Wahlkampf im Zug durch Deutschland: Merkels Okzident-Express

Willy Brandt punktete in der damaligen DDR durch seinen Besuch mit Salonwagen. Die Kanzlerin versucht, an diesen Erfolg anzuknüpfen. Diesmal im Westen.

Die Aktion wirkt aus der Zeit gefallen, der Kanzlerin aber gefällts. Bild: dpa

Die Reise beginnt schon am Vorabend mit Hindernissen. Im fahrplanmäßigen ICE von Berlin nach Bonn ist der Kühlschrank des Speisewagens ausgefallen, zu essen gibt es nur Erbsensuppe oder Chili con Carne. "Sind die Portionen immer noch so mickrig?", fragte einer jener Passagiere, die noch immer mit der Absicht in den Zug steigen, sich über Ex-Bahnchef Mehdorn zu erbittern. Die Erwartung wird erfüllt. Die Kellnerin stolpert und verteilt, ,"Scheiße" rufend, die letzte Portion Chili auf Teppichboden, Sitzen und Kleidung.

Am nächsten Morgen geht es zurück in die Zeit, als die Bahn noch Bundesbahn hieß, die ganz schnellen Züge nur einmal am Tag fahren ließ und jedes Jahr ein Dutzend Nebenstrecken stilllegte. Willy Brandt war Bundeskanzler, er fuhr im Wahlkampf mit dem Zug. Es gibt die berühmten Bilder aus der Kampagne 1972, die Brandt im Kreis von Journalisten im Speisewagen zeigen. In Erfurt lässt er sich von den Massen bejubeln.

Am Dienstag steigt auch die Kanzlerin in den Wahlkampfzug. Vereinnahmt sie jetzt auch noch den SPD-Kanzler, nachdem die Zeit zwischen 1969 und 1982 in jenem Historienfilmchen gar nicht vorkam, mit dem die CDU auf Parteiveranstaltungen ihr bundesdeutsches Geschichts- und Gedenkjahr einläutete?

Sie redet jedenfalls nur über Adenauer. "Das hätte sich Konrad Adenauer auch gewünscht", sagt sie, nachdem draußen gerade die Loreley vorbeigezogen ist. Eine Wahlkampfreise, die nicht nur von Bonn nach Frankfurt führt, sondern von dort auch weitergeht über Erfurt und Leipzig nach Berlin. Bisher herrschte die Legende vor, der Architekt der Westbindung habe beim Überqueren der Elbe die Vorhänge zugezogen und Merkels uckermärkische Heimat als asiatische Steppe betrachtet. Auch mit dem TEE "Rheingold", in dem Merkel am Dienstag unterwegs war, ist Adenauer nie gefahren. Der Zug stammt aus den Sechzigern, Adenauer ließ seinen Salonwagen an reguläre Züge anhängen.

Überhaupt wirkt diese Reise seltsam aus der Zeit gefallen. Angekündigt hatten sie die CDU-Wahlkämpfer, als Merkel Anfang August aus dem Sommerurlaub zurückkehrte, Helmut Kohl besuchte und auch sonst in BRD-Nostalgie badete. Die Umfragen signalisierten klare Mehrheiten für Schwarz-Gelb.

Inzwischen sind die Werte leicht gesunken, die Kanzlerin gilt in Umfragen und Zeitungskommentaren als Verliererin des Fernsehduells vom Wochenende. Die Zweifel an ihrer konsensualen Kampagnenstrategie wachsen. Viele fragen sich, ob sie mit ihren überparteilich-monarchischen Allüren allmählich übertreibt. Über alles will sie mit sich reden lassen, zuletzt sogar über die von der SPD verlangte Börsenumsatzsteuer.

So gerät die Reise zu einem Ausflug in die Niederungen der Partei. In Koblenz empfängt sie auf dem Bahnhofsvorplatz der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Christian Baldauf, der beflissen Merkels Garantie der Spareinlagen lobt - "bis 50.000 Euro". Merkel korrigiert, da gebe es keine Begrenzung. Baldauf scheint darüber ein wenig beleidigt zu sein, in Ludwigshafen habe er das schon mal so gesagt, da sei kein Widerspruch gekommen. Direkt hinter Baldauf und Merkel steht Franz Josef Jung, der glücklose Verteidigungsminister. Er wird in den Begrüßungsansprachen nicht mal mehr erwähnt.

Dann geht es den Rhein entlang. An den Zugfenstern zieht das alte Westdeutschland vorbei, wie es westdeutscher kaum geht. Burgenromantik, Weinberge, Rüdesheim mit seiner Drosselgasse. Ausflugsziele für die Kegelclubs des Ruhrgebiets. Orte, in denen die Gasthöfe nach acht Uhr abends kein Essen mehr servieren. Gegenden, in denen die CDU so etwas ist wie die PDS des Westens. Eine Klientel, die mit Merkel noch immer fremdelt, die sie an diesem Tag umwerben will.

Drinnen im Salonwagen erläutert Merkel, wie Adenauer sich auf den Tag genau vor 60 Jahren mit einer knappen FDP-Mehrheit zum Kanzler wählen ließ, obwohl er sich auch auf die weit zahlreicheren Parlamentsstimmen der SPD hätte stützen können. Sonst hätte er die soziale Marktwirtschaft nicht durchsetzen können, sagt sie.

In Frankfurt, der nächsten Station, wartet schon die triste jüngere Vergangenheit. Vor dem Bahnhof wartet Roland Koch, der sich nur dank des hessischen SPD-Desasters im Amt des Ministerpräsidenten halten konnte; ringsherum die Türme der Banken, deren Selbstgewissheit vor genau einem Jahr durch die Lehman-Pleite erschüttert wurde.

Dann Erfurt, wo bei der Planung der Tour noch Dieter Althaus als Ministerpräsident amtierte. Althaus wollte am Dienstag erneut die Sitzung des Landeskabinetts leiten. Am Bahnhof steht für Merkel jedoch Birgit Diezel bereit, die designierte Landesvorsitzende der CDU. Künftige Koalitionsaussichten sind ungewiss. Wie in Berlin.

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