Debatte Währungsspekulation: Das Spiel geht weiter

Wenn die Währungsspekulation zusammenbricht, steht uns die nächste Krise bevor. Daher brauchen wir internationale Regeln für ein globales Währungssystem.

Wieder traf sich in Davos, was Rang und Namen in Politik und Wirtschaftswissenschaft hat - ein Gremium, das noch vor wenigen Jahren die Liberalisierung der internationalen Kapitalmärkte gefeiert und die damit verbundenen Risiken komplett übersehen hat. Hat man dazugelernt? Wird als Antwort auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise endlich auch global kooperiert und reguliert, oder bleibt es bei vagen Absichtserklärungen? Sicher, es gibt Finanzmarktbereiche, in denen jedes Land seinen Laden selbst in Ordnung bringen muss, ganz gleich, was die anderen machen. Wer, wie viele Länder in Europa, nie eine laxe Kreditvergabe beim Immobilienmarkt hatte, sondern auf alte Art immer sorgfältig geprüft hat, ob die Häuslebauer solvent sind, muss auf diesem Gebiet nicht nachbessern.

Bei den Fragen aber, wie man in Zukunft mit Spekulationsgeschäften der Banken umgeht, ob man Hedgefonds zulässt oder welche Rolle Ratingagenturen spielen, sind allein nationale Antworten nicht mehr angemessen. Wenn etwa die Banken in dem einen Land weiter in großem Stil Eigengeschäfte machen dürfen, also mit eigenem und geliehenem Geld zocken können, in anderen Ländern aber nicht, schafft das kurzfristige Wettbewerbsverzerrungen, die zu neuen Verwerfungen im internationalen Finanzsystem führen.

Die Gier wird viele Anleger wieder dazu verleiten, ihr Geld in extrem riskante Geschäfte zu stecken, wenn nur irgendeine Agentur gegen ordentliche Bezahlung verkündet, die Risiken seien ganz gering und die Erträge gewaltig. Auf diese Weise würden solide arbeitende Banken und Finanzinvestoren vom Markt verdrängt, weil sie bei den kurzfristigen Traumrenditen der zockenden Institute nicht mithalten können - und Letztere müssten am Ende, wenn die Spekulation in sich zusammenbricht, wieder vom Staat gerettet werden. Denn - das führt die Krise klar vor Augen - für eine monetäre Marktwirtschaft ist ein funktionierendes Kreditwesen unabdingbar. Es hat insofern den Charakter eines öffentlichen Gutes. Deshalb hat der Staat keine Wahl: Er kann keinen Kollaps des Finanzsystems zulassen, egal wer ihn ausgelöst hat.

Dieser Zusammenhang war und ist den Zockern bekannt, und sie haben ihn weidlich ausgenutzt. Gerade deswegen darf jetzt keine Sozialisierung der Verluste - zum Beispiel durch eine Bad Bank oder verschiedene kleine Sonderfonds - erfolgen, ohne dass alle Tore zur Spielwiese des globalen Kasinos geschlossen werden, und zwar von jedem Land. Anderenfalls geht das Spiel weiter. Eine lediglich nationale strenge Regulierung der Finanzmärkte schützt ein international Handel treibendes Land nicht generell vor einer Finanzkrise, die ihren Ausgang anderswo genommen hat. Das gilt umso mehr, wenn, wie in den letzten zehn Jahren, große Ungleichgewichte in Form von Schuldner- und Gläubigerpositionen zwischen ganzen Staaten aufgebaut worden sind.

Hier zeigt sich das Fehlen jeder internationalen Koordination ausgerechnet in genuin internationalen Bereichen am deutlichsten. Denn solche Ungleichgewichte wurden durch das Fehlen eines weltweiten Währungssystems geradezu provoziert. Nach dem Platzen der Blasen an einigen Häusermärkten und mindestens ebenso großer Blasen an den Rohstoffmärkten steht uns mit dem Zusammenbruch der Währungsspekulation noch Schlimmes bevor: Einige Länder, vor allem in Osteuropa, beharren auf absolut unhaltbaren Währungsverhältnissen, und in der Europäischen Währungsunion schlummert wegen der alles erschlagenden deutschen Wettbewerbsfähigkeit ein enormes Konfliktpotenzial. Doch das spricht sich an den Märkten wieder einmal schneller herum als in den Schaltzentralen der Macht. Dort wird man erneut den Scherbenhaufen besichtigen, statt das internationale Finanzgefüge jetzt vorausschauend, so gut es noch gehen mag, abzufedern.

Ein Beispiel: Gerade hat der neue amerikanische Finanzminister der chinesischen Regierung "Manipulation" der Währung in Richtung Unterbewertung vorgeworfen, die darauf abziele, chinesische Handelsbilanzüberschüsse zu zementieren, und damit den USA den Defizitabbau erschwere. Was er zu erwähnen vergaß: Die USA und die anderen Industrienationen haben die Entwicklungsländer seit Anfang der 90er-Jahre zu einer raschen Öffnung ihrer Kapitalmärkte gedrängt, ohne ihnen ein funktionsfähiges globales Währungssystem anzubieten. Wie kann man einem Land freien Kapitalverkehr empfehlen, wenn sich sein Wechselkurs - das ist der internationale Wert seines Geldes und damit der wichtigste Preis für seinen internationalen Handel - dank internationaler Spekulanten in völlig unberechenbarer Weise entwickeln kann? Unkoordiniert wählten die Entwicklungsländer die verschiedensten und oft vollkommen ungeeignete Währungsordnungen: von Dollarisierung bis weitgehend sich selbst überlassenem Devisenmarkt. Als relativ sicher erwies sich nur eine Variante, nämlich den Wechselkurs durch Zentralbankinterventionen auf einem unterbewerteten Niveau zu stabilisieren. Dann muss man in Krisenzeiten keine Abwertung fürchten. Das ist die in Asien verbreitete Variante, die jetzt so heftig kritisiert wird.

Aber die Industrieländer müssen sich auch an die eigene Nase fassen. Die Schweiz und Japan etwa haben in den letzten Jahren dadurch ihre Wettbewerbsposition drastisch verbessert, dass sie eine deutliche Abwertung ihrer Währungen zuließen, obwohl sie niedrige Inflationsraten und riesige Überschüsse im Außenhandel aufwiesen. Den Vogel abgeschossen aber hat Deutschland, das, hinter den Mauern des Euroraums versteckt, mit einer Lohnsenkungsstrategie seine internationale Position in wenigen Jahren so sehr zu Lasten seiner Handelspartner ausgebaut hat, dass es fast den chinesischen Überschuss erreichte.

Das alles muss man angehen, um zu verhindern, dass aus dem tiefen globalen Einbruch eine andauernde weltweite Talfahrt wird. Wir brauchen konstruktive Vorschläge, wie man vermeidet, dass immer mehr Länder, von den Finanzmärkten getrieben und weil Hilfe ausbleibt, in Panik ihre Wechselkurse dem freien Fall überlassen. Zwar wird Bretton Woods, das globale Währungssystem der zwei Jahrzehnte nach dem Krieg, gelegentlich aus der Schublade geholt; doch die Konsequenz daraus, dass man nämlich nicht einfach Standortwettbewerb treiben und Überschüsse zu Lasten anderer erzielen darf, die bleibt in der Schublade. Wenn wir nicht endgültig Schluss machen mit der Vorstellung von einer globalisierten Wirtschaft, in der jeder machen darf, was ihm passt, werden wir die Krise nie überwinden. Nach der Asienkrise war großspurig von der Notwendigkeit einer neuen internationalen Finanzarchitektur die Rede. Nicht einmal ein paar Steine wurden aufeinandergebaut, und die neue Krise ist zehnmal schlimmer. In Davos stehen Sanatorien, aber nicht für die Weltwirtschaft. HEINER FLASSBECK

FRIEDERIKE SPIECKER

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