Unwort des Jahres 2008

Vom Täter zum Opfer

"Notleidende Banken" ist das Unwort des Jahres 2008. Es stellt Ursachen und Folgen der Finanzkrise auf den Kopf, sagt die Jury. Und es verhindert eine dringende notwendige Sachdiskussion.

Die Banken-Skyline von Frankfurt am Main. Bild: ap

Wenig originell, aber berechtigt: Zum Unwort des Jahres 2008 ist gestern die Formulierung "notleidende Banken" gekürt worden. Über 2.000 Einsender hatten der aus vier Sprachwissenschaftlern und dem Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen, Sergej Lichthofen, bestehenden Jury Vorschläge unterbreitet.

In ihrer Begründung schreibt die Jury, die Formulierung "notleidende Banken" stelle "das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf". Während die Volkswirtschaften und ihre Steuerzahler für die Folgen der Krise aufkommen müssten, würden die Urheber der Krise, die Banken, "zu Opfern stilisiert".

Die Formulierung "notleidende Banken" ist an sich schon ein abenteuerliches Konstrukt. Not leiden erst einmal nicht Institutionen, sondern Lebewesen. Wir sprechen von "Katastrophenhilfe für notleidende Erdbebenopfer", Menschen "in materieller oder auch seelischer Not", vielleicht gerade noch von "notleidenden Tieren" - aber bestimmt nicht von notleidenden Institutionen. Die Banken werden mit einer solchen Formulierung ohne Grund personalisiert.

Zudem haben sich diese Institutionen ihre "Notlage" selbst eingebrockt und wecken daher nicht gerade das Mitleid, das der Begriff doppelt suggeriert: Die Banken sind nicht nur in Not, sondern leiden auch noch. Die Wortkombination würde auf Arbeitslose und Hausverlierer wahrscheinlich besser passen.

Das frisch gekürte Unwort des Jahres 2009 ist aber vor allem das Symptom einer emotionalen und moralisierenden Debatte über die Finanzkrise, die im schlechtesten Fall überhaupt nichts am bestehenden Bankensystem verändern wird.

Bundespräsident Horst Köhler zum Beispiel sprach Ende November bei der Eröffnung des europäischen Bankenkongresses von "sorgfältiger Ursachenanalyse", nur um einige Absätze später zu sagen: "Besinnen Sie sich wieder auf die Tugenden des soliden Bankiers - und ich sage bewusst Bankiers und nicht Banker." Bundeskanzlerin Merkel zitierte wenige Tage später Ludwig Erhards Weg von "Maß und Mitte" aus den 50er-Jahren als Vorbild für moderne Finanzpolitik. Und die SPD, die es als selbstverständlich ansieht, Hedgefonds generell als "Heuschrecken" zu bezeichnen, wetterte wieder mal gegen überhöhte Gehälter in Banken und Unternehmen. Mit Aussagen wie diesen führen Politiker eine emotionale und damit unpolitische Debatte. Ihre Aufgabe wäre es nicht, von den "notleidenden Banken" mehr Moral einzufordern, sondern ihre gesetzgebende Macht dazu zu nutzen, Banken klug zu regulieren.

Konstruktiv wäre eine Diskussion um die Ursachen der Finanzkrise und vor allem darüber, was der Gesetzgeber und die Banken für eine nachhaltige Veränderung tun müssen. Dabei geht es um ganz praktische Fragen: An der Börse werden Unternehmen für kurzfristige Erfolge eher belohnt als für langfristig richtige Entscheidungen - wie kann man diese Situation umdrehen? Wie kann man die Unternehmensbewertungen von Rating-Agenturen, die etwa dem Betrüger Bernie Madoff volle Glaubwürdigkeit bescheinigten, in Zukunft härter überprüfen? Sollen Finanzprodukte wie Derivate und Spekulationen auf Unternehmensverluste eingeschränkt werden? Und wie kann man verhindern, dass Aufsichtsratsmitglieder durch Karrieroptionen korrumpiert werden?

Darüber sollten Politiker mit Finanzmarktexperten diskutieren, anstatt sich mit emotionalen Begriffen wie "notleidenden Banken" vor den wirklichen Entscheidungen zu drücken. Sonst droht das Unwort des Jahres 2009 "armes Deutschland" zu lauten.

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