Frauenwahlrecht: "Sie haben konservativ gewählt"

Seit 90 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen: Historikerin Sylvia Schraut und Frauenforscherin Gisela Notz erklären in acht Thesen, was Frauen und Politik verbindet.

Früher undenkbar: Eine Frau, die zur Wahl geht. Bild: dpa

1. Frauen interessieren sich genauso für Politik wie Männer - nur ein bisschen anders.

Gisela Notz: Historisch gesehen waren ja Männer für Politik zuständig, Frauen hatten sich nicht zu interessieren, und einige haben sich zum Teil wirklich nicht interessiert. Heute möchten sich viele Frauen gern engagieren, fühlen sich aber vielleicht wenig angezogen von den Strukturen und Auseinandersetzungen in den Parteien. Die Bilder in der Presse sind männerdominiert - Frauen sind oft nur "bunte Tupfen" im Männerclub. Aber: Es gibt heute sehr viele Frauen, die sich außerparlamentarisch einbringen, zum Beispiel in Bürgerinitiativen. Man darf nicht vergessen, dass das auch politische Arbeit ist. Sylvia Schraut: Frauen kämpften in den letzten Jahren massiv, etwa durch die Einführung der Quoten, um in die Politik zu kommen. Ein Desinteresse sehe ich hier nicht.

2. Die späte Einführung des Wahlrechts für Frauen 1918 schlägt nach 90 Jahren immer noch Wellen in die Gegenwart.

Gisela Notz: Das Wahlrecht für Frauen kam viel zu spät! Die historische Verzögerung ist einer der Gründe dafür, dass es heute immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Frauen genauso in politischen Gremien und an Machtstrukturen beteiligt sind wie Männer. Deswegen finde ich ja die Quoten in den Parteien so wichtig: Ohne die wären wir nicht da, wo wir jetzt sind.

Sylvia Schraut: Man darf aber nicht vergessen: Im Grunde ist das allgemeine Männerwahlrecht in Deutschland auf Reichsebene 1871 eingeführt worden, und das Frauenwahlrecht wurde 1918 beschlossen. Also, so groß ist der Unterschied nicht. Historisch viel wichtiger ist, dass mit Einführung eines Allgemeinen Wahlrechts nicht mehr der Besitz ausschlaggebend dafür war, ob man wählen durfte.

3. Für die Natur einer Frau ist politische Partizipation unnatürlich - fragt man Kant, Fichte, Rousseau.

Gisela Notz: Man muss sich nur mal die alten Philosophen anschauen. Kant sagte zum Beispiel, den Frauen fehlen die "natürlichen Qualifikationen", die sie zur Ausübung staatsbürgerlicher Rechte befähigen. Es galt für Frauen sogar als schädlich, Politik zu machen. Es sei ihrer Natur nicht förderlich, sie sind eher emotional und die Männer sind für die Vernunft zuständig. Gottlieb Fichte ging sogar so weit zu behaupten: Wenn Frauen eine Familie gründen, geben sie ihr Leben an den Mann ab und brauchen keine eigenen Rechte. Das wirkt bis heute.

Sylvia Schraut: Im Prinzip ist die Aufklärung schuld. Davor, in der Ständegesellschaft, waren Mann und Frau ja noch Standeswesen - über Rechte entschied allein, ob sie adelig waren oder nicht. Erst mit der Französischen Revolution und der Aufklärung wurden Frauen zu Geschlechtswesen - und in gewisser Weise erst jetzt dezidiert benachteiligt. Alle Menschen sollten gleiche Rechte haben, aber es waren eben nur Männer gemeint. Rousseau sagt über den Mann und die Frau: Er ist Verstand, sie ist Gefühl. Er ist Handlung, sie ist Emotion. Er ist extrovertiert und agiert draußen, sie ist für das "Drinnen" zuständig. Die Welt des Mannes ist die ganze Welt, die Welt der Frau ist der Mann.

4. Ob wirklich ein Großteil der Frauen vor 1918 wählen wollte, weiß keiner.

Gisela Notz: Es gab tatsächlich Frauen aus bürgerlichen Kreisen, die gesagt haben, die Männer machen das schon richtig - was wollen eigentlich diese Frauenkämpferinnen? Manche waren ganz zufrieden mit ihrer Situation. Gerade die christlichen Frauenvereine haben nie ums Wahlrecht gekämpft. 1917 ist der Deutsch-Evangelische Frauenbund noch aus dem Bund Deutscher Frauenvereine ausgeschieden, als sich dieser endlich die Forderung nach einem Frauenwahlrecht auf die Fahne schrieb. Bei den Sozialistinnen dagegen stand das Frauenwahlrecht von Anfang an auf der Agenda. Man kann aber freilich nicht genau sagen, wie viel Prozent der Frauen das Wahlrecht wollten. Fest steht, dass im Januar 1919, als endlich Männer und Frauen über 20 Jahre wählen durften, die Wahlbeteiligung der Frauen bei über 82 Prozent lag.

Sylvia Schraut: Man kann nicht statistisch sagen, ob die meisten Frauen wählen wollten oder nicht, aber es gab ja sowohl eine sozialdemokratische als auch eine bürgerliche Frauenbewegung, die ein Frauenwahlrecht forderten. Eine Bewegung besteht ja nicht aus einer Hand voll Aktivistinnen, die niemanden hinter sich haben.

5. Sticken und Kaffeeklatsch können eine höchst politische Angelegenheit sein.

Sylvia Schraut: Dass sich Aktivistinnen während des Politikverbots für Frauen - das galt bis 1908 - offiziell im Nähkreis trafen, aber heimlich Politik machten, ist eher eine Legende. Das Fahnensticken selbst war aber beispielsweise 1848 ein hochpolitischer Akt. Die radikaleren Demokraten hatten rote Fahnen, und die gemäßigten Demokraten hatten schwarz-rot-goldene Fahnen, die die Frauenvereine hergestellt haben. Das Sticken war eine Ausdrucksform, die als frauengemäß galt, weil man eben Handarbeit machte - und gleichzeitig eine politische Äußerung auf den Feldern, in denen sich eine Frau äußern durfte.

Gisela Notz: Manche nannten es auch Handarbeit und Kaffeeklatsch. Das Sticken war eigentlich eine bürgerliche Beschäftigung und galt als Alternative zum Müßiggang. Andererseits sind gerade von den proletarischen Frauen noch schöne Fahnen in den Archiven erhalten. So eine Fahne ist eine Sichtbarmachung der Überzeugung und damit eine politische Betätigung.

6. Die Frauenbewegung war verfeindet - zwei Lager behinderten sich gegenseitig.

Gisela Notz: Einer der Gründe für die späte Einführung des Frauenwahlrechts ist tatsächlich, dass es keine "Einheitsfront" der Frauen gab. Die Frauen waren in ein bürgerliches und sozialistisches Lager gespalten, und ein gemeinsamer Kampf war schwer möglich. Wir Feministinnen träumen immer wieder davon, dass alle Frauen zusammenstehen. Aber das ist ja bis heute nicht möglich, weil ihre Interessen zu unterschiedlich sind. Die bürgerlichen Frauen wollten die gleichen Rechte wie ihre bürgerlichen Männer - aber wollten nicht unbedingt die gleichen Rechte für ihre Dienstmädchen. Da waren tiefe Gräben - viele wollten ein Damenwahlrecht nur für ihre eigene Klasse.

Sylvia Schraut: Die sozialdemokratischen Frauen haben sich von den bürgerlichen deswegen so klar abgegrenzt, weil sie sich eine Position innerhalb der Sozialdemokratie zu erkämpfen hatten. Sie mussten ja die eigenen Männer dazu bringen, das Frauenwahlrecht in ihr Programm aufzunehmen. Sie erkauften sich die Loyalität der eigenen Partei durch die Ablehnung der bürgerlichen Frauen. Sie wollten in erster Linie sozialdemokratisch sein, in zweiter Linie Frau. Und natürlich hatte eine Sozialdemokratin generell andere Interessen als die Unternehmergattin. Individuelle Selbstbestimmung war gar nicht ihr Thema, sondern der Kampf für die Arbeiterklasse. Emanzipiert wollte sie nur sein an der Seite des Mannes im sozialistischen Kampf. Über die bürgerlichen Frauen dachten sie: Das sind diejenigen, die sich nur in ihrer privilegierten Stellung besser ausleben wollen. Aber es gab auch Ausnahmen: In den Kommunen wurde etwa für den Kinderschutz doch zusammengearbeitet, vor Ort und bei konkreten Projekten. Das wurde aber nicht an die große Glocke gehängt, das hätte man nie nach außen getragen.

7. Frauen wählten nach Einführung der Wahlberechtigung erst mal gegen eigene Interessen - schuld sind die Kirchen.

Gisela Notz: Bei der ersten demokratischen Wahl haben die Frauen vermutlich mehrheitlich konservativ gewählt - das entnehmen wir den wenigen Analysen, die vorliegen. Sie haben paradoxerweise die Parteien unterstützt, von denen sie als Frauen niemals selbst Unterstützung bekamen. Hier spielten natürlich die Kirchen eine große Rolle. In zeitgenössischen Tageszeitungen stand damals: Ihr wollt doch, dass eure Kinder in die Konfessionsschule gehen. Ihr wollt doch, das Staat und Kirche zusammengehören. Ihr wollt doch die christlichen Werte hochhalten - dann müsst ihr Zentrum wählen! So etwas stand in einer ganz normalen Zeitung als Wahlempfehlung. Die Kirche hat den Untergang des Abendlandes gepredigt, wenn die Sozialdemokraten gewählt würden. Dieser Einfluss dauerte noch mindestens bis in die 1950er-Jahre an.

Sylvia Schraut: Die Sozialdemokratie konnte in den Anfangsjahren der Weimarer Republik nicht genug Stimmen rekrutieren. Selbst ein Teil der sozialdemokratischen Ehefrauen muss "fremdgewählt" haben. Man müsste aber auch erst mal definieren, was ihre Interessen sind. Nach 1945 wurde das traditionelle Frauenbild nicht nur, aber auch von den Kirchen propagiert, und viele Frauen sind in den 50er-Jahren "verstummt". Aber was sie wirklich dachten, weiß man nicht. In den 1950er-Jahren schien das konservative Familienmodell ja sehr konsensfähig.

8. Die alten Vorkämpferinnen waren mutiger als Frauen heute.

Gisela Notz: Viele Frauen wanderten zur Zeit des Politikverbots vor 1908 und noch danach ins Gefängnis, weil sie sich politisch engagierten. Heute würde ich mir wünschen, dass sich mehr Frauen für den Feminismus einsetzen. Aber da ist - auch im Parlament - nicht immer mit dem Wohlwollen der Männer zu rechnen. Viele Frauen machen sich zu viele Sorgen um den Job.

Sylvia Schraut: Die Vorkämpferinnen waren sich damals bewusst, dass sie nicht gleichberechtigt sind. Aber heute wollen Studentinnen mit dem Thema der strukturellen Benachteiligung nichts zu tun haben und nicht darüber nachdenken. Bei den Vorkämpferinnen war die Benachteiligung aber noch so offensichtlich, dass sie sich das einfach nicht schönreden konnten.

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