Irakische Christen in Deutschland: "Niemand in Europa glaubt es"

Sie sind Christen und gehören zu den verfolgten religiösen Minderheiten im Irak. Nach Deutschland kommen sie illegal, und weil sie Geld zahlen konnten, an einen Schleuser.

Exil-Iraker nahmen in München an irakischer Parlamentswahl statt. Bild: dpa

Im Exil in Deutschland entschied sich Saher Toma für die Liebe. "Ich habe vier Jahre auf Eva gewartet." Eva war aus dem Irak nach Syrien geflüchtet und saß dort fest. Mit Gott hat Saher Toma nicht gehadert in all den Jahren des Wartens. "Die deutschen Behörden sagen, dass sie so lange brauchen. Dann muss das so sein." Vor sieben Monaten kam Eva in Nürnberg an. Schon im Januar wird sie ein Mädchen zur Welt bringen. Maria soll es heißen. "Ich liebe Mutter Maria viel", sagt Tomas Frau.

Zurzeit flüchten vor allem Christen aus dem Irak. Ihr Exodus lässt sie nicht nur in Nürnberg, sondern überall auf der Welt stranden. 35.000 allein in Syrien und ebenso viele in Jordanien, sagen kirchliche Menschenrechtsorganisationen. Und in Nürnberg? "Da wohnen zwei- oder dreihundert", schätzt Saher Toma. Mit denen aber will der 40-jährige Toma eine neue Zukunft bauen.

Vor dem Sturz Saddam Husseins lebten fast zwei Millionen Christen im Irak, eine halbe Million sind es heute. "Das ist kein Leben dort mehr für uns", drängt der kahl geschorene Toma. Im Irak wollte er Pfarrer werden. Die Politik kam dazwischen. Es wurde gefährlich für ihn unter Saddam Hussein. Der erlaubte Religionsfreiheit, aber keine Kritik.

Schon 2001 musste Toma fliehen und landete in Nürnberg. "Hier bin ich neu geboren", sagt er. "Hier habe ich verstanden, was Wahrheit ist, was Demokratie." Geblieben ist ihm die Sehnsucht nach der Heimat. Die spürt er körperlich. Als fehlte ihm ein Arm, ein Bein. Nicht das Herz. Das hat er, als er allein in Nürnberg saß, Eva geschenkt. Er verliebte sich in ihre Stimme am Telefon. Sie ist seine Cousine. Familie zählt viel im Exil.

Obwohl Toma nicht Pfarrer geworden ist, sondern Ingenieur, begreift er sich weiter als Seelsorger. Schäfer passt auch. Vor Jahren begann er, die irakischen Christen, die in der Gegend leben, einzusammeln. Zirndorf liegt in der Nähe. Da ist eine Anlaufstelle für Asylbewerber. Wer Geld hat und einen Schleuser bezahlen kann, landet mit Glück dort.

Schon 2002 klopfte Toma bei Andreas Müller, dem Pfarrer der Sankt-Anton-Gemeinde in der Denisstraße in Nürnberg, an. "Die chaldäischen Christen brauchen einen Ort", sagte er. "Bitte" antwortete der große, schweigsame Müller. "Mein Haus ist euer Haus." Nicht nur wohnen Toma, Eva und Pfarrer Müller mittlerweile als Wohngemeinschaft im Pfarrhaus. Seit damals wird in dem zugigen Gebäude auch versucht, die Religon und Kultur der Flüchtlinge weiterzuführen. Christen aus dem Irak beherrschen bis heute Aramäisch - die Sprache Jesu. Und manche beherrschen, wenn auch ungelenk, noch die alte Schrift. Mit der Flucht der Christen aus dem Irak wird diese Kultur verschwinden.

Damit man das Ungeheuerliche glaubt, was den christlichen Minderheiten im Irak passiert, holt Toma am Totensonntag Flüchtlinge aus Zirndorf ins Pfarrhaus. Sie sollen erzählen. Da sitzen Menschen, die vorher Maurer waren oder Friseusen, Ingenieure, Fahrer. Was sie mitbringen: eine Kultur der Angst.

Ihre Geschichten sind immer gleich. Jeden Tag Blut, Tod, zerstörte Kirchen. Jeden Tag Zettel vor der Wohnung: "Verschwindet!" Einer hat gesehen, wie die Haut von einem Christen wegrasiert wurde. Der Vater einer Frau, die jetzt in Zirndorf ist, wurde ermordet. Eine kann bezeugen, wie ein Christ gezwungen wurde, über das Bild Jesu zu treten. "Ich kann das nicht", sagte er. "Da wurde er enthauptet." Eine Frau bringt süßen Tee ins Zimmer. Daran wärmen sich die Flüchtlinge.

Ein 17-Jähriger in rotem Kapuzenshirt sitzt auch auf dem Sofa. Sein Blick geht misstrauisch von unten nach oben. Erst als er merkt, dass man ihn nicht verachtet, weil er sich in Nürnberg zu Zweitklässlern in die Schulbank setzt, um Schreiben und Lesen zu lernen, wird sein Blick weicher. "Unsere Kinder gehen im Irak nicht mehr in die Schule", sagt eine 39-Jährige.

Der junge Mann, der die Gespräche ins Englisch übersetzt, war Fahrer und Dolmetscher bei den Amerikanern. Geschossen hat er. "Hätte ich nicht, hätten die anderen." Früher wollte der 24-Jährige Offizier werden. Jetzt will er in Deutschland den Lkw-Führerschein machen. Er hat nach nur drei Monaten Asylbewerberstatus bereits eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis. Die anderen warten noch. Abgeschoben werden irakische Flüchtlinge derzeit nicht.

Es sind vor allem junge Leute, die in Zirndorf ankommen. "Für sie kratzt die Verwandtschaft das Geld zusammen, um die Schleuser zu bezahlen", sagt Toma. 15.000 Dollar kostet der illegale Transfer. Mit falschen Pässen von der Türkei durch Griechenland, Bulgarien, Rumänien. Alles, was wir noch haben, ist unser Leben", sagt der Mann, der früher Maurer war. Und der, der Fahrer war, sagt: "Ich hatte einen Lastwagen. Jeden Tag Leben gegen Schmiergeld. Vielleicht." Er hat den Lastwagen verkauft und ist geflohen. Dass die Schikanen gegen religiöse Minderheiten zunehmen, bestätigen Menschenrechtsorganisationen. Dass das Leben auch für Muslime gefährlich ist, ebenso. "Ja", sagt Toma, "aber ich denke nur an die Christen."

Christliche Nonnen aus dem Irak sind im August ebenfalls in Zirndorf angekommen. "Bloß die Namen nicht nennen", sagen sie. Ihre Orden seien gefährdet; die Familien dazu. "Meine Mutter", sagt die eine, "lebt noch in Bagdad." Das Geld, um sie herauszuholen, hat niemand. "Auch im Nordirak sind wir nicht mehr sicher." Ihr Orden ist dorthin geflohen. "Glauben Sie, Menschen zahlen 15.000 Dollar, ohne in Gefahr zu sein?"

Am Donnerstag treffen sich die EU-Innenminister, um zu entscheiden, ob die Europäische Union ein Kontingent irakischer Flüchtlinge aufnehmen und dauerhaft ansiedeln will. Von 2.500 Menschen für Deutschland ist nun die Rede. Noch im Frühjahr kursierten großzügigere Zahlen. Da wurde von 30.000 Christen und anderen verfolgten religiösen Minderheiten gesprochen, die aufgenommen werden sollten. Seit dem Besuch des irakischen Ministerpräsident Nuri el Maliki bei Angela Merkel im Juli wird in dieser Frage politische Zurückhaltung geübt. Die Christen würden beim Aufbau des Iraks gebraucht, hat Maliki behauptet. "Wie ein Mann, der sich selbst nicht schützen kann, uns schützen will, sagte er nicht", meint Toma. Er ist enttäuscht, dass humanitäres Denken im Dickicht der Diplomatie verschwindet. "Dabei versprechen wir doch, dass wir aktiv sind, uns integrieren und die Gemeinschaft in Deutschland mitgestalten wollen", fügt Toma hinzu.

Etwa 10.000 irakische Christen leben in Deutschland. Jeden Sonntag reist Peter Patto, ihr religiöses Oberhaupt, von München nach Nürnberg, um in der Sankt-Anton-Kirche eine Messe zu lesen. Eiskalt ist sie am Totensonntag. Der Atem wird als weißer Hauch vor jedem der hundert Besucher sichtbar. Die gesungene Liturgie wärmt kaum.

Seit 30 Jahren ist Patto ein Pfarrer ohne Heimat. 1979 wurde er zum Theologiestudium nach Rom geschickt. Als der Iranisch-irakische Krieg begann, ist er nicht zurück. In Australien, Frankreich, Italien, Österreich war er für Exilgemeinden zuständig. Vor sieben Jahren hat der Patriarch der Chaldäer ihn nach München gesandt.

Nach der Messe verteilt Toma vor der Kirchentür Brot. Pfarrer Patto aber packt in der Sakristei wieder seine Tasche, um weiterzufahren zur nächsten Gemeinde. "Ich bin alles für alle", sagt er. Dolmetscher, Psychiater, Freund, Richter, Sozialarbeiter." Er lebe damit, dass ein Großteil seiner Gemeinde traumatisiert sei. "Der Vater entführt. Der Bruder ermordet. Die Schwester vergewaltigt." Dass die Verfolgung der Christen ihn zornig macht, verhehlt er nicht. "Wir haben vom Islam nie etwas Positives bekommen." Toleranz ja, das sei eine gute Idee, "aber wie viel Toleranz soll ich geben, wenn keine zurückkommt? Wir haben schon tausend Jahre verziehen." Einst lebte Patto und seine Familie im Norden des Irak. Nun ist sie über die Welt verstreut. Der Vatikan möchte, dass die Christen im Irak bleiben. Das interessiert Patto nicht mehr. "Der Vatikan kann uns keine Sicherheit geben."

Am Nachmittag geht eine der geflüchteten Nonnen ins Klinikum Fürth. Auf der Wöchnerinnenstation liegt eine junge Frau mit ihrem Neugeborenen. Zweieinhalb Kilo hat es gewogen bei der Geburt. Neben die Stirn des Kindes hat die Mutter ein Kette mit Kreuz gelegt. Die Nonne beugt sich über das Baby. "Hayati", sagt sie immer wieder. "Hayati, Hayati" - mein Leben.

Die junge Frau war im achten Monat schwanger, als ihr Mann sie an die Grenze brachte und einem Schleuser übergab. "Wegen unserem Kind", sagt die Frau, die im Nordirak als Lehrkrankenschwester arbeitete. Ihr weiches Gesicht wirkt wie in Trance. Langsam erzählt sie von den Schikanen, die sie erlebte. "Verschwinde, sonst bist du tot."

Und die Nonne erzählt von toten Christen, die morgens vor dem Kloster abgelegt wurden. "Jeden Morgen", sagt sie, um zu unterstreichen, wie Bedrohung geschrieben wird. Wer die Täter sind, weiß sie nicht. Sie kommen maskiert. "Früher gab es einen Saddam. Heute gibt es tausende." Dann sagt sie noch: "Alles, was ich sage, ist passiert. Niemand in Europa glaubt es." Da mischt sich die Wöchnerin im Bett nebenan ein. "I believe you", sagt sie, ich glaube Ihnen. "Ich bin aus dem Kosovo. Ich habe Krieg gesehen. Und Gewalt." Doch einen Unterschied gibt es, sagt sie noch. "Ich weiß, wer die Täter sind."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de