Rentenkrise in den Niederlanden: Das System kollabiert

Angeblich haben die westlichen Nachbarn Deutschlands bei der Altersvorsorge das "beste System der Welt" installiert, doch die Wirtschaftskrise sorgt nun für Milliardenverluste.

Obwohl die Verluste nicht ihre Schuld sind, bleibt den Rentner nichts anderes, als die Krise auszusitzen. Bild: dpa

In den Niederlanden droht den Erwerbstätigen eine Rentenkürzung. Aufgrund der Finanzkrise kämpft die Hälfte der rund 600 Pensionskassen mit Problemen, wie Sozialminister Piet Hein Donner von den Christdemokraten unlängst einräumen musste. Jeder Euro, den die Kassen an ihre künftigen Rentner zahlen müssen, ist momentan nur noch mit durchschnittlich 85 Cent gedeckt. Die Lücke beträgt insgesamt etwa 100 Milliarden Euro. Allein das Vermögen der größten Kasse, ABP, schrumpfte letztes Jahr um 44 Milliarden Euro und betrug Ende 2008 nur noch 173 Milliarden.

Schon jetzt bekommen die Arbeitnehmer die Krise zu spüren. Normalerweise werden die Renten an die Inflation angepasst. Das ist vorbei. Der Amsterdamer Wirtschaftsprofessor Arnoud Boot warnte in der Tageszeitung NRC Handelsblad, dass die Altersbezüge bis zu 50 Prozent ihres Wertes verloren haben könnten, wenn die jetzt Erwerbstätigen in einigen Jahrzehnten in Rente gehen. Der prominente sozialdemokratische Wirtschaftsexperte Flip de Kam sprach von einer "schleichenden Enteignung".

Dabei galt das holländische Rentensystem bislang als internationales Vorbild. Die Weltbank sprach vom "besten System der Welt", da es der zunehmenden Vergreisung am besten entgegenwirke. Zudem wirkte es wie eine moderne Form des Volkskapitalismus, da fast alle Niederländer indirekt in Aktien investierten.

Im Vergleich zu Deutschland ist die staatliche Rente in den Niederlanden nur gering. Den Kern machen die Pensionsfonds aus, die inzwischen ein riesiges Vermögen von 600 Milliarden Euro angehäuft haben. Das Geld wurde zur Hälfte in Aktien investiert. Außerdem steckten die Fonds mehrere Milliarden Euro in Hedgefonds und Private Equity. Dieser Anlagestrategie lag die irrige Einschätzung zugrunde, dass sich schwere Wirtschaftskrisen nur einmal in vierzig Jahren ereignen - und der Zusammenbruch der New Economy ist ja gerade erst acht Jahre her.

Sozialminister Donner wollte dem Parlament bisher dennoch nicht mehr zusagen, als dass sein Ministerium die Investitionsentscheidungen der Pensionsfonds nochmals analysiert. Gleichzeitig räumte Donner den Rentenkassen eine Fristverlängerung ein: Diese haben nun fünf statt drei Jahre Zeit, um ihre Verluste auszugleichen. Dazu dürfen sie höhere Prämien verlangen und die Renten nicht erhöhen oder sogar senken.

Eine fundamentale Debatte über die Zukunft des Rentensystems findet in den Niederlanden jedoch noch nicht statt. Verbon ist einer der wenigen Experten, der für eine Reform plädiert. "Die Regierung sollte die staatliche Rente erhöhen, die aus Steuermitteln finanziert wird." Doch letztendlich glaubt auch Verbon, dass das niederländische System langfristig am besten geeignet sei, um die Vergreisung aufzufangen.

Die Gewerkschaften denken ähnlich. Sie gehören aber auch dem Vorstand der Rentenkassen an und sind so mitverantwortlich für die bisherige Investitionspolitik - riskante Aktien und Hedgefonds inklusive.

Diese Anlagestrategie solle sich trotz der Krise nicht fundamental ändern, versichert Noordman. "Alle Wirtschaftsexperten sagen, dass die Zinsen steigen werden und die Aktienindices ebenso. Das ist nur eine Frage der Zeit."

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