Dalai Lama über Tibet: "Niemand will das alte System zurück"

Nicht alle Tibeter stimmen seinem "Mittleren Weg" für ein autonomes Tibet zu - der Dalai Lama über das alte Tibet und die Unterstützung durch Chinas Opposition.

"Es gibt tatsächlich wachsende Vorbehalte der Chinesen gegenüber uns Tibetern": Dalai Lama. Bild: dpa

taz: Eure Heiligkeit, manche Menschen tun sich schwer mit den Tibetern, weil sie meinen, sie repräsentieren ein altes Feudalsystem, dem sie noch nachtrauern. Wie sehen Sie Tibets Vergangenheit, als China noch nicht dort geherrscht hat?

Dalai Lama: Natürlich war damals vieles rückständig und reformbedürftig, wie in anderen Ländern. Kein einziger Tibeter, mich eingeschlossen, wünscht sich die Restauration des alten Systems, wirklich niemand. Daran gibt es keinen Zweifel. Die chinesische Propaganda ist an dem Punkt bedeutungslos. Ich habe unmittelbar nach der Übernahme der Regierungsverantwortung und der Rückkehr aus einem kurzen Exil im Yarlung-Tal ein Reformkomitee ins Leben gerufen. Das war im Jahr 1952. Unter anderem wurden damals Bauern aus der Schuldknechtschaft befreit. Das war nicht einmal der Beginn der Reformen. Bereits der 13. Dalai Lama hat Schritte zu einem grundlegenden Wandel initiiert. Auch er wusste, dass unser System reformiert werden muss. Er hat dafür gesorgt, dass Schüler nach Indien und sogar nach England gegangen sind, um zu lernen und ihre Kenntnisse wieder nach Tibet zurückzubringen.

... ist der Mönchsname des 14. Dalai Lama, des religiösen und de facto politischen Oberhaupts der Tibeter. Geboren wurde er am 6. Juli 1935 mit dem Namen Lhamo Dhondrub in Taktser, einem Dorf in der Provinz Amdo im Nordosten Tibets. 1959 floh er während des Tibetaufstands ins indische Exil nach Dharamsala. 1989 wurde ihm für sein Bemühen, mit friedlichen Mitteln auf die Unterdrückung der Tibeter aufmerksam zu machen, der Friedensnobelpreis verliehen. Neben großer Bewunderung begegnen ihm auch große Vorbehalte, weil er als Repräsentant eines alten theokratischen Feudalsystems gilt. Derzeit ist er zu Besuch in Hessen. Am Freitag hielt er einen Vortrag in Frankfurt vor rund 7.000 Menschen. Er kam aus Polen, wo ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt Warschau verliehen wurde. Heute erhält er die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg. taz

Der Vergleich mit der Entwicklung in China vor und nach der Gründung der Volksrepublik drängt sich auf. Was haben Sie davon mitbekommen?

Ich hatte in der ersten Zeit große Sympathien für die Entwicklung in China und den Vorsitzenden Mao. Als ich 1954 China besucht habe, war ich sehr beeindruckt von dem industriellen Fortschritt und den Anstrengungen der Menschen. Ich bin mit Skepsis im Herzen dorthin gefahren, aber nach über einem Jahr mit der Überzeugung heimgekehrt, dass China auf einem guten Weg ist. Deshalb bezeichne ich mich manchmal als "Halbmarxisten". Nur die Ablehnung der Religion durch den Marxismus teile ich nicht.

Im Exil können Sie - im Rahmen der allgemeinen Einschränkungen, die ein solches Leben mit sich bringt - halbwegs selbstbestimmt Ihren Weg gehen. Lebt die alte Entschlossenheit zu Reformen im Exil weiter?

Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, dass nicht nur soziale und wirtschaftliche Projekte vorangetrieben, nicht nur Tempel und Schulen gebaut werden, sondern dass sich unsere Gemeinschaft auch demokratisiert. In der Hinsicht haben wir viel erreicht. Seit 2001 gibt es eine politische Führung im Exil, die durch freie und geheime Wahlen an die Macht gekommen ist. Damit endete die 400 Jahre alte Tradition, wonach der Dalai Lama das spirituelle und politische Oberhaupt der Tibeter ist.

Die Lösung von der Tradition fördert auch Konflikte zutage. Der von Ihnen propagierte Mittlere Weg, der auf die Unabhängigkeit verzichtet und wirkliche Autonomie als Lösung anstrebt, hat in Ihren eigenen Reihen Irritationen hervorgerufen. Der Jugendkongress und manche Intellektuelle lehnen ihn offen ab. Ist Ihre Position geschwächt, weil es vonseiten Pekings keinerlei Entgegenkommen gibt?

Das würde ich nicht sagen. Natürlich gibt es Kritiker, das ist normal in einer demokratischen Gesellschaft. Aber um an dem Punkt zu einem Meinungsbild zu kommen, haben sich im November 2008 etwa 600 tibetische Repräsentanten aus aller Welt in Dharamsala versammelt. Der größte Teil der dort Anwesenden hat den Mittleren Weg unterstützt, und dadurch fühle ich mich bestärkt.

Kürzlich hat der Aufstand der Uiguren die Welt erschreckt. Sehen Sie Parallelen zwischen diesen Ereignissen und den Unruhen in Tibet vom März 2008?

Ja, da gibt es Parallelen, historische Parallelen. Das Problem der Uiguren existiert auch schon lange. Die sogenannte Befreiung durch China vollzog sich mit Waffengewalt - wie bei uns. Zuvor gab es einen Staat der Uiguren, der von der Sowjetunion anerkannt wurde, doch mit der Machtübernahme der Kommunisten in China hat die Sowjetunion die Uiguren fallen gelassen. Ähnlich wie bei uns resultieren daraus viele Vorbehalte gegen China, was sich bisweilen auch in Gewalt niederschlägt. Letztlich muss die chinesische Führung einsehen, dass ihre Politik gegenüber den Minderheiten, die sie seit 60 Jahren verfolgt, gescheitert ist.

Gibt es Perspektiven für die Zusammenarbeit zwischen Tibetern und Uiguren?

Die direkte Zusammenarbeit hat ihre Grenzen. In der Unpo, einer Vereinigung von Völkern ohne Staat, sind die Uiguren ebenso vertreten wie wir Tibeter. Nach der jüngsten Krise habe ich an die chinesische Führung appelliert, sich in Zurückhaltung zu üben und der Situation im Geiste von Verständnis und Weitsicht zu begegnen. Wir haben jedoch kein Interesse daran, offizielle Bündnisse zu schließen und gemeinsam Druck auf die chinesische Regierung auszuüben.

Neben dem gemeinsamen Interesse der Nationalitäten an echter Autonomie dürfte der Kontakt zur chinesischen Opposition ein wesentlicher Faktor für die Erfolgsaussichten Ihres Kampfs sein. Wie ist Ihr Verhältnis zu den chinesischen Dissidenten?

Dazu möchte ich zunächst sagen, dass es sich beim Tibetproblem nicht um ein internes, nationales Problem handelt, wie etwa bei West- und Ostdeutschland oder Süd- und Nordkorea. Unser Problem ist, dass neue Gäste ohne eine wirkliche Einladung, aber ausgerüstet mit Waffen, mit Gewehren, zu uns gekommen sind und die totale Kontrolle übernommen haben. Angesichts dieser Ausgangslage müssen wir eine Lösung für die Tibeter und die Chinesen finden, die beiden gerecht wird. Was unser Verhältnis zu China angeht, so haben wir über Jahrzehnte versucht, zu einer besseren Verständigung mit der chinesischen Führung zu kommen. In dem Punkt ist unser Glaube an die Regierung leider immer schwächer geworden. Aber den Glauben an die chinesische Bevölkerung haben wir nicht verloren. Es gibt im Moment keinen wirklichen Kontakt zu Vertretern der Regierung. Gleichzeitig versuchen wir jedoch unser Bestes, um das chinesische Volk zu erreichen, und zwar über die Intellektuellen.

Und haben Sie damit Erfolg?

Diese Entwicklung ist ambivalent. Auf der einen Seite gibt es Anlass zum Optimismus. Als vor zwanzig Jahren, im März 1989, die Menschen in Tibet protestierten und sogar das Kriegsrecht verhängt wurde, hat sich keine einzige chinesische Stimme für Tibet erhoben. Heute ist das ganz anders. Seit der Krise vom März 2008 haben über 200 chinesische Intellektuelle, Hochschullehrer und Studenten die Regierung zu mehr Verständnis aufgefordert. Ebenso wurden seit der Krise fast 600 Artikel in chinesischen Medien veröffentlicht, die unsere Position klar unterstützt haben. Einige, wohlgemerkt chinesische Autoren haben sogar geschrieben, dass Tibet ein unabhängiger Staat gewesen ist und das Recht hat, für seine Unabhängigkeit zu kämpfen. Etwa ein Drittel dieser Beiträge wurde in der Volksrepublik China veröffentlicht; ein deutliches Zeichen dafür, dass unter den Intellektuellen in China das Verständnis für die Tibetfrage wächst.

Aber bei den Olympischen Spielen hatten man den Eindruck, dass auch der chinesische Chauvinismus stärker wird.

Das ist die andere Seite, die wir nicht leugnen können. Wir geben uns viel Mühe, die chinesische Bevölkerung zu erreichen, weil die Regierung die Propaganda verbreitet, die Tibeter seien gegen die Han. Leider hat sie damit teilweise Erfolg. Es gibt tatsächlich auch wachsende Vorbehalte der Chinesen gegenüber uns Tibetern. Landsleute haben mir berichtet, dass sie, wenn sie vor März 2008 für ein paar Tage nach Peking oder Schanghai gefahren sind, dort leicht Unterkunft gefunden haben. Seitdem wird ihnen häufig eine Unterkunft verweigert, nur weil sie Tibeter sind.

Dann sind die oppositionellen Chinesen Ihre natürlichen Verbündeten?

Es geht nicht darum, Bündnisse zu schmieden, sondern darum, eine tragbare Lösung zu finden. Mit der Regierung ist es gerade schwierig, aber es heißt doch, dass die Regierung für das Volk da sei, auch wenn die Kommunisten da manchmal etwas eigene Vorstellungen haben. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren haben sie immer gegen zwei Positionen agitiert: gegen den lokalen Nationalismus der Minderheiten und gegen den Han-Chauvinismus der Chinesen. In den letzten zwanzig Jahren hört man keine Agitation mehr gegen den Han-Chauvinismus, nur noch gegen den lokalen Nationalismus. Aber eine Regierung kann wechseln; das Volk nicht, und wir müssen deutlich machen, dass wir keinesfalls gegen die Chinesen sind, sondern ein friedliches Miteinander suchen

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