Nouvelle Vague mit "3" auf Tour: Zuckersüße Entschleunigung

Das französische Produzentengespann Nouvelle Vague nimmt sich im Album "3" ein weiteres Mal Songs der New-Wave-Ära an und kommt auf Deutschlandtour.

Die neue Platte "3" von Nouvelle Vague besticht durch Bossa Nova, Country und Softeis-Reggae. Bild: screenshot/nouvellesvagues.com

Da haben sich Marc Collin und Olivier Libaux selbst ein Bein gestellt. Wer Punk- und New-Wave-Klassiker aus den 70ern und 80ern covert, darf nicht erwarten, dass die Kritik in Jubelstürme ausbricht. Vor allem, wenn die ursprünglich so rebellische Musik mit ihrem bedeutenden gesellschaftlichen und politischen Hintergrund auf einmal zu Bossa Nova und Easy Listening eingekocht wird. Die Kritiker, die selbst in dieser unruhigen Epoche aufgewachsen sind, fühlen sich offenbar persönlich beleidigt durch die Entmystifizierung ihrer Idole. Aber das ist ein großes Missverständnis.

Sind die Produzenten Marc Collin und Olivier Libaux doch selbst mit den Sex Pistols und Depeche Mode groß geworden. Man muss ihr Projekt Nouvelle Vague vielmehr als nostalgische Hommage verstehen: an eine Zeit des Umbruchs und deren furiose Künstler.

Das dritte Nouvelle-Vague-Album, schlicht "3" genannt, funktioniert auf den ersten Blick nach denselben Prinzipien wie die Vorgänger: Man nehme einen Evergreen, junge Sängerinnen, die zu dessen Hitzeiten noch in den Windeln steckten, ein wenig Bossa Nova, et voilà, fertig ist die Coverversion. Was sich einfach anhört, ist harte Arbeit - denn Nouvelle Vague schaffen es, die Schönheit der Melodien herauszuarbeiten, die in der Hektik der 70er und 80er oftmals völlig untergegangen sind. Dieses Mal haben die Franzosen allerdings nicht nur aus dem Fundus der Bossa-Nova- und Softeis-Reggae-Arrangements geschöpft, sondern auch andere Stile wie Country Music als Musikfarbe verwendet. Und noch etwas ist anders auf dem neuen Album: Einige Songschreiber sind offenbar so begeistert von dem Projekt, dass sie selbst an den Coverversionen ihrer Stücke mitwirken, zum Beispiel Martin Gore von Depeche Mode, Ian McCulloch von Echo and the Bunnymen und Samy Birnbach von Minimal Compact.

Gleich das Auftaktstück, eine angejazzte Coverversion von "Master and Servant", besticht durch seinen öligen Charme. Durch die fast schon übersexte Stimme von Melanie Pain bekommt der Song auf einmal einen ganz anderen Dreh und die Zeile "Domination is the name of the game / in bed or in life / theyre both just the same" passt wie die Faust aufs Auge. Die sparsame Untermalung des Refrains von Martin Gores dunkler Stimme zeigt, dass Original und Kopie trotz aller Unterschiede hervorragend zusammenpassen. Es folgt eine leider etwas beliebige Version des Violent-Femmes-Hits "Blister in the sun" und eine schlimme Adaption von "Road to Nowhere" (im Original von den Talking Heads), die sich anhört wie eine räudige Country-Nummer zum Mitschunkeln à la Boss Hoss. Sparen kann man sich außerdem den Plastic-Bertrand-Gassenhauer "Ca plane pour moi", der mit seiner Ska-Attitüde einfach nur nervt. Das tat er allerdings auch schon im Original.

Für jeden Ausfall gibt es allerdings ein positives Gegenbeispiel: Das beste Stück auf dem Album versteckt sich als Bonus-Track "Not knowing". Die östlichen Klänge der wenig bekannten israelischen Postpunk-Band Minimal Compact hören sich im Bossa-Nova- und Latin-Jazz-Gewand sehr stimmig an. Waren es beim Original Streichinstrumente und Xylofon, übernehmen jetzt Trompeten die Melodieführung. Die Bläsersequenzen erinnern zeitweise sogar an die atmosphärischen Songs von Calexico.

Auch beim zutiefst melancholischen und mythischen "All my colours" von Echo and the Bunnymen haben die Produzenten ganze Arbeit geleistet. Als hätten sie das Stück sorgsam auseinandergedröselt, die Gewichtung der Basslines neu verteilt, den Beat durchgeschüttelt und dann alles fein säuberlich wieder zusammengeschraubt. Im Original besingt Sänger Ian McCulloch die Magie der englischen Wälder; Trommeln, Nebel und Pathos schaffen eine unwirkliche Stimmung. Etwas steckt in dem Stück, doch es bleibt reichlich diffus. Dieses Manko haben Nouvelle Vague, die wirklich alle Tiefen aus dem Gänsehaut-Song herausgeholt haben, eliminiert.

Ihr drittes Album zeigt einmal mehr: Ihre größte Stärke liegt darin, Melodien ans Tageslicht zu befördern, wo vorher vermeintlich gar keine waren. Das rohe und wilde Punkgeschredder wird plötzlich zum geschliffenen Diamanten, die hektischen New-Wave-Songs werden aufs Zuckersüßeste entschleunigt. Mehr Ehre kann man den Stars von damals eigentlich nicht erweisen.

Nouvelle Vague "3" (Pias/Rough Trade) Konzerte: 9. 9. Düsseldorf, 10. 9. Mannheim, 11. 9. Dresden, 12. 9. München

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