Abschreckende Studiengebühren: Schavan will es nicht wahrhaben

Bildungsministerin Schavan hält eine Studie geheim, die belegt, dass Gebühren fürs Studium viele Interessenten abschrecken. Der taz liegt sie dennoch vor.

22 Prozent der Unentschlossenen wurden durch Studiengebühren abgeschreckt, so das HIS. Bild: dpa

Die Ergebnisse passen ihr offenbar nicht, also hält Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) sie weiter geheim. Erst im November soll die von ihrem Ministerium in Auftrag gegebene Studie "Studiengebühren aus Sicht der Studienberechtigten" veröffentlicht werden. Der taz liegt die vieldiskutierte Erhebung jetzt vor.

Während Schavan behauptet hatte, es stimme nicht, dass Studiengebühren vom Studium abschreckten, schreiben die Autoren vom renommierten Hochschulforschungsinstitut (HIS) das Gegenteil: "Durch die Einführung von Studiengebühren verzichtet eine nennenswerte Zahl von Studienberechtigten auf das ursprünglich beabsichtigte Studium", heißt es in der Zusammenfassung.

Das Team um den Hochschulforscher Christoph Heine befragte vor knapp zwei Jahren 5.240 Studienberechtigte - ein halbes Jahr nachdem diese ihr Ticket für die Hochschule erworben hatten, das Abitur oder die Fachhochschulreife. Zu diesem Zeitpunkt hatten zwei Bundesländer - Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen - Studiengebühren eingeführt, inzwischen werden sie in allen unionsgeführten Ländern im Westen Deutschlands kassiert.

Hochgerechnet hätten imm Jahr 2006 6.000 bis 18.000 Personen auf das ursprünglich beabsichtigte Studium verzichtet, heißt es. Laut Studie sind das vier Prozent der Befragten. Sechs Prozent wechselten gezielt an eine Hochschule ohne Gebühren. Ein halbes Jahr nach ihrem Schulabschluss hatten rund 40 Prozent der Schulabgänger ein Studium aufgenommen, jeder sechste Befragte schwankte in seiner Entscheidung.

Studiengebühren waren in dieser Gruppe ein wesentlicher Grund für das Zögern: in den Ländern die bereits Gebühren eingeführt hatten, hielten sie 22 Prozent der Unentschlossenen vom Studium ab. Die Verunsicherung erreicht auch Studienwillige aus Ländern, die keine Gebühren erheben: "Jeder fünfte ostdeutsche Studienberechtigte, der sich hinsichtlich einer Studienaufnahme noch unsicher ist, gibt an, das gewünschte Studium

aufgrund von Studiengebühren voraussichtlich nicht aufzunehmen", heißt es.

Die größte Gruppe der Studienberechtigten lässt sich von Gebühren nicht beindrucken. 54 Prozent nimmt ein Studium auf, egal ob sie dafür zahlen müssen. Allerdings sehen die Autoren einen klaren Zusammenhang zwischen der abschreckenden Wirkung von Gebühren und der sozialen Herkunft. Die Wahrscheinlichkeit, aufgrund von Gebühren auf eine Studium zu verzichten, sei bei Studienberechtigten, deren Eltern eine Lehre absolviert haben oder keine beruflichen Abschluss besitzen, signifikant größer als bei denen aus einem Elternhaus mit Universitätsabschluss, schreiben sie. Laut Studie haben jeweils 6 Prozent der Befragten, die einen Vater mit Lehre oder Meisterabschluss haben, wegen Studiengebühren auf das Studium verzichtet. Nur halb so hoch ist der Anteil bei den Kindern, die aus Akademikerfamilien kommen.

Die Gründe für den Verzicht lassen sich herleiten, wenn man etwa die Quellen betrachtet, aus denen Studierende ihre Gebühren bezahlen: Von den Studierenden, die eine Elternteil mit akademischem Abschluss haben, spendieren zu 81 Prozent Mama oder Papa die Gebühren. Von jenen Studierenden, deren Eltern eine Lehre absolviert haben, können nur knapp 60 Prozent auf das elterliche Portemonnaie zurückgreifen. Die Hälfte von ihnen jobbt, um Gebühren zu bezahlen, jeder sechste hat einen Kredit aufgenommen. Stipendien spielen bei allen Studierenden, gleich welcher sozialen Schicht, eine untergeordnete Rolle: lediglich 2 Prozent nehmen sie in Anspruch.

Diejenigen, die Gebühren entrichten, tun dies ohne allzu große Begeisterung: "Die Befragung zeigt, dass lediglich jeder zweite verbesserte Studienbedingungen erwartet", heißt es in der Studie. Insgesamt ist die Studierneigung mit Einführung von Studiengebühren in allen sozialen Schichten gesunken. "Ein quantitativ bedeutsamer Rückgang der Studierneigung ist bei allen Herkunftsgruppen des Studienberechtigtenjahrgangs 2006 zu verzeichnen", schreiben die Wissenschaftler. Im Vergleich zum Jahrgang 2004 sei die Studierneigung zwei Jahre später bei Kindern aus Akademikerfamilien um 4 Prozentpunkte, bei Kindern aus Facharbeiterfamilien Eltern um 7 Prozentpunkte gesunken.

Die soziale Schere bei den Studierenden hat sich also just in dem Jahr, in dem Gebühren eingeführt wurden, weiter leicht geöffnet. Es liege nahe, dass sowohl die Abnahme der Studierneigung im Zeitverlauf als auch die "tendenzielle" Zunahme der sozialen Ungleichheit partiell auf die Einführung von Studiengebühren zurückzuführen seien, schreiben die Autoren.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de