einfach zu kleinteilig.

Noch vor drei Jahren hat man beim Goethe-Institut über Institutsschließungen nachgedacht. In diesen drei Jahren ist viel passiert. Zum Ersten läuft Kulturaustausch inzwischen nicht mehr unter Multikulti und Tralala, sondern - Stichwort Kreativwirtschaft - unter etwas, was man als "notwendige und sogar lukrative Begleitmaßnahme der Globalisierung" fassen könnte. Zum Zweiten kann man die Umstrukturierungen des Goethe-Instituts als gelungene Reform verkaufen. Für Reformer wie Merkel und Steinmeier zählt jedes Positivbeispiel. "In kleinen mühsamen Schritten sind wir allmählich vorwärtsgekommen", sagte der Außenminister noch mit Bezug aufs Goethe-Institut in seiner Begrüßungsansprache. Das entspricht seinem Politikverständnis. So ähnlich stellt er sich das wohl für die ganze deutsche Gesellschaft vor, wenn er erst einmal Kanzler ist.

Der Kulturaustausch war lange ein Feld für Idealisten, Wim-Wenders-Fans und politische Altenteiler. Nun setzen sowohl Kanzlerin als auch Kanzlerkandidat darauf. Es ist auf diesem Gebiet wirklich viel passiert.

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