Blogeintrag aus Teheran - Teil 4: "Den Wetterbericht gründlich lesen"

Ein Sandsturm aus dem Irak ist Vorwand für die Regierung, Teheran zu schließen. Viele fliehen aus der Stadt. Von der unheimlichen Rolle des Wetters

Zum 10. Jahrestag der studentischen Unruhen von 1999 haben sich in Teheran trotz aller Schikane Demonstranten versammelt. Allterdings setzte die Polizei Tränengas ein, um sie auseinanderzutreiben. Bild: dpa

Donnerstag, 9. Juli. Heute ist der neunte Jahrestag der Studentendemonstrationen gegen die Schließung der reformorientierten Zeitung Salam. Sie gingen am 18 Tir los, das entspricht dem 9. Juli 1999. Die genaue Zahl der getöteten Studenten ist unbekannt, einige wurden vom Dach des Studentenwohnheims gestoßen, viele wurden inhaftiert und gefoltert. Weil die Regierung heute größere Proteste erwartet, hat sie das Wetter als Vorwand genommen, um die ganze Stadt dichtzumachen. Am Montag hat Westwind eine Wolke dunklen Staubs vom Irak rübergeweht, dort muss ein Sandsturm getobt haben. Es sah apokalyptisch aus, man bekam Herzprobleme, Kopfschmerzen und Atemnot. Dienstag blieben Schulen und Regierungsbüros geschlossen, am selben Tag verkündete die Regierung, dass von Mittwoch an nicht nur Schulen und öffentliche Gebäude, sondern auch Banken und die wichtigsten Geschäftszentren geschlossen würden. Das Wetter hatte aufgeklart, aber die angespannte Lage in Bezug auf 18 Tir war wahrscheinlich ausschlaggebend für diese Entscheidung.

Die Regierung hoffte, dass die Teheraner, wenn sie unerwartet einen Urlaubstag zugestanden kriegen, rausfahren und nicht vor Freitagabend zurückkommen würden. So war es auch. Die Menschen lassen keine Gelegenheit aus, um ans Kaspische Meer zu fahren oder Familienbesuche zu machen. Es ist unheimlich, was für eine Rolle das Wetter bei den jüngsten Ereignissen gespielt hat. Interessanterweise hat die Windrichtung seit dem Ersticken der Proteste gewechselt. Vorher kam der Wind aus Osten und brachte Gewitter, Regen und kühle Luft, jetzt weht er aus Westen und bringt Staub und Dreck. Es zeigt unseren versperrten Blick auf das, was hinter geschlossenen Türen in den letzten Tagen passiert ist.

Am interessantesten ist, was in der heiligen Stadt Ghom passiert. Eine Gruppe wichtiger Geistlicher hat sich der Protestbewegung angeschlossen und die Wahlvorgänge und die Gewalttätigkeiten danach für illegitim erklärt. Und das in einer Woche, in der es weitere Verhaftungen und ein verdächtig ruhiges Verhalten aufseiten Ahmadinedschads gegeben hat. Ich kann mich täuschen, aber er wirkt bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten weniger dreist.

Man hört von Leuten, die am Flughafen verhaftet werden. Eine 23-jährige Französin, die als Lehrerin gearbeitet hat und mit der Protestbewegung nichts zu tun hat, wurde vor dem Abflug nach Beirut verhaftet. Sie soll sich als Spionin selbst bezichtigen, was nach Aussagen ihrer Freunde lächerlich ist. Aber es zeigt, wie verzweifelt sie daran arbeiten, die Geschichte der Bewegung umzuschreiben. Man benutzt die im Land befindlichen Ausländer, um dem, was die Regierung als Umsturzversuch ausländischer Agenten bezeichnet, ein Gesicht zu geben. Ich bezweifle, dass solche Geständnisse die eindrucksvollen Bilder von den Ereignissen und der Protestbewegung überschreiben können. Dieser intensive Kampf um die Bilder zeigt, wie wichtig sie in diesen Wochen sind.

Die Demo heute ist für 17 Uhr angesetzt. Jeder hat Angst, dorthin zu gehen, fühlt sich aber verpflichtet. Keiner weiß , was passieren wird. Wir sollten den Wetterbericht gründlich lesen.

Sonntag, 5 Juli. Über der Stadt liegt eine Anspannnung wie eine Schicht verschmutzter Luft, die den Blick trübt und jede Bewegung lähmt. Eine Menge Leute sagen, sie hätten Depressionen. Es fühlt sich an wie vor einem Migräneanfall. Der unerträgliche Zustand des Wartens auf den endgültigen Schlag oder die Befreiung des Blutflusses bringt all diese kleinen unbeholfenen Aktivitäten hervor wie: Wir sollten vielleicht ins Kino gehen. Aber dann ist der ausgewählte Film ausgerechnet "About Elly", der die Kopfschmerzen nur verstärkt. Es ist Pech für diesen wirklich guten Film, dass er ausgerechnet jetzt in die Kinos kam. Eine gute Analyse der modernen iranischen Gesellschaft. Er ist deswegen schwer zu ertragen, gerade weil man sich nach etwas oder jemandem sehnt, der der Anspannung und Gewalt ein Ende bereitet. Sich etwas Sinnvolles vorzunehmen hilft, die Beklemmungen zu überwinden. Denn die gewaltsame Atmosphäre lähmt sehr, mehr als alles andere. All die Dummheit, Kurzsichtigkeit, die Gewalt, die zwar die Menschen von den Straßen fernhält, sie aber in ihrem Herzen nicht ändert, ist wie ein Hindernis auf dem Bürgersteig, das man ungeduldig zur Seite schieben will. Etwas muss sich bewegen.

* Der Name der Bloggerin ist der Redaktion bekannt. Bisher erschienen sind: "Die schicken ja Kinder!" (taz vom 25. Juni), "Antidepressiva gegen den Schmerz" (1. Juli), "Wir töten Deine Kinder" (6. Juli).

Aus dem Englischen von Sabine Seifert

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