Grundgesetz im Kinder-TV: Hochhaus statt High Society

Für seinen Episodenfilm "Bei uns und um die Ecke" hat Bernd Böhlich das Grundgesetz auf Geschichten aus dem Alltag heruntergebrochen (Do., 11 Uhr, ARD).

Szene aus "Bei uns um die Ecke". Bernd Böhlich rügt die Medien: "Das deutsche Kinderfernsehen ist zum größten Teil entpolitisiert. Es geht fast immer nur um Spaß und Abenteuer." Bild: ard

"Guten Tag, haben Sie Lust, für unser Kinderprogramm das Grundgesetz zu verfilmen?" Bernd Böhlich war zunächst irritiert, als der Mitteldeutsche Rundfunk ihm anlässlich des Verfassungsjubiläums telefonisch dieses seltsame Anliegen unterbreitete, hat dann aber gern zugesagt. "Ich finde es spannend, Kinder dafür zu interessieren, was unsere Gesellschaft - zumindest juristisch - zusammenhält", sagt der 52-Jährige. "Mir war wichtig, dass aus dem Projekt nicht so eine bedeutungsvolle, staatstragende Geschichte wird." Dafür wäre Böhlich auch der Falsche gewesen: Kinofilme wie "Der Mond und andere Liebhaber" machten den Sachsen für seinen Blick auf den Alltag ganz normaler Menschen bekannt: Hochhaus statt High Society - ein deutscher Ken Loach. Für das Drama "Landschaft mit Dornen" und die "Polizeiruf"-Episode "Totes Gleis" bekam er den Grimme-Preis.

In "Bei uns und um die Ecke" erzählt er in sechs 15-Minütern Geschichten aus dem Leben des achtjährigen Moritz (Lukas Sickert) und dessen 14-jähriger Schwester Linda (Fabienne Haller). Jede Episode steht unter dem Motto eines Grundgesetzartikels. Im Film zu Artikel fünf versucht ein Lehrer (Dominique Horwitz) die Veröffentlichung der Schülerzeitung zu verhindern. Außerdem geht es etwa um Tagebuchschnüffeleien und einen armen Mitschüler.

Böhlich legte Wert darauf, seine jungen Akteure einzubinden. Sie sollten ihm erklären, welchen Stellenwert die Wahl eines Klassensprechers für sie hat und wie sie sich im Sekretariat des Schulleiters verhalten. Böhlich hat die Kinder und Jugendlichen ernster genommen, als es die Öffentlich-Rechtlichen seiner Meinung nach tun: "Das deutsche Kinderfernsehen ist zum größten Teil entpolitisiert. Es geht fast immer nur um Spaß und Abenteuer. Das spielt im Leben der Kinder zwar eine große Rolle, aber ab einem bestimmten Alter kommen andere Fragen auf. Wie orientiere ich mich in der Gesellschaft? Was ist wichtig für mich? Darauf bekommen Kinder im Fernsehen keine Antworten."

Aber auch Erwachsenen mute man zu wenig zu: "Die meisten TV-Produktionen handeln vom Leben der Mittelschicht, die Protagonisten wohnen in teuren Lofts und arbeiten in Lifestyleredaktionen. Man muss ja nicht jeden Abend einen Film zeigen, in dem es um Arbeitslosigkeit und Stress in der Fabrik geht. Aber ich wünsche mir, dass es in den Filmen mehr nach dem wirklichen Leben riecht. Es scheint den Öffentlich-Rechtlichen fast peinlich zu sein, dass es Familien gibt, für die 20 Euro viel Geld sind."

Etwas überraschend lobt Böhlich in diesem Zusammenhang die Privatsender: "Die suchen immerhin die Nähe zur Realität und sind viel mutiger. Aus tatsächlich vorhandenen Problemen von Durchschnittsbürgern - wie Überforderung durch Kinder oder Verschuldung - erfolgreiche Formate zu machen ist eine bemerkenswerte Leistung. Natürlich ist da auch immer mal Voyeurismus im Spiel, aber solange ARD und ZDF nur mit Volksmusik und Krimis dagegenhalten, gibt es keinen Grund zur Hochnäsigkeit."

Jetzt gibt es wenigstens einen: Böhlichs unterhaltsames Bildungsfernsehen, das weder staatstragend daherkommt noch voyeuristisch.

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