"René" gewinnt Filmpreis: "Fuck Freedom"

Das 51. Festival für Dokumentar- und Animationsfilm ging am Sonntag in Leipzig zu Ende. Viele der Filme werden vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen kofinanziert.

René als René. Bild: veranstalter

Seltsam, wie schnell das 51. Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm vorüberging. Eben noch saß man im großen Saal des Cinestar und freute sich, als Claas Danielsen, der Festivaldirektor, das Publikum mit einem "Hallo, schön dass ihr alle da seid" begrüßte, und schon sitzt man wieder in der Sonntagsstille zu Hause. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es in diesem Jahr besonders viele Filme gab, die vom Tod handeln. Uli M. Schueppel reiht in "Der Tag" zwölf Off-Tonpassagen aneinander, in denen Hinterbliebene minutiös erzählen, wie sie den letzten Tag mit einem nahen Menschen verbrachten. Toni, der 49 Jahre alte, drogensüchtige Held von Oscar Morenos und Xavier Braigs großartiger Dokumentation "Today, The Same Day Is Different" stirbt am Ende des Films, die beeindruckende Arbeit "Children of the Pyre" des indischen Regisseurs Rajesh S. Lala berichtet von sieben Kindern, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie helfen, Leichen nach hinduistischem Brauch zu verbrennen. In Abdul Hussain Daneshs "Passageway", der in einer Sonderreihe mit afghanischen Filmen lief, sieht man, wie einem Mann der Kopf abgeschnitten wird.

Grit Lemke, die Programmgestalterin des Festivals, sagte, es gebe generell viel mehr gute traurige als gute heitere Dokumentarfilme. Vielleicht ist diese Unterscheidung zwischen ernst und heiter auch nicht so wichtig. Ein Film, der von traurigen Dingen erzählt, ist nicht notwendigerweise ein trauriger Film. Oft ist es auch schwer zu sagen, ob die Dinge, von denen ein Film erzählt, tatsächlich traurig sind. 1989 begann die tschechische Dokumentaristin Helena Trestiková damit, den jugendlichen Strafgefangenen René zu beobachten. Was als überschaubares Filmprojekt anfing, dehnte sich zu einer bis heute andauernden Langzeitbeobachtung aus. "René" bekam am Sonntag den Hauptpreis des Festivals, die mit 10.000 Euro dotierte Goldene Taube. Dass der Film überhaupt fertig wurde, liegt vor allem daran, dass die Geldgeber Ergebnisse sehen wollten. Die Regisseurin, die kurzzeitig auch einmal tschechische Kulturministerin war, dreht immer noch weiter.

Die meiste Zeit verbringt ihr Held im Gefängnis wegen Diebstahl und Raubdelikten. Seine Tattoos sind "ein bisschen pessimistisch", zum Beispiel "Fuck Freedom", und um seinen Hals rankt sich ein "Fuck of people". Knast ist nicht toll, doch die Welt dort ist geordnet. Draußen ist es schwieriger. Ein Zuhause gibt es nicht. René versucht es mit Im- und Export. Im Fernsehen gibt es die offiziellen Daten der Geschichte. Ruhelos sieht man den dünnen Helden auf Bahnhöfen. Irgendwann gründet der starke Raucher eine "Anti-Tabak-Gesellschaft", um Geld abschöpfen zu können.

Die Lebenskonstante ist die Beziehung zur Regisseurin. Anfangs ist René eher Objekt ihrer Beobachtungen, später beginnt er zu schreiben, veröffentlicht zwei Bücher und wird zum Mitautor des Films, der von seinem Leben, aber auch von seiner Beziehung zur Regisseurin erzählt. Dass er irgendwann auch deren Wohnung ausraubt, ist traurig, aber auch eine von ihm bewusst gesetzte Pointe. Die Arbeit mit René wird "wohl erst mit meinem Tod enden", sagte Helena Trestiková.

Formal herausragend ist "Oblivion" von der niederländischen, in Lima geborenen Regisseurin Heddy Honigmann, deren Dokumentation "Forever" (2006) über den Pariser Friedhof Père Lachaise noch in bester Erinnerung ist. Honigmann porträtiert in ihrem Film, der die Silberne Taube gewann, verschiedene Menschen, die in Perus Hauptstadt im Dienstleistungsgewerbe arbeiten; ältere Barkeeper und Kellner in wunderschönen Jahrhundertwendecafés, Kinder, die in Ampelpausen kleine Kunststücke für die wartenden Autofahrer aufführen, einen kleinen Schuhputzer. "Service is perfect acting", sagt einer ihrer Helden irgendwann. Die Regisseurin fragt ihre Protagonisten nach ihren Erinnerungen; manche erzählen humorvoll von kleinen Widerstandsakten, die meisten Geschichten aber sind sehr traurig - und am traurigsten ist das völlige Fehlen von Erinnerung, von dem der kleine migrantische Schuhputzer spricht.

In "Oblivion" erfährt man, dass in Peru Froschsaft getrunken wird, um das Gedächtnis zu stärken. Irgendwie seltsam, direkt danach in Petra Seegers Film "Auf der Suche nach dem Gedächtnis - Der Hirnforscher Eric Kandel" zu gehen. Ihr schönes, wenn auch konventionelles Porträt des jüdischen "Rockstars der Hirnforschung" und Nobelpreisträgers Eric Kandel, der als Kind aus seiner Heimatstadt Wien flüchten musste, wurde mit Begeisterung aufgenommen, vor allem wohl auch, weil der 79-Jährige mit so viel klugem Humor und gewinnendem Lächeln von ernsten Dingen spricht.

Viele der in Leipzig gezeigten Produktionen wurden vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen ganz oder teilweise mitfinanziert. Einige der RegisseurInnen bedankten sich ausdrücklich für das Engagement der zuständigen RedakteurInnen, ohne die ihre Filme nicht entstanden wären. Dieses Engagement wurde in der sich an Reich-Ranickis anschließenden Debatte über die Qualität des Fernsehens oft ignoriert.

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