Bayreuther Festspiele

Hungerlöhne für die Mitarbeiter

Auf den Bayreuther Festspielen bekommen Bühnenarbeiter Stundenlöhne unter vier Euro, aber sonst läuft alles bestens im Wagner`schen Familientheater.

Außen hui, innen pfui: Gefeiert wird bei den Festspielen gern - auf Kosten der Arbeiter. Bild: ap

BAYREUTH taz | So musste es ja kommen. Kaum sitzt man auf gepackten Koffern für Bayreuth, veröffentlicht der Chefredakteur der Zeitschrift Opernwelt, Stephan Mösch, ein Buch, in dem er schreibt, wie übel es mit dem Antisemitismus von Richard Wagner und seiner Frau Cosima bestellt sei.

Am Beispiel der Oper "Parsifal" weist er nach, dass in Bayreuth zu des Meisters Lebzeiten durchgängig die "Übersteigerung der Kunst zur Religion" und eine "arisch-germanische Ideologie auf unheilvolle Weise zusammengefallen" sind.

Und da fahre ich jetzt also hin. 133 Jahre zwar nach der Eröffnung dieser bizarren, von Wagner zur Wagner-Verkultung entworfenen Festspielstätte, aber immer noch in einer Zeit, in der der amtierende Bundeskulturminister verlautbart, die Bayreuther Festspiele seien das "Aushängeschild der Kulturnation Deutschland", der "deutsche Olymp".

Wenn ab dem 25. Juli alle Zeichen auf Wagner eingestellt sind zur Eröffnung der Festspiele in Bayreuth, ist Angela Merkel als Stammgast wieder dabei: "Einige Tage Bayreuth, und dann werde ich in die Berge fahren", so ihr Urlaubsprogramm.

Die ersten Festspiele unter der Leitung von Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner zeigen bis zum 28. August 30 Vorstellungen in Inszenierungen von Christoph Marthaler, Tankred Dorst, Stefan Herheim und Katharina Wagner. Neu ist in diesem Jahr ein Vermittlungsprogramm mit Einführungsvorträgen und dem "Fliegenden Holländer" in einer Bearbeitung speziell für Kinder.

Das finden offenbar viele. Weswegen zur Saisoneröffnung am 25. Juli in einer fränkischen Kleinstadt mit überwältigenden Vereinsmitgliedschaftszahlen wieder der ganz große Aufmarsch erwartet wird: Merkel, Lammert, Göring-Eckardt, Zypries, Guttenberg, Westerwelle, Seehofer, diverse Botschafter sowie die Halbwelt der Gala-Berühmtheiten.

Die Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, die ihren Vater Wolfgang jetzt nach seiner über 40-jährigen Dienstzeit als Leiterinnen dieses Familientheaters, das gleichzeitig auch erstes Staatstheater ist, ablösen, haben hoffentlich erledigt, was sie ankündigten. An die Bayreuther Büsten von Richard und Cosima sollen Schildchen dranhängen, die des Bildhauers (Arno Breker) NS-Verbandeltheit enthüllen.

Aber jetzt mal runterkommen. Hitler hat den "Tristan" nur achtmal, seinen Lieblingsfilm "King Kong" nach vorsichtiger Schätzung aber 300-mal gesehen. Außerdem sind wir heute in Neu-Neu-Bayreuth. Eine 31-jährige Urenkelin Wagners ist die Chefin. Marthaler und Schlingensief haben hier schon inszeniert. Lars von Trier sah sich vor fünf Jahren leider überfordert, der 84-jährige Tankred Dorst nicht, dessen "Ring"-Inszenierung in ihr viertes Bayreuth-Jahr geht.

Der dauergereizte Nochmünchner Christian Thielemann schwingt den Dirigentenstab, und ich werde an vier Tagen und insgesamt 16 Stunden auf einem dieser sagenumwoben unbequemen Holzstühle ab dem Wochenende Platz nehmen. "Wallala! Lalaleia! Leialalei!" - 16 Stunden Liebeserlösung, Wälsungenleid und Waldweben, 16 Stunden störrische Stabreime.

Vielleicht fällt aber noch alles ins Wasser. Das technische Personal streikt. Die Gewerkschaft Ver.di agitiert die Bühnenarbeiter und hat die Verträge, die noch mit "dem Wolferl" abgeschlossen wurden, teils als sittenwidrig bewertet. Bei Stundenlöhnen unter 4 Euro vielleicht eine ganz richtige Einschätzung.

Streiktechnisch wurde vergangenen Montag schon mal geübt: Die Generalprobe zu den "Meistersingern" verzögerte sich um eine geschlagene halbe Stunde. Das Festspielbüro donnerte: "Ein Arbeitskampf würde das Ansehen Bayreuths, Bayerns und der Bundesrepublik weltweit schädigen." Mindestens.

Scheitern die Gespräche, würde der "Tristan" zur Premiere gleich bestreikt und die Großkopferten säßen im Dunklen. Sonst dürfte nicht viel Neues in diesem Jahr passieren, abgesehen von Vorträgen und einer Kinderversion des "Fliegenden Holländers". Alle Aufführungen aufgewärmtes Zeug, eine durchaus gemächliche schwesterliche Zeitenwende.

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