Die Finanzkrise und die Medien: Existenzangst in den Redaktionen

Panisch rufen Deutschlands Leitartikler nach größtmöglichen Konjunkturprogrammen. Sie treibt weniger die Sorge ums Gemeinwohl als die Krise in der eigenen Branche.

Stellenstreichung bei Medien: Die Finanzkrise geht viele Journalisten ganz persönlich an. Bild: dpa

Zugegeben, der Umgang der Koalitionsparteien mit der drohenden Wirtschaftskrise überzeugt nicht immer. Wenn CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla just an dem Tag, an dem die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit zum ersten Mal bedrohliche Zahlen über angekündigte Entlassungen vorlegt, die überaus stabile Lage lobt - dann grenzt das an Realsatire. Zumal wenn tags zuvor Kanzlerin Angela Merkel im Bundestag "ein Jahr schlechter Nachrichten" angekündigt hat.

Aber rechtfertigen solche Widersprüche den schrillen Ton, in dem die Mehrzahl der Leitartikler die angebliche Untätigkeit der Regierenden attackiert? "Dass sie sich gegen den geballten Sachverstand stemmen, ist eine Katastrophe", heißt es über Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück. Die Kommentatoren fordern wahlweise niedrigere Steuern, "und zwar sofort", oder ein Konjunkturprogramm, "koste es, was es wolle".

Man wird den Verdacht nicht los, dass der Erregungspegel vor allem deshalb in solche Höhen steigt, weil die Medienbranche am frühesten und schwersten von der Krise betroffen ist. Stellenstopps, Redaktionsfusionen, Etatkürzungen - es gibt kaum noch ein Verlagshaus dieser Republik, das noch kein Sparprogramm verkündet hätte. Statt aber die eigene Geschäftsführung für die oft nur vorgeschobene Krisenpanik zu kritisieren, schlagen die gepeinigten Redakteure lieber auf die politische Klasse ein. Durchschnittsleser, bei denen die Krise noch gar nicht angekommen ist, reiben sich verwundert die Augen.

Der Vorgang erinnert an die letzte Medienkrise, als zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte ein Wirtschaftsabschwung die Medienschaffenden persönlich traf. Hatten sie zuvor das stete Steigen der Arbeitslosenzahlen aus der Perspektive der Redaktionsbeamten routiniert vermeldet, mussten sie nun selbst um den Job fürchten. Damals rief ein renommiertes Feuilleton, das von den Stellenstreichungen besonders stark betroffen war, die Bürger "auf die Barrikaden".

Die Professionalisierung der Ausbildung auf noch so vielen Journalistenschulen konnte nicht verhindern, dass in dem Berufsstand das eigene ökonomische Sein unreflektiert zum Maßstab des allgemeinen Bewusstseins erhoben wird.

So ging das vernichtende Urteil über den Fehlstart der zweiten rot-grünen Regierung 2002 vor allem darauf zurück, dass die Beitragsbemessungsgrenze für die gesetzliche Rentenversicherung drastisch angehoben wurde - und zwar in jene Gehaltsdimensionen hinein, die bei großen Hamburger Nachrichtenmagazinen gezahlt werden. "Ist Ihnen eigentlich klar, wie viele Arbeitsplätze Sie allein mit der Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze vernichten?", musste sich der damalige Bundeskanzler von politischen Redakteuren fragen lassen, die sich mit dem Zustand des Sozialsystems nie zuvor beschäftigt hatten.

Auch in der aktuellen Diskussion sind die Hilferufe oft nicht von großer Sachkenntnis getrübt. Was im Einzelnen getan werden soll und was es konkret nützt, verraten die meisten der Kommentatoren nicht. Es sollen nur so viele Milliarden wie möglich so schnell wie möglich zum Fenster hinausgeworfen werden. Maßstab ist die Geschwindigkeit, mit der im Oktober das Rettungspaket für die Banken beschlossen wurde. Dass es damals um den akuten Zusammenbruch des Finanzsystems ging, jetzt aber um eine chronische Krise der Wirtschaft - das gerät völlig aus dem Blick.

Meist berufen sich die Leitartikler auf Regierungschef anderer Länder, die sich aus innenpolitischer Not in hyperaktive Rettungspläne flüchten müssen. Oder auf die Meinung von Wirtschaftsprofessoren, mit deren Ratschlägen die Politik im zurückliegenden Jahrzehnt nicht immer die besten Erfahrungen gemacht hat. Dass sich die beiden Volksparteien nach dem Empfehlungen stets richteten, ist ihnen jedenfalls nicht gut bekommen.

Auch der Verweis auf die Weimarer Republik, die schon in der Medienkrise vor sechs Jahren als Maßstab wildester Untergangsfantasien herhalten musste, hilft nicht weiter. Zwar ist es unter Historikern und Ökonomen weitgehend Konsens, dass der damalige Reichskanzler Heinrich Brüning mit seiner rigorosen Sparpolitik die Wirtschaftskrise weiter verschärfte. Ob eine kopflose Ausgabenpolitik die Lage aber verbessert hätte, ist damit noch lange nicht bewiesen.

Plötzlich entdecken Leute den Keynesianismus, die noch vor wenigen Jahren jeglichen Staatseingriff ins Wirtschaftsleben strikt abgelehnt hätten. Der große englische Ökonom würde sich allerdings sehr wundern, was heutzutage unter seinem Namen vorgeschlagen wird. Inhalt seiner Theorie war es jedenfalls nicht, einfach irgendwelches Geld für gänzlich beliebige Zwecke auszugeben.

Solche Argumente werden der Regierung aber nicht viel helfen. Um die publizistische Stimmung zu beruhigen, gibt es nur einen Weg: Merkel und Steinbrück müssen ein Rettungspaket für die Medienbranche auflegen, und zwar sofort. Staatlich subventionierte Qualitätszeitungen gibt es schließlich schon in anderen europäischen Ländern, und billiger als allgemeine Steuersenkungen käme eine solche Maßnahme allemal. Die Gefahr, dass Deutschlands Journalisten nur wegen Entlassungen in den Opel-Werken oder bei BASF in wirkliche Panik ausbrechen, ist nach aller historischen Erfahrung minimal.

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