Kommentar Heidenreich-Rauswurf: Beste Unterhaltung

Das große ZDF kann die öffentliche Kritik einer einzigen Sendemoderatorin nicht verwinden. Es verliert mit "Lesen!" eine seiner erfolgreichsten Nischenproduktionen.

"Man will Hollywood sein und ist eben doch Köln-Ossendorf", hatte Elke Heidenreich über ihre Arbeitgeber beim ZDF gewitzelt. Nun wurde der erfolgreichsten Literaturkritikerin des deutschen Fernsehens gekündigt, ihre Sendung "Lesen!" ist abgesetzt.

Heidenreich hatte sich tatsächlich Unglaubliches geleistet: Sie hatte ihre Arbeitgeber beim ZDF - einschließlich der Intendanten und Programmdirektoren von ARD, Sat.1 bis RTL - als "verknöcherte Bürokarrieristen" bezeichnet. "Geschämt" habe sie sich, ob der "hirnlosen Scheiße", dem "furchtbar unfähigen, unzumutbaren Gestammel" bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Köln-Ossendorf. Ihr Kollege Thomas Gottschalk, der die Preisverleihung moderierte, sei "nicht intelligent", auch "nicht charmant", höchstens "reaktionsschnell". Dass Marcel Reich-Ranicki, "der Gott des Donners und des Zorns", die Veranstaltung vor laufenden Kameras sprengte, dafür gebühre ihm, so Heidenreich, ein "Danke auf ewig".

Ein Dank, der vielleicht auch Heidenreich selbst gebührt. Immerhin hat sie ihren Ärger öffentlich gemacht. So konnten die TV-Apparatschiks Reich-Ranickis Widerworte nicht einfach in die Ecke des senilen Flitzers stellen. "Man schämt sich", so schrieb Heidenreich deutlich, "in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten. Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde." Gesagt, getan. Heidenreich kennt die Gesetze der Branche.

Und so kam, was kommen musste: Das große ZDF kann die öffentliche Kritik einer einzigen Sendemoderatorin nicht verwinden. Die 65-jährige Heidenreich hat mit der Unterstützung des 88-jährigen Reich-Ranicki zu hoch gepokert und verloren. Verloren hat auch das ZDF, das sich nun im Handstreich einer seiner erfolgreichsten Nischenproduktionen entledigt hat. "Lesen!" hatte ein bildungsnahes und eher weibliches Publikum. Echten Bohemiens war das alles viel zu wenig und zu "massenkonform", doch fürs öffentlich-rechtliche Fernsehprogramm war das schon viel. Nun muss sie die Anstalt also verlassen. Dabei waren ihre und Reich-Ranickis Auftritte beste Unterhaltung und große Momente gegen die Selbstimmunisierung vor Kritik.

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Andreas Fanizadeh, geb. 1963 in St.Johann i.Pg. (Österreich). Leitet seit 2007 das Kulturressort der taz. War von 2000 bis 2007 Auslandsredakteur von „Die Wochenzeitung“ in Zürich. Arbeitete in den 1990ern in Berlin für den ID Verlag und die Edition ID-Archiv, gab dort u.a. die Zeitschrift "Die Beute" mit heraus. Studierte in Frankfurt/M. Germanistik und Politikwissenschaften.

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