Start der 47. Bundesligasaison: Anstoß bitte!

Die neue Saison beginnt. Die taz fragt sich: Wird der schnelle Fußball Meister? Wo bleibt die große These vor dem ersten Anpfiff? Bleibt Edin Dzeko so gut? Zwei ganz persönliche Ansichten.

Zur Meisterschaft bitte da entlang. Bayerns Trainer van Gaal kennt den Weg. Bild: dpa

THESE 1:

Die populärste Frage der Fußballbundesliga ist dieselbe wie immer: Wer kann einen Titel des FC Bayern verhindern? Die wichtigste Frage lautet: Positionieren sich die Fußballunternehmen VfL Wolfsburg und 1899 Hoffenheim nachhaltig als Hauptkonkurrenten der Münchner - und wer rutscht dadurch ab?

Und damit zur Frage, die mich am meisten interessiert: Gibt es einen Clash der Fußballkulturen? Die spannende Kontroverse wird zwischen zwei Ausprägungen des modernen Angriffsfußballs ausgetragen. Auf der einen Seite: der Ballbesitzfußball. Grade noch scheinbar von gestern. Auf der anderen Seite: die Württemberger Schule. Grade noch scheinbar alternativlos.

Deren Protagonisten sind Ralf Rangnick (Hoffenheim), der ehemalige Jugendkoordinator des VfB Stuttgart, und der gebürtige Stuttgarter Jürgen Klopp (Borussia Dortmund). Das Prinzip: Nicht wer den Ball hat, hat den Vorteil, sondern wer ihn erjagt und den Gegner in dessen Rückwärtsbewegung mit Turbotempofußball aushebelt: schnelle Passfolge, minimaler Ballkontakt, im Zweifel ein Flugball.

Zwar will auch der Ballbesitz-Trainer, dass es schnell geht. Aber wenn das nicht geht, kommt nicht der Flugball, sondern der ballsichernde Quer- oder Rückpass, gerne auch bis zum Torwart. Es ist die alte Holland-Schule, die als erste dem Keeper Feldspieleraufgaben zuwies und die nun beim FC Bayern zurückkehrt. Louis van Gaal will Dominanz durch Ballbesitz. Während Felix Magath tendenziell eher der Württemberger Schule angehört, ist sein Wolfsburger Nachfolger Armin Veh eher auf Ballbesitz aus.

"Schöner" Fußball wird klassischerweise mit Barça, Arsenal, dem SC Freiburg, also mit Ballbesitzfußball gleichgesetzt. Als Prototyp des modernen Gegenteils und gar nicht schön anzusehen gilt Chelsea. Wenn Hoffenheim allerdings den Rangnick-Fußball so perfekt spielt wie im letzten Herbst, dann stillt er auch die romantische Sehnsucht nach "schönem" Fußball.

Zur Württemberger Schule gehört auch der neue Mainzer Trainer Thomas Tuchel, in Stuttgart einst von Rangnick eingeschult. Und ironischerweise auch der Freiburger Trainer Robin Dutt (ehemals Stuttgarter Kickers), der das Club-Markenzeichen Ballbesitzfußball abgeschafft oder "weiterentwickelt" hat. Dutts Vorgänger Volker Finke und seine Jünger sahen sich zuletzt bestätigt durch den Champions-League-Sieg des FC Barcelona, auch durch den EM-Gewinn der spanischen Nationalmannschaft. Und auch der EM-Titel wurde errungen gegen einen Trainer aus der Württemberger Temposchule: Joachim Löw.

PETER UNFRIED ist Chefreporter der taz

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THESE 2:

"Ah", sagt er und blättert zufrieden durch ein Saisonsonderheft, "ah, der alte Leitwolf ist zurück." Normalerweise hätte sie diese Überlegung, na ja, nicht gleich elektrisiert, aber doch ins Palaver gezogen. Nun sitzt sie da und sagt. "Hm." Mehr so aus Höflichkeit. Die Sache ist die: Ihr fällt zur kommenden Saison nichts ein. Gar nichts, die ganze Vorbereitungszeit war ein schwarzes Loch, kein bisschen aufgehellt durch die üblichen verwegenen Annahmen, bombensicheren Voraussagen und exquisiten Thesen.

Warum nur? War die Sommerpause zu lang? Zu kurz? Ist es eine Fußballdepression? Überdruss? Schwer zu sagen. Das ist ja das Problem. Alles ist wie immer, aber sie findet auf einmal alles larifari.

Die Betagter-Leitwolf-Idee zum Beispiel. Zwecks Selbsttherapie durchstreift sie ein paar Kader. Für die Annahme könnten sprechen: der HSV mit Zé Roberto (35), Leverkusen mit Hyypiä (35), Hertha mit Dardai (ach, überraschenderweise ist der erst 33); dagegen: Stuttgart (es sei denn, man hält Lehmann für führungsrelevant), Schalke (Führung? Auf dem Platz?), Hoffenheim (die müssen doch unter 30 sein als Feldspieler, ach nee, jetzt gibts ja Simunic, 31, der ist dann vermutlich Leitwolf in spe …). Mattes Fazit: Vielleicht ist ein 1-a-Führungsspieler Mitte 30 wichtig, vielleicht nicht. Na klasse.

"Bayern 1, Stuttgart 2, Wolfsburg 3." Er verkündet seine Tippliste. Bayern wird Meister, sagen alle, vielleicht ist es das: Eine Bayern-Meistersaison mit Ansage. Spannend wie ein Krimi, bei dem man den Mörder kennt. Andererseits: Wären die Bayern nicht so dominant, wären Spielzeiten weniger interessant, in denen sie es nicht sind. Schon beim Denken entlarvt sie diesen Gedanken als erbärmliche Durchhalteparole. Zur Stimmungsaufhellung ungeeignet. Jedenfalls für die kommenden zehn Monate.

Dann ist Sommer 2010. Er unkt laufend: Unsere sind so schlecht, das gibt ein WM-Debakel. Hm, denkt sie, nicht schön, andererseits: So what? Doch bei Nationalmannschaft fällt ihr etwas ein: Bernd Schneider ist weg. Wieder einer weniger. Ob sie einfach Anflüge von Alterswehmut umfangen?

Und plötzlich, mitten aus dem schwarzen Nichts heraus, ahnt sie: Edin Dzeko wird wieder eine wunderbare Saison spielen (wenngleich seine letzte in Deutschland). Na, geht doch. Da ist (wenngleich leicht eingetrübt) doch wieder Anteilnahme zu erkennen. Jetzt gilt es, übers Zusehen wieder ins Spiel zu finden. Anstoß bitte!

KATRIN WEBER-KLÜVER ist freie Sportjournalistin

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