Berliner Votum für Ethik: Ungläubiger Sonderfall

Die Berliner, vor allem die aus dem Osten, sprechen sich für Ethik als Pflichtfach aus. Ein Vorbild für andere Bundesländer? Wohl kaum.

Das Berliner Modell wird nicht Schule machen - trotz des klaren Votums der Bürger. Bild: dpa

BERLIN taz | Der gescheiterte Volksentscheid in Berlin hat eine deutschlandweite Debatte über den Stellenwert von Religion und Ethik im Unterricht entfacht. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Ausgang des Volksentscheids bedauerte, der eine Aufwertung des Religionsunterrichts in Berlin bedeutet hätte, forderte der Linksparteipolitiker Bodo Ramelow die Einführung eines Fachs "Werte" für alle Schüler. Dort könnten etwa Themen wie die Gendiagnostik oder der Umgang mit Medien behandelt werden. "Die Debatte über den Werteunterricht ist notwendiger denn je", sagte er der taz.

Allerdings will Ramelow damit nicht Religionsunterricht in anderen Bundesländern als ordentliches Unterrichtsfach verdrängen. Dies sei mit dem Grundgesetz auch nicht zu vereinbaren. "Berlin ist ein Einzelfall", sagte Ramelow, der Spitzenkandidat der Linken für die Landtagswahl in Thüringen ist.

Der Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, Ulrich Thöne, freute sich über das Abstimmungsergebnis. "Wir brauchen in einer multikulturellen Gesellschaft die Möglichkeit, kulturübergreifend Normen und Regeln kennenzulernen und einzuüben", sagte er. Diese Chance biete der Ethikunterricht.

Doch das Berliner Modell auf Deutschland zu übertragen, ist nicht ohne Weiteres möglich - und erscheint vielen auch nicht wünschenswert. Berlin ist tatsächlich eine Ausnahme. Die Regel im Grundgesetz lautet: Die Religionsgemeinschaften haben ein Recht auf Religionsunterricht - und zwar als ordentliches Unterrichtsfach, das benotet wird und versetzungsrelevant ist. Der Staat muss bei den Unterrichtsinhalten, der Ausbildung und Auswahl der Lehrer mit den Kirchen zusammenarbeiten. Für Schüler, die keiner Religion angehören oder sich vom Fach abmelden, wird Ersatzunterricht angeboten. In manchen Bundesländern heißt er Ethik, in anderen Philosophie oder "Werte und Normen".

Berlin ist aber nicht die einzige Ausnahme. Die "Bremer Klausel" des Grundgesetzes entbindet alle Bundesländer von der Pflicht zum Religionsunterricht, in denen am 1. Januar 1949 eine andere landesrechtliche Regelung bestand. In Bremen gibt es seitdem "Biblischen Geschichtsunterricht", der unabhängig von den Kirchen ist. Brandenburg hat 1996 "Lebenskunde-Ethik-Religionskunde" eingeführt. Hier sollen Lehrer neutral Wissen über Religionen und Weltanschauungen vermitteln. Anders als in Berlin können sich die Schüler jedoch von diesem Fach abmelden und stattdessen Religionsunterricht belegen.

In Hamburg bietet die evangelische Kirche einen "Religionsunterricht für alle" an, in dem ethische und religiöse Fragen aus der Perspektive verschiedener Glaubensrichtungen betrachtet werden. Muslime, Juden und Buddhisten sind am Unterricht beteiligt, die katholische Kirche aber hat sich ausgeklinkt.

In Baden-Württemberg wollen die Grünen nun zumindest die Möglichkeit schaffen, vom ersten Schuljahr an alternativ zum Religionsunterricht Ethik zu wählen. Bisher war dies in der Regel erst ab dem achten Schuljahr möglich, im verkürzten Gymnasium ab dem siebten. "Bisher werden konfessionslose Kinder und viele Migrantenkinder mehr oder weniger vom Hausmeister betreut, während die anderen Religionsunterricht haben", sagte Winfried Kretschmann, Fraktionschef der Landtagsgrünen. "Wir wollen deshalb, dass Ethik ein gleichberechtigtes Wahlpflichtfach ab dem ersten Schuljahr wird." Ansonsten aber ist Kretschmann ein Anhänger der Argumente von Pro Reli. Soll heißen: Für ein Fach Religion als ordentliches Unterrichtsfach und nicht als Zusatzangebot - so wie es das Grundgesetz für das Bundesland vorschreibt. "Die Religion muss in der Mitte der Gesellschaft bleiben", sagte Kretschmann.

Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) warnt davor, dem Berliner Beispiel zu folgen. "Gerade in Hinblick auf Integration ist es wichtig, seine eigene Religion zu kennen", sagte er der taz. Darum sei es sinnvoll, neben katholischem und evangelischem auch authentischen islamischen Religionsunterricht einzuführen. "Daran arbeiten wir."

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