Training trainieren in Spanien: Passen bis zum Exzess

Wird in der Bundesliga falsch trainiert? Ein Nachwuchstrainer des TSV 1860 München erkundet in Barcelona die Welt des schnellen Kurzpass-Spiels und ist erstaunt über das, was er sieht.

Ringel, Ringel, Reihe... Die Kicker des FC Barcelona beim Training. Bild: ap

Im Kalender des spanischen Erstligisten FC Getafe folgt auf Dienstag gelegentlich Donnerstag. "Jedes Mal, wenn der Trainer zweimal Training am Tag ansetzt, was sowieso nur in Ausnahmefällen mittwochs geschieht, wird der Tag von den Spielern unter großem Geheule durchgestrichen", erzählt lächelnd Eugen Polanski, Kapitän der deutschen Juniorennationalelf und Stammkraft in Getafes Mittelfeld. Einmal hat Polanski den Kollegen erklärt, dass in Deutschland zweimal Üben am Tag nichts Besonderes sei, in manchen Wochen hätten sie früher in Mönchengladbach sogar zweimal ganz ohne Ball trainiert. Hartes Lauftraining kennen sie in Getafe gar nicht. Die Spanier sahen ihn an, als hätten sie es schon immer geahnt: Die Deutschen lieben den Schmerz.

Traditionell härter wird in der Bundesliga trainiert, in den jüngsten Jahre jedoch glaubten die deutschen Vereine zu Recht, mit allerhand wissenschaftlicher Trainingshilfe sogar differenzierter als die erfolgreichen Spanier zu arbeiten. Da waren viele in der Liga gekränkt von der Kritik des Bundestrainers Joachim Löw, der deutsche Fußball müsse von den spanischen Europameistern schneller und präziser passen lernen. Es gab die übliche öffentliche Aufregung, und nur eine kleine Frage wurde in dem Palaver vergessen: Schulen die Spanier das Passen denn nun besser oder nicht?

An einem frischen Frühlingsabend steht Ernst Tanner auf dem Sporgelände des FC Barcelona und lässt sich das Chaos zeigen. Tanner, Leiter des Nachwuchszentrums des TSV 1860 München, ist ein besonderer Ausbilder, vier seiner Lehrlinge wurde unlängst Jugend-Europameister, nun ist er eine Woche hier, um das Training von Barcelonas zwei Erstligisten zu studieren. "Das Chaos" heißt die Trainingsübung, die ihm Albert Benaiges, sein Kollege von Barça, gerade vorführt: Ein Jugendteam spielt mit acht Bällen gleichzeitig auf ein Tor; acht Duelle eins gegen eins, "damit wollen wir den Straßenfußball imitieren", sagt Benaiges: "Sie müssen aus den Augenwinkeln immer darauf achten, nicht mit anderen Spielern zusammenzustoßen."

Am Ende der Woche findet Tanner etwas "extrem auffällig: Bis zum Exzess machen die hier kleine Spielübungen auf engstem Raum, etwa vier gegen vier mit drei variablen Spielern." Es sind Übungen, bei denen nur gepasst und permanent blitzschnell zwischen Angriff und Verteidigung gewechselt wird. Es sind die entscheidenden Handlungen des heutigen Spitzenfußballs: Defensiv exzellent organisiert sind viele, aber es gewinnen die, die mit dem schnellen, präzisen Pass den kürzesten Moment taktischer Unordnung ausnutzen können. In Spanien nimmt dieses Passen auf engstem Raum bei hohem Tempo bei sehr vielen Erstligisten gut ein Drittel der Trainingszeit ein - jeden Tag. "In Deutschland", sagt Tanner, "gibt es diesen Schwerpunkt im Profibereich bei kaum einem Trainer, und wenn Passen einmal trainiert wird, dann zu oft im stupiden Hin- und Herspielen, was dich nicht auf das Wettkampftempo vorbereitet."

Profitrainer leben meist im Glauben, sie hätten wenig Zeit, die Spieler technisch noch weiterzubilden; sie müssten eher Fitness und Taktik trainieren. In der Bundesliga wird auf diesen beiden Gebieten viel gearbeitet, was Polanski gerne bestätigt: "Früher in Gladbach musste ich im Spiel den Gegner am Ball oft nur links blockieren, weil ich rechts einen Kollegen neben mir wusste, in Spanien dagegen bin ich in Zweikämpfen ständig allein und frage mich: Wo sind jetzt die anderen, machen die Kaffeeklatsch oder was?" Doch wer einmal in Frankfurt oder Hannover erlebt, wie die defensive Kompaktheit eingepaukt wird, fragt sich: Was lernt da ein 20-Jähriger, außer taktisch richtig zu stehen? Es geht nicht darum, das deutsche Training radikal zu verändern, sondern darum, dem Aspekt des Ballspielens mehr Raum zu gewähren.

Abends im Flutlicht von Barcelona entdeckt Tanner entzückt eine weitere Passübung: "Die muss ich meinen Jugendtrainern zeigen!" Ausbilder wie er, wach und kompetent, bescheren dem deutschen Fußball Talente. Es wird nur wie immer einige Jahre dauern, bis Etliches von der Methodik der Nachwuchstrainer in die Bundesliga dringt. Eine erste Sternstunde des neuen deutschen Fußballs erlebt Ernst Tanner schon beim legendären Barça: Albert Benaiges, der Chef jener Talentschule, die Messi, Xavi und Iniesta herausbrachte, dirigiert ein Jugendtraining und trägt dabei Tanners Gastgeschenk, ein Trikot von 1860.

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