Kolumne Das Schlagloch

"Wir sind der Schwanz Europas"

In der bulgarischen Provinz definiert die Mafia, was Demokratie und Kapitalismus sind.

Seine persönliche schwarze Liste umfasst 50 Positionen: Sein Strom und Wasser wurden für 6 Monate gesperrt. Seine Hunde vergiftet, die Kadaver in seinen Räumlichkeiten verteilt. Seine Handwerker von Schlägerbanden eingeschüchtert. Sein Eigentum immer wieder zerstört. Seine Frau mit dem Revolver bedroht. Verhaftungen, Strafgelder, Prozesse - eine schier endlose Aufzählung von verbalen und physischen Schikanen durch Polizei, Gerichte und Kampftrupps. Viele andere hätten längst aufgegeben. Er aber sitzt in seinem Haus auf dem höchsten Hügel der Gegend - weit oben, wo der Himmel auch von den Lebenden bewohnt wird, wie der Volksmund sagt -, starrt über das Karstgebirge und sinnt nach Gerechtigkeit.

Hassan Tahiroff wollte nur Geschäfte machen. Nichts weiter. War denn die freie Marktwirtschaft nicht eingeführt worden, waren denn Investitionen nicht erwünscht und Privatinitiative nicht gefragt? Hassan Tahiroff hatte keinerlei politischen Ambitionen und keine alten Rechnungen zu begleichen. Er wollte nur Geschäfte machen, auf seine Weise, ohne Korruption und ohne Privilegien. Doch Hassan Tahiroff fiel unter die Wölfe. Sein Fall ist ein eindringlicher Beweis, dass in der bulgarischen Provinz - genauer gesagt in den Rhodopen, nichts gedeihen darf, was sich nicht der oligarchischen Mafia vor Ort fügt, was nicht völlig unter ihrer Kontrolle ist.

Dabei hatte alles gut angefangen: Hassan Tahiroff kehrte 1998 aus seinem Exil in Schweden in seine Heimat zurück (er war Anfang der 70er-Jahre zu Fuß aus dem kommunistischen Bulgarien geflohen). Er hatte in Malmö als Betreiber eines Cafés und mehrerer Supermärkte reüssiert. Er verfügte über Geld und Zeit und guten Willen. Er wollte etwas für sein Heimatdorf Fotinovo und die ganze Region tun, ein verständlicher Entschluss, wenn man die Armut in diesem Teil Bulgariens erlebt hat. Als türkischer Bulgare orientierte er sich gleich an der Partei der türkischen Minderheit namens DPS (Bewegung für Rechte und Freiheit), die seit Anfang der 90er-Jahre ein politisches Monopol in dieser Gegend besitzt.

Die türkische Minderheit war in den letzten Jahren der kommunistischen Ära unterdrückt worden - die Namen wurden zwangsweise bulgarisiert, die Gräber zerstört, die Moscheen und Schulen geschlossen und schließlich wurden über 300.000 Menschen aus dem Land gejagt, alles was sie besaßen, mussten sie zurücklassen. Die DPS, seit 2001 Zünglein an der nationalen Koalitionswaage, vertritt angeblich die Interessen dieser Minderheit, rührt aber weder an alte Wunden, noch besitzt sie ein Programm, das über die Bereicherung der eigenen Bonzen hinausgeht.

Doch ohne Unterstützung dieser Partei läuft in der Bezirksstadt Kardschali nichts, das wusste Hassan, und so traf er sich mit dem Parteivorsitzenden, Ahmet Dogan, einst ein wichtiger Spitzel für die bulgarische Stasi, heute einer der mächtigen Oligarchen im Land. Der Vorschlag von Hassan bei diesem Gespräch: mitten in der Stadt Kardschali in einem leerstehenden Gebäude einen Komplex aufzubauen, der ein internationales Businesszentrum, ein Café sowie ein Parteibüro der DPS beherbergen sollte. Als Gegenleistung verlangte er eine Baugenehmigung und die Garantie, dass ihm keine Knüppel zwischen die Beine geworfen werden würden. Ahmet Dogan dürfte der Vorschlag gefallen haben, sieht er doch seine eigene öffentliche Aufgabe sehr pragmatisch: "Das Leben besteht aus Business. Wer nicht weiß, wie das geht, der soll zu mir kommen, dem bringe ich es bei."

Bei so einem Lehrgang lautet die erste Lektion vielleicht: Think Big. "Kannst du gebrauchte Kranken- und Müllwagen besorgen?", fragte Ahmet Dogan beim nächsten Treffen (denn gerade war das Gesetz eingeführt worden, jede Gemeinde müsse je Sorte mindestens ein Exemplar besitzen). Hassan, der mit einem großen schwedischen Auto- und Schwermaschinenhändler befreundet ist, bejahte und bezifferte den Stückpreis mit etwa 5.000 beziehungsweise 10.000 Euro. "Wunderbar", fuhr Dogan fort, "wir werden einige hundert davon brauchen. Und du wirst uns eine Rechnung über 20.000 Euro ausstellen, davon fallen 2.500 Euro für dich ab." Hassan lehnte das Angebot ab. "Ich kann doch nicht mein eigenes Volk betrügen, eines Tages werde ich mich dafür verantworten müssen, wenn man eine Tür aufmacht, müssen weitere aufgehen, die Sache findet kein Ende." Das hätte er besser nicht getan.

Bald darauf begann die heiße Wahlkampfphase. Das Café von Hassan diente der DPS als Wahlkampfbüro. Ungezählte Plastiktüten mit Geld wurden herbeigeschleppt. Manchmal wurde eine prallvolle Tüte unter dem Tisch vergessen, die am nächsten Tag erstaunlicherweise keiner vermisste. Wähler wurden in Bussen aus der Türkei herbeigekarrt, Arbeiter, die von ihren Fabriken abgeholt wurden und später nachweisen mussten, dass sie gestimmt hatten, wollten sie nicht ihren Arbeitsplatz verlieren. Manche von ihnen wurden beim Rücktransport vergessen, sie saßen verzweifelt in dem Café von Hassan und wussten nicht, wie sie ohne Geld nach Hause kommen sollten. Hassan kaufte ihnen Busfahrscheine. Die Wählerlisten wurden so frisiert, dass es bei den Wahlen keine Überraschungen geben konnte. Hassan, der in seinem ganzen Leben nicht zur Wahl gegangen ist, fand sich als eifriger Wähler in den Listen wider. Die DPS gewann diese wie jede andere Wahl in diesem Bezirk auch. Alles das war unmöglich ohne Duldung der staatlichen Organe.

Hassan kann nicht den genauen Zeitpunkt benennen, an dem er zum Feind der DPS erklärt wurde - lag es an einer Verweigerung hier, an einem kritischen Wort dort? Systematisch wurde sein Komplex mit dem optimistischen Namen "Raketa" zerstört und Hassan schließlich vor Gericht in einem Prozess mit gefälschten Beweisen und gekauften Zeugen entrissen, für einen Bruchteil seines Wertes. Ebenso wurde eine ehemalige geologische Station, die er gerade zu einem Sanatorium für Alkoholkranke umbaute, kaputtgemacht. Nach unzähligen Überfällen, die von der Polizei geflissentlich ignoriert wurden, ist die schön gelegene Anlage heute eine Ruine.

"Jeder Gegner", sagt Hassan, "wird fertiggemacht. Hier denken wenige, eigentlich denkt hier nur einer, der Bürgermeister selbst. Alle anderen befolgen Befehle. Hast du denn keine Angst, fragen mich die Leute, die bringen dich doch um, wenn du so weitermachst, sagen sie. Die Menschen hier sind eingeschüchterter als zu Zeiten des Kommunismus. Und sie sind verzweifelter. Weißt du, wie die Menschen hier die eigene Gegend nennen? Wir sind der Schwanz Europas, sagen sie."

In diesem Sommer kehrt Hassan Tahiroff mit seiner Frau nach Schweden zurück. Er hat nicht aufgegeben, aber er zieht sich zwischenzeitlich zurück. Gegen diese Mafia kann keiner etwas ausrichten. Nicht allein.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben