Diskriminierung im Theater

Frauen sind die besseren Frauen

Eine Studie über US-Theatermacher zeigt, dass Dramatikerinnen besser sein müssen als ihre männlichen Kollegen und von Frauen besonders hart kritisiert werden.

Frauen am Broadway auf verlorenem Posten. Bild: reuters

BERLIN taz | Laut einer US-Studie gibt es eine geschlechterspezifische Diskriminierung von Theaterautorinnen, was nicht so sehr überrascht wie die Tatsache, dass es hauptsächlich Frauen sind, die das weibliche Geschlecht diskriminieren.

Emily Glassberg Sands und ihre an der University of Princeton durchgeführte Erhebung sorgt in Theaterkreisen für Gesprächsstoff. Denn für alle überraschend war es zu hören, dass es die Frauen sind, die das geringste Vertrauen in die Arbeiten des eigenen Geschlechts bekunden. Die Präsentation der Ergebnisse erfolgte Ende Juni auf der Bühne des 59E59, einem Theater in Midtown Manhattan. Julia Jordan, eine Dramatikerin, hatte ursprünglich auf das große Ungleichgewicht zwischen den Inszenierungen männlicher und weiblicher Autorschaft hingewiesen und damit zur Untersuchung wesentlich beigetragen.

Bei der Erhebung wurden drei gesonderte Studien durchgeführt, die sich jeweils auf die verschiedenen Akteure innerhalb des Theaterbetriebs bezogen. Die erste Studie nahm sich die Intendanten und künstlerischen Leiter von Theaterhäusern und Theatergruppen vor. Danach gefragt, ob es eine geschlechterspezifische Diskriminierung im Theater gebe, antworteten diese allesamt mit einem klaren Nein. Dass es faktisch eine weit größere Zahl an gespielten Stücken von männlichen Autoren gibt, erklärte man sich damit, dass Frauen weit weniger Stücke schrieben und anböten als Männer. Spontanes Gelächter erhob sich daraufhin im Publikum.

Maxi Obexer schreibt hauptsächlich Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und Essays. Zu ihren letzten Theaterstücken gehören "Das Geisterschiff" und "Lotzer. Eine Revolution". Bis vor Kurzem war Obexer Gastprofessorin für Drama am Dartmouth College im US-Bundestaat New Hampshire

Emily Sands jedoch gab ihnen Recht. Datenbanken von Theaterstücken mit über 20.000 Einträgen belegen, dass etwa zwei Drittel von männlichen Autoren stammten. Danach seien Männer offenbar produktiver.

Bei der zweiten Studie wurde ein Theatermanuskript an Theaterhäusern und Institutionen übers ganze Land verschickt. Dasselbe Theatermanuskript war einmal mit Mary Walker als Autorin versehen, ein anderes Mal mit Michael Walker. Die Reaktionen auf Mary Walkers Stück fielen bei weitem negativer, kritischer und perspektivloser aus als die Reaktionen auf Michael Walker. Die negativen Antworten auf Mary Walkers Stück waren jedoch ausnahmslos von Frauen formuliert. Anders gesagt: Männliche Leiter von Theaterhäusern behandelten Stücke von Frauen und Männern gleichwertiger, während Frauen einen deutlichen Unterschied machen würden. Ihr Urteil ließ sich vom Geschlecht merklich stärker beeinflussen, als das bei den männlichen Kollegen der Fall war.

Die dritte Untersuchung richtete sich ausschließlich auf den Broadway, wo von acht Inszenierungen weniger als eine auf eine Autorin zurückgeht. Emily Sands wendete bei dieser dritten Studie eine Methode an, die bereits im Profibaseball hilfreich war, um herauszufinden, ob es eine Diskriminierung von schwarzen Spielern gebe. Die Ergebnisse machten evident, dass schwarze Spieler deutlich leistungsstärker zu sein hatten und zahlenmäßig mehr überragende Ergebnisse aufweisen mussten als ihre weißen Kollegen. Emily Sands fragte sich daher, ob Stücke von weiblichen Autoren "besser" sein müssten, um es auf die Bühne zu schaffen. Und das müssen sie in der Tat.

Das Kriterium für "besser" kann sich, will es halbwegs objektiv sein, nur auf den Kartenverkauf beschränken. Die Frage war also: Spielen die aufgeführten Stücke, wenn sie von Frauen waren, mehr ein? Ja, sie tun es. Inszenierungen mit weiblicher Autorschaft würden im Schnitt 16 Prozent mehr einspielen und 18 Prozent mehr Gewinn abwerfen als jene mit männlicher Autorschaft. Dieses Ergebnis führte außerdem zu einer weiteren Erkenntnis: Obwohl Inszenierungen von Dramatikerinnen in der Regel erfolgreicher seien, würden sie nicht entsprechend länger auf den Spielplänen stehen. Stattdessen liefen sie genauso lange wie die weniger erfolgreichen ihrer männlichen Kollegen. Und das ließe deutlich auf Diskriminierung schließen.

Viele hatten gedacht, dass die zunehmende Anzahl an Frauen, die leitende Positionen in den Theaterhäusern, Theatergruppen und Institutionen einnehmen, auch für ein besseres Gleichgewicht in den Produktionen sorgen würden. Doch dem ist nicht so. Die inzwischen steigende Zahl künstlerischer Direktorinnen hat keineswegs zu einer größeren Präsenz von Autorinnen auf der Bühne in den USA geführt.

Sehr schwierig hätten es Stücktexte mit frauenspezifischen Inhalten, wenn sie, was gewöhnlich der Fall ist, von Autorinnen geschrieben sind. Doch am schwersten hätten es Stücke, wenn sie die ungleiche Behandlung von Frauen im Berufsleben thematisierten. Ein guter Witz, könnte man denken. Und zugleich eine Erkenntnis, die auch Autorinnen im europäischen Raum gewiss nicht sonderlich überraschen wird. Wer es wirklich ernst meint, versieht seine Texte am besten mit einem männlichen Pseudonym. Feministisches Insistieren, formuliert und vertreten von einer männlichen Autorschaft, kann nämlich umgekehrt kleine Euphorien auslösen, und das besonders gerne bei Frauen.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind bemerkenswert und bescheinigen, was schon länger bekannt sein dürfte, nämlich dass Diskriminierung nicht allein mit der Veränderung derjenigen abgeschafft ist, die sie ursprünglich durchgeführt haben. Keine Frau ist allein schon deshalb befreit, weil der Mann aufgehört hat, sie zu missachten. Die Diskussion über die Frage, inwieweit der Feminismus sich erübrigt hätte, kann bis auf weiteres vertagt werden und sich verstärkt dem Phänomen der Selbstbeschneidung zuwenden.

Kritische Instanz

Gewiss, die Ergebnisse sind auf das deutschsprachige Theatersystem nicht ohne weiteres zu übertragen. Ihre Unterschiedlichkeit liegt besonders im Status ihrer Subventionierung und in ihrem Selbstverständnis. Im Gegensatz zum amerikanischen versteht sich das deutsche Theater noch heute als eine wesentliche kritische Instanz der Gesellschaft. Das heißt aber nicht unbedingt, dass es sich auch ebenso gern selbst kritisiert. Und ein staatlich subventioniertes Haus ist andererseits kein Garant für demokratischere Verhältnisse.

Theaterhäuser sind, wie jeder weiß, eine Liga für sich. Noch heute herrscht im Theater gern die Monarchie als Leitungsmethode, mit festen Hierarchien und vielen Untertanen und Untertaninnen. Es fällt tatsächlich auf, dass besonders gern Frauen aus dem Theater stolz verkünden, es "ohne Feminismus" geschafft zu haben. Auch Frauen, die keine andere an ihrer Seite zulassen, sind im Theater keine Seltenheit. Genauso wenig wie jene, die den Feminismus auf ihre Weise überwunden haben, indem sie am liebsten die jungen Männer durchwinken.

Es wäre den Versuch wert, eine ähnliche Untersuchung auch hierzulande durchzuführen, die herausfinden kann, in welchem Grad die Stutenbissigkeit von Frauen in höheren Positionen die Möglichkeiten von Künstlerinnen beeinträchtigt. Denn dass es sie gibt, gehört zum offenen Gemeinplatz. Selbst hartnäckige Frauenrechtlerinnen gestehen inzwischen ein, dass sie unter Frauen häufig die "schlimmeren Männer" antreffen. Korrekter wäre es allerdings, das fiese Verhalten fieser Frauen nicht dem männlichen Geschlecht unterzujubeln, wo es weiblich ist.

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