US-Ökonom Roubini über die Finanzkrise: "Die Realität wird weggedrückt"

Mit seinen Warnungen vor der Finanzkrise ist der US-Ökonom Nouriel Roubini lange nicht ernst genommen worden. Nun kritisiert er in Davos die "kollektive Selbsttäuschung".

In Davos suchen Wirtschaftsminister nach Wegen aus der Finanzkrise. Bild: dpa

taz: Herr Roubini, an die große Finanzkrise wollte beim Weltwirtschaftsforum 2008 kaum jemand glauben. Warum nicht?

Nouriel Roubini: Das war schon 2007 so. Als ich damals vor der Finanzkrise warnte, wollte es niemand hören. Später, als die Krise da war, glaubten die Leute, sie werde nur kurz dauern und sei einfach zu überwinden.

War dafür das Meinungskartell aus Wirtschaft, Politik und Medien verantwortlich?

Einerseits ja. Die Leute an der Wallstreet wollten die Krise nicht herbeireden. Sie verdienten gut an ihren neuen Produkten. Andererseits ist es komplizierter. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass ökonomische Modelle die Entwicklungen nur fortschreiben, nicht aber die Wendepunkte vorhersagen können. Die Menschen glauben zudem, dass die Dinge immer so weitergehen wie bisher - nur weil sie eine Zeit lang so waren. Das Ergebnis ist eine kollektive Selbsttäuschung.

Der Finanzhistoriker Niall Ferguson glaubt, dass der westlichen Welt ein "verlorenes Jahrzehnt" mit allgemein niedrigem Wachstum droht. Wie lange kann die Krise dauern?

Es gibt zwei Szenarien. Das erste sieht aus wie der Buchstabe U. Auf zwei Jahre schwere Krise folgt 2010 eine schwache Erholung. Allerdings sehe ich eine Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent, dass es eher zu einer L-Kurve kommt. Dem Abschwung könnte eine lange Depression folgen, die mit der japanischen Erfahrung vergleichbar wäre.

Was halten Sie von der Hypothese einer "großen Repression", die Ferguson in Anlehnung an die große Depression der 1930er Jahre formuliert?

Da ist was dran. Viele Menschen hängen dem Glauben an, wir könnten uns schnell am Schopf aus dem Sumpf ziehen. In diesem Sinne kann man davon sprechen, dass die Realität weggedrückt wird. Wir müssen einkalkulieren, dass die keynesianische Nachfragepolitik, die Rettungspakete und Investitionsprogramme möglicherweise keine entscheidende Verbesserung bewirken.

Globalisierungskritiker haben am Donnerstagvormittag die Zufahrt zum Weltwirtschaftsforum in Davos gesperrt. Mitglieder der Gruppe "Erklärung von Bern/Public Eye" hätten ein Transparent mit der Aufschrift "Mr Obama, regulate corporations now" über der Straße angebracht, erklärte ein Sprecher der Gruppe.

An der Aktion nahmen 25 Aktivisten teil. Die Polizei leitete den Verkehr um. Die Globalisierungskritiker protestieren mit ihrer Aktion gegen das World Economic Forum in Davos, bei dem 2.500 Spitzenpolitiker und Manager unter dem Motto "Shaping the Post-Crisis World" über Lösungen für die Finanzkrise diskutieren.

Nouriel Roubini, 50, ist Professor an der New York University, Finanzmarktanalyst und früherer Berater von Bill Clinton.

Woran könnte die antizyklische Politik scheitern?

Keynes hat seine Thesen in den Zeiten des Nationalstaates entwickelt. Heute sind die nationalen Märkte zum Weltmarkt zusammengewachsen. Jetzt kaufen die Konsumenten mit nationalen Rettungsmilliarden auch ausländische Produkte. Ein Teil der Anstrengungen verpufft wirkungslos, wenn die Staaten ihre Maßnahmen nicht koordinieren.

Industrie- und Schwellenländer wollen mehrere Billionen für Rettungspakete ausgeben. Was passiert, wenn sich die Regierungen diese Summen auf leihen müssen?

Ersparnisse und Vermögen sind in der Krise dahingeschmolzen. Ich habe deshalb Angst, dass die öffentliche Schuldenaufnahme in den USA, Europa und Japan auf eine zu geringe Finanzierungsbereitschaft der Märkte trifft. Das könnte die Zinsen in die Höhe treiben und die beginnende Erholung erschweren.

Schweben auch reiche Industrieländer wie Deutschland, Japan oder die USA in der Gefahr des Staatsbankrotts?

Nein, denn dort halten sich die Schulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung einigermaßen in Grenzen. Aber für kleine Staaten wie Island, Irland, Griechenland oder sogar die Schweiz könnte dieser Fall durchaus eintreten.

Sollte man den Internationalen Währungsfonds mit der Aufsicht über die Banken und Investoren betrauen?

Wenn der IWF ausreichend ausgestattet wird und unabhängig genug ist, könnte das klappen. Aber es reicht nicht, eine internationale Aufsichtsbehörde zu gründen und schöne Reporte zu schreiben, die keiner liest. Wir brauchen auch Institutionen, die Sanktionen durchsetzen.

Welche internationale Institution hat diese Macht?

Die Regierungen müssen ein Basel-III-Abkommen mit bindenden Regeln für die Banken beschließen. Durchsetzen können diese Regeln vorläufig nur die nationalen Kontrollbehörden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de