Lance Armstrongs erneutes Comeback: Auf Imagetour

Lance Armstrong kehrt mit 37 noch einmal zurück in den Profiradsport. Die Szene hofft auf gute Geschäfte und setzt ihren letzten Glaubwürdigkeitsrest aufs Spiel.

"Transparentester Athlet aller Zeiten"? Ob das jemand glaubt, hängt auch davon ab, wie erfolgreich Lance Armstrong bei seinem erneuten Comeback sein wird. Bild: ap

Seit ein paar Tagen ist die Hölle los in Adelaide. Am vergangenen Mittwoch ist Lance Armstrong eingeflogen, und seither ist kein Bett mehr frei. Zu Zehntausenden sind Radsportfans und Neugierige ans südliche Ende der besiedelten Welt gereist, um mitzuerleben, wie der siebenfache Tour-Sieger zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren wieder ein professionelles Radrennen fährt - die Tour Down Under, die am Sonntag in Adelaide beginnt.

Der Auftrieb ist nur ein Vorgeschmack auf den Trubel, den Armstrong in den kommenden Monaten verursachen wird, wenn er versucht, bei den großen Rennen in Europa der Nachfolger seiner Nachfolger zu werden. Auch seine schärfsten Kritiker werden es sich nicht verkneifen, die Comeback-Show zu verfolgen. Armstrong bringt Quote, und so wird er dem um sein Überleben ringenden Radsport in finanzieller Hinsicht guttun. Ob er ihm dabei hilft, den Weg zu mehr Glaubwürdigkeit zu finden, ist hingegen eher zweifelhaft. "Armstrongs Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu erregen, ist sicherlich bemerkenswert", sagte etwa Bob Stapleton, Chef des T-Mobile-Nachfolgerennstalls Columbia. "Ich kann nur hoffen, dass er diese Fähigkeit auch sinnvoll einsetzt."

Armstrong selbst behauptet, er habe nur die besten Absichten. Das Comeback diene allein seinem Kampf gegen den Krebs, in dessen Zeichen er seine dritte Laufbahn als Radrennfahrer gestellt hat. Darüber hinaus möchte er als "transparentester Athlet aller Zeiten" antreten, indem er sich einem rigorosen Dopingkontrollprogramm unter dem anerkannten Antidopingforscher Don Catlin unterzieht. So hofft Armstrong nicht nur, den Generalverdacht gegen den Radsports zu widerlegen, sondern auch seine vergangenen Erfolge reinzuwaschen.

Die Legende von der Krebskampagne per Fahrrad mag Armstrong allerdings kaum jemand so recht abkaufen. So fragt der Reporter Samuel Abt vom International Herald Tribune, der die gesamte Karriere Armstrongs begleitet hat, warum Armstrong nicht bei den Rundfahrten von Malaysia oder Burkina Faso startet. Wenn Armstrong tatsächlich die weltweite Aufmerksamkeit für das Krebsthema erhöhen möchte, dann seien doch Australien, Kalifornien und Frankreich nicht eben die Länder, wo er dringend ansetzen muss.

Armstrongs wahre Motivation scheint deutlich weniger altruistisch zu sein. Der einzige kritische Armstrong-Biograf im englischsprachigen Raum, der Amerikaner Daniel Coyle, hat die Theorie, dass Armstrong im Hinblick auf seine geplante politische Karriere dringend sein Image in Amerika aufpolieren muss. "In letzter Zeit war er nur noch seiner Affären mit diversen Starlets wegen in den Medien", so Coyle. Seine sportlichen Erfolge lägen lange zurück, und Armstrongs Name werde im häufiger auch in den USA mit Doping in Verbindung gebracht, zuletzt im Zusammenhang der Berichterstattung über die Dopingskandale im Baseball." David Walsh von der Londoner Sunday Times, der in zwei Büchern die Dopingverdachtsmomente gegen Armstrong zusammengetragen hat, meint dagegen: "Die Tatsache, dass unmittelbar nach seinem letzten Tour-Sieg die positiven Epo-Tests von 1999 entdeckt wurden und er als Mister Tour de France bei ,seinem' Rennen Persona non grata war, hat ihn doch erheblich gewurmt."

Den Stempel als größter Betrüger der Sportgeschichte, den Armstrong in Europa trägt, so Walsh, dürfte Armstrong jedoch nur schwer wieder loswerden. Gewinnt er erneut, werden Fragen nach der Lauterkeit eines so unglaublichen Comebacks mit 37 Jahren auftauchen. Da hilft auch das Selbstkontrollprogramm nicht, dessen Glaubwürdigkeit schon darunter leidet, dass der Tester ein Angestellter Armstrongs ist. Auch ist das so lauthals beworbene Transparenzprojekt ist noch nicht einmal vollends ausgearbeitet und in Betrieb.

Für die Rennveranstalter sind all diese Fragen zweitrangig. So haben die Ausrichter der Tour Down Under aus Mitteln der Provinz South Australia Armstrong Gerüchten zufolge eine Million Dollar Antrittsgeld bezahlt. Die Tour de France hat ihre harte Linie im Dopingkampf aufgeweicht. Behielten sich die Tour-Chefs noch im letzten Jahr vor, niemanden zuzulassen, der ihrem Image schaden könnte, gaben sie angesichts Armstrongs angekündigter Teilnahme bekannt, es gebe keine formalen Gründe, die gegen ihn sprächen.

Zudem kooperiert die Tour wieder mit dem Weltradsportverband UCI, den sie jahrelang als zu nachlässig in der Dopingbekämpfung kritisierte und für viele der Skandale seit 2006 verantwortlich machte. In Paris denkt man hauptsächlich ans Geschäft. Jede Publicity scheint dem bedrängten Sport lieber zu sein, als gar keine oder zu wenig.

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