Run auf die Discounter in den USA

"Wir haben es übertrieben"

Auch in den USA sind Billiganbieter wie Aldi und McDonalds auf Erfolgskurs. Die Lebensmittelpreise steigen, die Verbraucher geben weniger aus.

Müssen ihr Geld zusammenhalten: Supermarkt-Kunden in Lawrenceville, New Jersey. Bild: ap

Das mit Aldi in den USA ist ganz einfach: "Es ist das Beste!! Eleatia Goines, 33, hat die Rückbank ihres alten Ford bis unters Dach vollgepackt mit Aldi-Tüten. Die Versicherungsangestellte aus District Heights, einer bescheidenen Vorstadtsiedlung der US-Hauptstadt Washington, fährt einmal die Woche zu dem unscheinbaren Flachdachbau. Hier bietet Aldi sein übersichtliches Warensortiment auf Paletten und in Kartons an, wie in Deutschland auch. Selbst die Beschilderung und die Reihenfolge der Warengruppen, erst Süßigkeiten, zum Schluss Waschmittel, zumeist aus Aldi-eigener Zentrale in Illinois, sind wiedererkennbar. Aldi USA wirbt mit deutlich schnellerem Auschecken an der Kasse als in sonstigen Supermärkten, aber die Preise kennen die US-Kassiererinnen, anders als ihre deutschen Kolleginnen, nicht auswendig.

Trotz des frühen Nachmittags drängeln sich die Einkaufenden zwischen den Reihen, man kennt sich. Hier ist das schwarze Washington zu Hause und hält Schwätzchen. Eleatia Goines besorgt wie jede Woche alles, was ihre vierköpfige Familie wegmampft. Snacks für die Kids, Wurst und Fleisch, Obst und jede Menge Tiefkühlpizzen. "Die haben sogar gute Kleidung, gerade für die Kleinen, und immer mal wieder etwas im Angebot."

Goines ist voll des Lobes. "Die Produkte schmecken einfach. Diese neue Spaghettisoße, meine Kinder sind verrückt danach." Zu den anderen Discountern, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu Aldi mitten in dieser trostlosen Shopping-mall-Siedlung liegen, geht sie gar nicht mehr, seitdem Aldi vor zwei Jahren nach District Heights kam. Goines, eine Frau, die rechnen muss, wenn sie über den Monat kommen will, ist sicher, dass ihr heutiger 149-Dollar-Einkauf bei Safeway oder Shoppers Foodwarehouse oder wie sie alle heißen leicht ein Drittel mehr gekostet hätte. "Aldi entspricht einfach meinem Budgetlimit", pflichtet ihr Monica Moore, 40, Mutter von vier Kindern, bei. Moore, die im lokalen Schulrat arbeitet und dort den Kantineneinkauf koordiniert, hat gerade für 180 Dollar eingekauft und hat "mal wieder viel gespart", wie sie zufrieden sagt. Wie viele andere Einkäufer an diesem Nachmittag hält auch Monica mehrere Zettel in der Hand, Sonderangebotsbroschüren aller Discounter der Gegend, und vergleicht sorgfältig die Preise für Milch, Spareribs und Brathähnchen. "Aldi ist fast immer billiger - und besser", sagt Moore. Auch sie besorgt eigentlich nur noch hier ihre Einkäufe.

Draußen vor dem Eingang parkt gerade ein Mann in den 40ern einen silbernen Rolls-Royce. Schnurstracks geht er auf das Wurstregal zu und packt einige Familienpackungen Grillware in seinen Einkaufswagen. Warum er bei Aldi einkauft? "Jungsabend", murmelt er nur und will nicht weiter antworten. "Alle unserer Freunde kommen jetzt hierher", sagt die Rentnerin Yvonne Brown. "Unsere Renten sind knapp, die Bankkonten sind geschmolzen. Wer weiß, was die Krise noch so bringt. Da wollen wir so wenig wie möglich ausgeben und trotzdem gesund essen", sagt die ehemalige Lehrerin. Sie findet allerdings, dass Aldi noch viel mehr gesundes Essen anbieten könnte, denn sie und ihr Mann Alexander sind Herzpatienten. "Wir haben es früher übertrieben mit dem Zucker und dem Salz, glaube ich."

"Die USA müssen den Gürtel enger schnallen", titelten kürzlich die US-Branchenblätter. Denn die Lebensmittelpreise steigen und steigen, für 2009 wird eine Erhöhung um bis zu 4Prozent erwartet. Restaurants, Gourmet-Shops und selbst die allgegenwärtigen Ketten sind vielerorts gähnend leer, während die US-Bürger zu Hause ihre Dollars zusammenrechnen, die ihnen monatlich nach Hauskreditzinsen, Krankenversicherungen und Schulgeld noch für Lebensmittel bleiben. Auch gut verdienende Akademikerfamilien denken neuerdings über ihr Kaufverhalten nach.

Susanne Freytag, Dozentin für Deutsch an der Duke-Universität in Durham, North Carolina, entschied sich am Donnerstag auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, nicht wie sonst schnell noch einmal im kleinen Biosupermarkt einzukaufen. "Wenn ich genau nachdenke, haben wir in unsererm riesigen Kühlschrank genug für vier Mahlzeiten", sagt sie, nach ihren neuen Einkaufsstrategie befragt. "Wir Amerikaner haben es immer übertrieben. Schuld sind diese riesigen Kühlschränke", meint sie. Jetzt will sie weniger kaufen und das Gekaufte zunächst aufessen, bevor es etwas Neues gibt.

Große Gewinner der Rezession in den USA sind Billigstanbieter wie eben Aldi und die Hamburgerkette McDonalds. Der Burgerbräter hatte bereits im vergangenen Jahr, als von einer Krise noch keine Rede war, einige Produkte für genau einen Dollar angeboten, als andere Imbissketten und Supermärkte die Ölpreissteigerungen noch munter an die Endverbraucher weiterreichten. Diese Sparstrategie hat McDonalds im Januar einen fetten Gewinn von knapp 8 Prozent beschert, als Einzigem in der Lebensmittelbranche weit und breit, denn vielen US-Amerikanern erscheint ein Hamburger-Menü für rund 7 Dollar nun wieder als attraktives Angbeot.

Schwer angeschlagen sind hingegen Ketten wie Starbucks, die überteuerte Produkte anbieten. 4 Dollar für einen Pappbecher Milchkaffee? Nein, sagen sich viele Kaffee-Afficionados und brauen wieder selbst. Starbucks kündigte als Gegenmaßnahme diese Woche an, den Starbucks-Nescafé demnächst für nur noch 2,95 Dollar anzubieten, in der Hoffnung, der Kunde wolle nur einfach weniger zahlen, egal was das Produkt wert ist.

Im Dezember sanken die Ausgaben der US-Bürger für Lebensmittel um 1 Prozent. Das mag klingen, als sei es nicht viel. Doch das US-Handelsministerium war nach Bekanntwerden der Zahl in heller Aufregung. Seit sechs Monaten fallen in den USA die Ausgaben für Lebensmittel- und Verbrauchsgüter - etwas Ähnliches hat das Handelsministerium seit Beginn der Aufzeichnung des Konsumverhaltens der USA im Jahr 1959 noch nie beobachtet. Ein Amerika, das weniger ausgibt und weniger isst, bereitet den Administratoren in Washington schon jetzt arge Bauchschmerzen.

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